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Nach wie vor: mitreißend

OperNach wie vor: mitreißend

Jesus Christ Superstar im Nürnberger Staatstheater

„Die Rollen von Judas und Jesus erfordern Interpreten mit kräftigen, modernen Gesangsstimmen von beträchtlichem Umfang, die von Caiaphas und Annas einen Basso profondo und einen hohen oder Countertenor; ansonsten genügt modernes Standardkönnen. Das Stück kommt mit einem einfachen, aus Gerüsten und Plattformen bestehenden Bühnenbild aus, vor dessen Hintergrund sich die einzelnen Episoden abspielen.“
Kurt Gänzls Einschätzung der Minimalanforderungen an die Interpreten und das Setting von Jesus Christ Superstar, das er in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, fixierte, muss nicht widersprochen werden. In ersterem Sinn ist das vor gut einem halben Jahrhundert uraufgeführte Stück tatsächlich eine „Rock-Oper“. Im Haus des Herren gibt es eben viele Arten von Musicals: traditionelle, avantgardistische, ihrer Zeit vorauseilende und mainstreamartige, wobei das Eine schnell ins Andere changieren kann. Ist Jesus Christ Superstar ein modernes Musical? Zweifellos, auch wenn 53 Jahre für ein Bühnenstück keine Kleinigkeit sind. Die Musik klingt nach wie vor „frisch und ungezwungen“, wie Gänzl schrieb – und sie ist erstaunlich vielfältig. Grund genug also, das Stück im Opern-Haus auf die Bühne zu bringen, wo es das Publikum (Schnitt: 60 Jahre alt) mit seinen sog. jugendlichen Rhythmen, Harmonien und Texten zum finalen Beifallssturm hinzureisen vermag. Nun ist die offensichtlich zeitlos packende, zwischen atonalen Flächen, Folksongs (für Mary Magdalene), Rocksongs (für Judas Iscariot und Jesus), Revueeinlagen (für Herod) und ganz „normalen“ Songs vermittelnde Musik das Eine. In Nürnberg beschreitet man den Weg des sog. Regietheaters, d.h.: Man nimmt das Stück nicht allein als mehr oder weniger nostalgisch rezipierbaren Klassiker ernst. Der Regisseur Andreas Gergen hat zusammen mit seinem Bühnenbildner und Videographen Momme Hinrichs und der Kostümgestalterin Alexandra Kica eine Szene geschaffen, die die Handlung aus dem ersten Jahrhundert n. Chr. in die Gegenwart holt – wie ja auch die originale Szenographie, dank ihrer Texte und der 1971 ultramodernen Musik, schon nicht mehr als historisches Trauerspiel begriffen werden konnte. Der Nürnberger Jesus ist ein neuer Messias, der es nicht sein will: als Kämpfer gegen die Allmacht und Korruption zumal der katholischen Kirche. Aus dem jüdischen Klerus wird die Clique des Vatican, das „Kreuzige!“ brüllen nun die Schwestern und Brüder eines hermetisch verkapselten Vatican, in dessen Mauern die Hinrichtung des Reformators vor sich geht. Aus Herodes wird der Papst, aus Pontius Pilatus ein hochrangiger Kardinal, aus den Priestern die Kardinäle, denen der Kirchenkritiker und seine Leute in die Suppe spuckt.
Ein von Neuem gekreuzigter „Jesus“ in den heiligen Hallen der römischen Kirche, kann das dramaturgisch gut gehen? Es kann, wenn man sich mit Dostojewskis Großinquisitor rüstet und Theater, auch eine Rock-Oper, als das begreift, was es ist: ein Gleichnis, keine „Realität“, ein Bild als höhere symbolische Wirklichkeit. In diesem erweiterten Sinn funktioniert die Inszenierung ganz hervorragend, wozu der traurige Umstand beiträgt, dass der aktuell amtierende Papst als Reformator des Ungetüms namens Katholische Kirche komplett versagt hat und die von Karlheinz Deschner einst geschriebene „Kriminalgeschichte des Christentums“ minütlich weitergeführt wird. Kein Zweifel: Menschen wie der „Jesus“ des Musicals, die es ernst meinen mit der Veränderung der Kirche, müssen so am unchristlichen Machtapparat scheitern wie Dostojewskis Christus, der als Wiederkehrer das institutionalisierte „Christentum“ gefährlich stört. Das Einzige, was hier noch konsequenterweise taugt, ist übrigens Austreten, nicht Weitermachen (Maria 2.0 irrt auch in diesem Fall).
Soviel zur durchaus unheimlichen Aktualität des Werks, der die Inszenierung mit einer so schlichten wie sinnfälligen Neucodierung und eindeutigen Projektionen auf die Sprünge hilft. Ein römischer Ketzerprozeß gegen eines Urchristler in der Sixtinischen Kapelle: das ist schon apart. Ein neuer Jesus unter dem Gekreuzigten ist schlicht faszinierend. Eine Riege von Priestern und „Jesus People“ ist schön anzusehen. Was musikalisch bleibt, ist die Qualität des Abends als, pardon, „show“. Denn auch ein Jesus Christ Superstar muss zunächst einmal mit charismatischen Stimmen und Spielern besetzt werden. Die hat das Nürnberger Haus in Fülle. Lukas Mayer wirft sich mit voller Energie und einem gewaltigen Vokalumfang in seine Rolle: bis zur zynischen, von Judas inszenierten bzw. imaginierten Live-Show des gefolterten und sterbenden „Superstars“, der uns in grausamer Größe per Live-Video serviert wird. Till Ormeloh ist, stimmlich wie gestisch, ein starker Judas mit der geforderten „kräftigen, modernen Gesangsstimme“, und die Dritte im Bunde der Hauptpartien, die Mary Magdalene der Dorina Garuci, bezaubert durch den soul ihrer starken Stimme und eine gehörige optische Präsenz. Wichtig und voller negativer Energie: der Pontius Pilatus des Marc Clear, ein alter Kirchenmann an der Bruchstelle zwischen Pragmatismus und Brutalität. „39 lashes“, also die Auspeitschung, wird szenisch nur angedeutet, was der Härte nichts nimmt, weil Clear sprachlich brillant und schroff agiert. Kontraste müssen sein. Sehr lustig in seinem Vaudeville-Auftritt samt Ministrantinnen: Hans Kittelmann als Herod, der gern mit seinen androgynen Begleitern das von Francesc Abós choreographierte Beinchen schwingt. Ebenso charismatisch: der Kaiphas des bassgrundierten Alexander Alves de Paula. Musical kann eben doch mehr als Abziehbilder auf die Bühne stellen.
Zum Vergnügen des kurzweiligen wie aufrüttelnden Abends, der dem berühmten Affen Zucker gibt, ohne die Sache Jesu zu verraten, trägt last not least auch die kleine Band bei. Es stimmt schon, was Ulrich Müller in seinem kleinen, guten Buch über Andrew Lloyd Webbers Musicals schrieb: der Stilmix „wirkt nach wie vor mitreißend“. Auch mal wieder in Nürnberg.

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