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Tonbandgespräche mit Wolfgang Wagner Bayreuth 13.8.1999

Am Ursprung dieser Serie ‘Bayreuth erlebt’ stand...

Wann wird man je versteh‘n?

BayreuthWann wird man je versteh‘n?

Über Mahnmale, Gedenksteine und Soldatengräber
auf dem Stadtfriedhof 

Auf vielen Familiengräbern wird durch entsprechende Inschriften auf den Grabsteinen noch immer das Andenken an jene Angehörigen wachgehalten, die vor Jahrzehnten in den beiden Weltkriegen ums Leben kamen und meist fern der Heimat bestattet wurden. Darüber hinaus finden sich im Stadtfriedhof aber auch bemerkenswerte Grab- oder Gedenksteine für die Opfer schon länger zurückliegender Kriege. So erinnert unweit der Grablege für Siegfried, Wieland und Wolfgang Wagner ein bereits ziemlich verwittertes Sandsteindenkmal an Emile Taverne und Valentine Pigny. Beide waren im deutsch-französischen Krieg von 1870/71 in Gefangenschaft geraten, im Gefangenenlager zu Bayreuth an Pocken erkrankt und verstorben. Wohl nur wenige Jahre danach wurde ihnen „par leurs compatriotes“ (von ihren Landsleuten) der Grab- oder Gedenkstein aufgerichtet, wie eine gerade noch lesbare Sockelinschrift bezeugt. Ein ganz ähnliches und sicher zur selben Zeit errichtetes Denkmal steht auf dem Friedhof in St. Georgen, erinnert aber an sechs französische Soldaten, darunter noch einmal an Emile Taverne und Valentine Pigny. Aus dem zeitgenössischen Sterberegister der Katholischen Stadtpfarrei Bayreuth (Duplikat im Stadtarchiv) geht eindeutig hervor, dass vier der Franzosen in St. Georgen beigesetzt wurden. Bei Taverne und Pigny dagegen heißt es nur, sie seien „dahier“ beerdigt worden. Höchstwahrscheinlich hat man sie also nicht in St. Georgen, sondern im Stadtfriedhof zur letzten Ruhe gebettet, womit sich die Existenz zweier gleichartiger Franzosensteine schlüssig erklären lässt. Dass solche Grab- und Gedenksteine im einstigen „Feindesland“ geduldet wurden, scheint mir höchst bemerkenswert, spricht es doch für wechselseitigen Respekt der ehemaligen Gegner und für eine gewisse Ritterlichkeit, die man in den Konflikten unserer Tage schmerzlich vermisst.

Dass der Erste Weltkrieg noch ungleich mehr Opfer forderte als der blutige Krieg von 1870/71 und das grausige Geschehen in Deutsch-Südwest-Afrika, machen im Stadtfriedhof schon rein optisch mehrere große Gräberfelder deutlich. So liegen etwa rechts des Südwest-Denkmals die sterblichen Überreste deutscher Soldaten in langer Doppelreihe parallel zur Friedhofsmauer. Etwas weiter unterhalb stößt der Friedhofsbesucher auf ein noch größeres Feld mit Soldatengräbern. An seinem Rand erhebt sich zwischen zwei Bäumen ein stattliches Monument, dessen Spitze vom fünfzackigen roten Stern (Stella d‘Italia), dem italienischen Nationalsymbol, bekrönt wird. Laut rückseitiger Inschrift widmete der italienische Staat das Denkmal „AI SUOI FIGLI“ (seinen Söhnen), die 1915 bis 1918 ihr Leben ließen. Auf der Vorderseite sind die Namen der elf Kriegsgefangenen festgehalten, die in Bayreuth verstorben und hier bestattet sind. Im angrenzenden Gräberfeld aber ruhen nicht weniger als 22 Rumänen und 160 Russen.

Wie den deutschen wurde auch den russischen und rumänischen Soldaten je ein schlichtes Steinkreuz gesetzt, auf dem Name, Geburts- und Sterbejahr eingemeißelt sind. Bei Russen und Rumänen ergänzte man die Nationalität („Rumänischer Soldat“ oder „Russischer Soldat“), bei den Deutschen Dienstgrad und Truppenteil. Erfreulicherweise wurden alle Inschriften vor kurzem nachgezogen und sind nun wieder gut lesbar. Das hat, so meine ich, durchaus einen tieferen Sinn. Erst Namen und Lebensdaten nämlich machen dem Betrachter bewusst, dass unter jedem Steinkreuz des Gräberfeldes ein Mensch mit je eigener Individualität begraben liegt. Die schiere Zahl der Namen und Kreuze mahnt die jetzt Lebenden weit mehr zum Frieden, als es die pauschale Inschrift eines Denkmals je vermöchte.

Die Opfer des Zweiten Weltkriegs, der noch viel mehr Menschen das Leben kostete, wurden in Bayreuth mehrheitlich auf dem Friedhof in St. Georgen bestattet. Aber auch im Stadtfriedhof finden sich nicht wenige Gräber, Gedenksteine und Mahnmale, von denen mich eines durch die aktuellen Kämpfe in der Ukraine besonders anrührt. Auf den Gräberfeldern für die Opfer des Ersten Weltkriegs sucht man vergebens nach „ukrainischen“ Soldaten. Da die Ukraine zum Zarenreich gehörte und erst gegen Ende des Ersten Weltkrieges für kurze Zeit Selbständigkeit erlangte, galten hierzulande wohl alle zaristischen Soldaten als „Russen“. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg aber wurde im Stadtfriedhof ein dreiteiliges steinernes Monument von beachtlicher Größe errichtet, dessen denkbar knappe deutsche Inschrift „48 Ukrainer – Kriegsopfer 1945“ jedoch manche Fragen offen lässt.

Auf einem zweistufigen Sockel erhebt sich eine hohe, mit kunstvollem Sternenmuster geschmückte und von einem Kreuz überragte Stele. Linker Hand lehnt sich eine rechteckige, kaum halb so große, aufrecht stehende Steinplatte an, die den deutschen Text und darüber vier Zeilen in ukrainischer Sprache und Schrift trägt.

O, dass doch keine Mutter um ihre Söhne weinen und trauern müsste – diesen Wunsch drückt, frei übersetzt, die kyrillische Inschrift aus. Links der deutschen Inschrift zeigen zwei sehr schmale, parallele Streifen Reste einer Bemalung in den ukrainischen Nationalfarben Gelb und Blau. Rechts von Platte und Stele liegt schräg auf den beiden Stufen ein von zwölf Sternen eingefasstes Oval mit der Trysub (Dreizack), dem nationalen Symbol der Ukrainer. Über Leben und Sterben der 48 ukrainischen Kriegsopfer konnte bislang nichts Verlässliches ermittelt werden. Unbekannt ist auch, wer das Monument veranlasst und ausgeführt hat. Bedrückend aber ist, dass ukrainische Soldaten und Zivilisten in unseren Tagen wieder Opfer eines verbrecherischen Krieges werden. Mitleid empfinde ich jedoch auch mit den irregeführten russischen Soldaten, die dabei ihr Leben oder – vielleicht noch schlimmer – ihre Menschlichkeit verlieren.Über Gräbern weht der Wind. Wann wird man je versteh‘n?, sang einst Marlene Dietrich (1901-1992). Ob die Menschheit jemals aus der Geschichte lernen und „verstehen“ wird? Angesichts der jüngsten Ereignisse läuft man leicht Gefahr, einer pessimistischen Weltsicht zu verfallen. Dagegen verkündet seit rund 300 Jahren das in meinen Augen schönste und beeindruckendste Grabmal auf dem Stadtfriedhof, wohl eine Steinmetzarbeit von Elias Räntz (1649-1732), unbeirrt Hoffnung und Zuversicht. Nahe bei Liszt-Mausoleum und Chamberlain-Grab befindet es sich in einem der eingangs erwähnten Grufthäuser.

Die Deckplatte zur Gruft scheint in zwei Teile zersprungen. Ein kleiner Engel bietet – die Anstrengung ist ihm ins Gesicht geschrieben – seine ganze Kraft auf, die beiden Bruchstücke auseinander zu drücken. In dem so entstandenen Spalt werden Schädel, Skelett und Gedärm eines Toten sichtbar, der sich anschickt, dem Grab zu entsteigen. Mit barocker Drastik und Theatralik ist hier der Glaube an die Auferstehung der Toten am Jüngsten Tage und die Hoffnung auf ein Leben in einem besseren Jenseits dargestellt. Glücklich, wer sich den kindlichen Glauben daran bewahren konnte! Hat man ihn jedoch verloren, so bleibt, will man nicht verzweifeln, nur die vage Hoffnung, die Menschheit werde vielleicht doch irgendwann in ferner Zukunft zur Einsicht gelangen und zu einem friedlichen Miteinander finden.

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