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Großer Falter und kleine Kirschen

BotanikGroßer Falter und kleine Kirschen

„Faszination Natur“ im Ökologisch-Botanischen Garten

Schneeglöckchen im Februar, Goldregen im Mai“ – so begann vor über 50 Jahren ein Schlager, der vom jungen Hein Simons alias Heintje geträllert wurde. Die Worte fallen dem Besucher ein, der sich in eine faszinierende Schau begibt. Nein, Frucht- und Blumenstücke, wie Jean Paul das genannt hätte, sind gewiss nicht nach jedermanns Geschmack, die detaillierte Feinmalerei von Nüssen, Gräsern, Pollen und Blättern scheint vielleicht nur etwas für sog. Spezialisten – aber es ist unmöglich, von all den Blättern nicht gefesselt zu werden, die noch bis Ende März in reicher Fülle zu einem sinnvollen Ganzen gehängt wurden. Botanische Malerei, so heisst‘s im Fachjargon. Die Faszination steckt schon im Titel der Ausstellung, die im Ökologisch-Botanischen Garten mit sechs Künstlerinnen bekannt macht, die ihr Handwerk fast sinnetäuschend verstehen. Angela Danner, Leslie Bocker, Carina Irlbacher, Susanne Jampen, Jutta Leonhard und Barbara Wißling taten sich zusammen, um die Ergebnisse ihrer intensiven Naturbeobachtungen zu präsentieren. Was nun zusammenkam, ist ein Panorama der Farben und Formen, das deshalb so überwältigt, weil es auf jegliche Zutat verzichtet. Man sieht: die Kannenpflanze, die Seerose, den Granatapfel und den Feldsperling. Man sieht: das Lungenkraut und das Haselnussblatt, den Ingwer und ein paar Kirschen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Man begreift die Schönheit der Natur – und der Naturmalerei. In der Fülle der Blätter und der Unterschiede der Handschriften enthüllt sich ein Spektrum des Ästhetischen, das selbst jene Botokuden zu begeistern vermag, die „an sich“ mit den (vermeintlich) toten Gegenständen der Natur wenig anzufangen wissen. Dabei hat erst kürzlich das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg mit einer Ausstellung von Zeichnungen und Gemälden des Nürnberger Dürer-Nachfolgers Hans Hoffmann bewiesen, dass die Blüten-, Frucht- und Tiermalerei ein wichtiges Thema der Kunstgeschichte ist; in Zeiten ökologischer Krisen muss sie ihre Legitimation zumal dann nicht beweisen, wenn selbst dem Stilleben und dem Käferbild eher skeptisch zugeneigte Zeitgenossen in den Blättern das Schönste entdecken, was Kunst zu bieten vermag: die Vergegenwärtigung des Sterblichen. Der Zuschauer muss nicht unbedingt das Wort von der Ehrfurcht bemühen, wenn es darum geht, dem Gezeichneten, den Mirabellen, Lotusblüten, Hakenlilien, Rhododendron-Blättern und Walnüssen, den Faltern, Eisvögeln und Blaumeisen, und ihren Zeichnerinnen gerecht zu werden. Es reicht zunächst, darauf hinzuweisen, dass das getreuliche Abkupfern der Naturerscheinungen zu den Tugenden aller großen Maler gehört(e). Der Rest ist Vergnügen: Vergnügen an den deliziösen Erinnerungen an die Werke einer Maria Sibylla Merian, die vor 350 Jahren im nahen Nürnberg lebte, zeichnete und publizierte.

„Es gibt Menschen“, so Heintje im Jahre 1979, „die schau‘n sich nur Bilder an, wollen nie etwas andres seh‘n, doch die Bilder, die jedes Jahr uns schenkt, die sind genau so schön.“ Man kann‘s auch anders sagen: Es ist gut, dass es die Natur und ihre schönen, weil genauen Ab-Bilder gibt. Die Ausstellung, die noch bis zum Winterende besucht werden kann, um Lust zu machen auf den Frühling, zeigt, dass uns nicht nur ein rotbrauner, wunderbar nuancierter Wiesenfuchs anschauen kann. Mag sein, dass eine Spitzpaprika und ein paar schimmernde Tomaten keine Münder haben – die Kunst der sechs Malerinnen und Zeichnerinnen hat einen Ausdruck, der alles andere als stumm ist.

Faszination Natur – Malereien und Zeichnungen. Gemeinschaftsausstellung im ÖBG, Universität Bayreuth. Bis 22. März 2023.

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