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Bayreuth
Freitag, 2. Dezember 22

Flieg, Holländer, flieg!

Bayreuther FestspieleFlieg, Holländer, flieg!

Gut nach Wagner: Uwe Hoppes Holländer-Parodie.

„Wehr dich, Erich!“ Wir haben das schon mal gehört, vor vielen Jahren. Damals hiess das Stück Tristan, der fliehende Irrländer. Kein Wunder, schon seit den 80er Jahren spielt die Studiobühne Bayreuth in Steingraebers Hoftheater Stücke auf und nach Richard Wagner. Viele Bayreuther dürfte den Tristan oder Lohengrin allein durch die Werke Uwe Hoppes kennen, manch Festspielbesucher dürfte manch Interpretation einer gerade oben, auf dem Hügel, laufenden Oper besser, intelligenter und tiefsinniger finden als die Fassungen, die im Hohen Haus angeboten werden.

Nun also wieder ein Holländer. Senta ist eine Tochter der Luft und eine Schwester des Todes; nicht allein der bleiche Kaufmann sehnt sich nach dem, was Wagner als „Erlösung“ bezeichnet hat. Erlösung, was ist das? Eine geglückte Paarbeziehung, dies wohl vor allem. Hoppes Senta will auch fliegen: hinaus aus ihrem Alltag, den sie für spießig hält. Hoppe macht sie, sehr tricky, zu einer Künstlerin, genauer: einer Malerin; das Bild, das sie sich vom Holländer macht, ist ihr eigenes. Dass sie ihn schon geahnt hat, ist genuin wagnerisch: so wie Elsa und Brünnhilde kennt sie schon ihren (zweifelhaften), zu erlösenden Erlöser. Das Stück könnte auch „Flieg, Senta, flieg“ heissen, wo es gilt, eine sich nach Freiheit aus den bürgerlichen Banden hinaussehnende junge Frau auf ein Gespenst der ewigen Unerlöstheit treffen zu lassen. So schroff auch Hoppe – er kennt seine Nike Wagner, die darüber einen klugen Aufsatz geschrieben hat, sehr gut – den Holländer als Gespenst eines offensichtlich unaurottbaren Kapitalismus, also eines tödlichen Prinzips, auf die Bühne stellt, so wenig stellt er seine Verzweiflung in Frage; am Mann, an dessen Händen Blut klebt (er ist Menschenhändler und vertreibt „gute Erden“ und Diamanten), hängt die brutale Sucht des Immer weiter und Immer mehr,  die ihn weitertreibt in den Weltschmerz. Hoppes Dramaturgie bestand und besteht stets aus sprachlichen und dramatischen Gegensätzen, in deren Holzschnitthaftigkeit gelegentlich so etwas wie Poesie, die Ahnung etwas Metyphysischen steckt, auch wenn die „Liebe“ immer der Skepsis ausgeliefert wird. Im Licht von Wagners Erlösungstheater ist das rechtens, als produktives Mittel der Spannungssteigerung geradezu wie von Sarte entworfen. So und nur so kann eine Figur wie die der Mary entstehen: sie war nicht immer die langweilige Aufpasserin, sondern hat ihr Leben mit sex, drugs and rock‘n roll gelebt, um sich, gescheitert an der Freiheit, in den Hafen der Bürgerlichkeit zurückzuziehen. Und Erik ist weit mehr als der geschädigte Dritte und als Jäger ein Mann der Ordnung. Hoppe gönnt ihm einen kleinen Monolog, in dem die Hoffnung auf ein gutes, ökologisch sauberes und auf Freundschaft basierendes (Zusammen-)Lebens nicht denunziert, sondern als vernünftige Alternative zu Dalands und Holländers Gespenster-Kapitalismus, auch zu Sentas Träumen entworfen wird.

Am Ende scheitern sie alle: Mary an ihrer Unfähigkeit, Senta vor dem Mann zu bewahren, den auch sie, Mary, sehr gut kennt, Senta am Holländer, der ihr, indirekt durch Eriks Kugel, den Tod bringt, Erik an Senta (die Frage,m was da vorher lief, gehört zu den ungelösten der Wagner-Philologie), schliesslich Daland am Holländer, dessen Schiff mit allen „Schätzen“ – das ist das Märchen – für immer untergeht. Vorbei die Vision eines wahnsinnigen „Weltimperiums“. Was bleibt, ist eine von Mary zitierte wagnersche Regieanweisung. Da steigen dann Senta, die dem ewig jungen Gespenst denn doch nicht Treue bis in den „Tod“ mehr schwören konnte, und der Holländer aus dem Meer, steigen zum Himmel und halten sich eng umschlungen: „erlöst?“ Das Fragezeichen klingt deutlich aus, den Rest muss man, ganz wie bei Wagner selbst, einfach glauben. Wohin fliegen also die Beiden? Und fliegen sie wirklich, jetzt, nach dem Tod?

Nein, Hoppe schrieb nicht, wie früher gelegentlich gesagt wurde, eine Parodie auf Wagner, oder anders: Parodie ist, rein literaturwissenschaftlich betrachtet, alles, was sich strukturell und motivisch einfach auf eine Vorlage bezieht. Eine Parodie muss nicht zum Schenkelklopfen reizen. Hoppe schuf auch mit Flieg, Holländer, flieg! eine konzise, interpretierende Nacherzählung, die – so hat‘s gerade Valentin Schwarz mit dem Ring gemacht – das Stück weiterdenkt, tief in die Figuren hineinleuchtet und deren Spektrum bedeutend erweitert, wobei er, und auch das ist in bestem Sinne witzig, nicht allein aus dem Holländer-Textbuch, sondern auch aus anderen Wagner-Dramen leichthändig Verszeilen zitiert. Nur Daland bleibt der räuberische Kaufmann, der er schon immer war: der überlebende Kapitalist, der gewiss auch noch nach dem Tod seiner Tochter und seines Fast-Schwiegersohns auf Kosten der Ärmsten seine Geschäfte betreibt.

Riesenbeifall also für ein gutes Stück – und die Darsteller, die das alles in die Gegenwart holten: Annette Zeus als Senta, Lukas Stühle als Holländer, Conny Trapper als Mary, Lukas Vanderheiden als Erik, Joseph Maisel als Daland. Schluss-Satz: Es wäre schön, wenn die Studiobühne diese exzellente Produktion so lange wie den Holländer in der Interpretation Dmitri Tscherniakows spielen würde. Man sieht schon daran, wie offen und robust gegenüber selbst dezidierten Deutungen Wagners Holländer ist.

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