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Barock und Bollywood. Leonardo Vincis bejubelter “Alessandro nell’ Indie” eröffnete das Festival Bayreuth Baroque

Bayreuther FestspieleBarock und Bollywood. Leonardo Vincis bejubelter "Alessandro nell' Indie" eröffnete das Festival Bayreuth Baroque

Leonardo Vinci gehört zu jenen Komponisten der sog. Barock-Oper, die in den letzten Jahren eine erstaunliche Renaissance erlebt haben, denn von seinen immerhin 18 überlieferten Bühnenwerken (von insgesamt 33 bezeugten) liegen inzwischen nicht weniger als sechs (Partenope, Gismondo, Artaserse, Didone abbandonata, Siroe und Catone in Utica) auf Tonträgern, manche sogar auf DVD vor.

Man kann nur schwer hoffen, dass die überaus geniale Produktion des Alessandro nell‘ Indie, die am 7. September 2022 im Rahmen des Festivals Bayreuth Baroque nach knapp 300 Jahren ihre erste Wiederaufführung erlebte, auf DVD veröffentlicht und von einem sehr, sehr guten Bildregisseur und Kamerateam verewigt wird.

Man muss kein großer Fan der Gattung Opera seria sein, um ein Vergnügen an der vier Stunden kurzen Opernproduktion zu haben, die den Komponisten auf eine Weise aus der Versenkung holte, die noch dem letzten Opernfreund beweisen könnte, dass es „alte“ Opern nicht gibt – zumindest dann nicht, wenn sie so lebendig, vital, ergreifend und ästhetisch überwältigend gemacht werden. Wieder hat Max Emanuel Cencic, der Intendant des Festivals, seine glückliche Regie-Hand bewiesen und ein Team engagiert, das mit sehr spezifischen Mitteln die Besonderheit der Alessandro-Oper ins Heute bringt. Vinci war der erste Vertoner des Librettos des Textbuch-Papstes Metastasio, der mit dem Text einen coup gelandet hatte; noch 1824, nach 90 weiteren Vertonungen, sollte das Büchlein komponiert werden dem sich auch Händel (mit dem Poro) und Hasse (mit der Cleofide) angenommen hatten. Cencic hatte nun die großartige Idee, das Stück, das auf idealtypische Weise zwischen dem Westen (dem hellenischen Alexander) und dem Orient (der Welt der Inder) vermittelt, zugleich in einen englischen Königspalast des späten 18. Jahrhunderts und nach Bollywood zu verlegen, um ein pures, dramaturgisch angenehm lockeres Fantasiereich zu erfinden, das doch Metastasios und Vincis Seelentheater ernst nimmt. Haben wir es also im ersten Teil mit einer brillanten show zu tun, in der die Arien permanent von Tänzern begleitet werden, geht es ab dem zweiten Akt ans sog. Eingemachte. Die Affekte, die zumal das Hohe Paar, Cleofide und ihr Poro, von Alessandro besiegter König von Indien, besetzen, ziehen tief in ihre Herzen hinein – und in die der Zuhörer, die plötzlich merken, dass hinter all dem zur Konvention gewordenen Vernunfttheater eines Metastasio die Gefühle lauern, die durch die Musik eines Vinci schlichtweg vollkommen ausgedrückt werden. In der notariell beglaubigten Abfolge heiterer, melancholischer, wilder und ruhiger Arien wird, unterstützt durch eine den Humor wie die Trauer souverän beherrschende Regie und Ausstattung, gleichsam das Wahre im absolutistisch abgezirkelten Musikwerk entdeckt.

Als die Oper 1730 im römischen Teatro delle Dame uraufgeführt wurde, muss sie die Hörer entzückt haben. Vinci, einer der erstrangigen Protagonisten der Oper der Epoche, hatte es verstanden, seine Arie parlante und Arie di bravura an den richtigen Stellen zu platzieren, so dass auch heute noch ein Sänger, der seine geläufige Gurgel in diversen Koloraturen zeigen will, schönes Material in die Kehle geschrieben bekam. Sie sind die Könige des Abends: all die Männer, die all die Männer und Frauen zu spielen haben, weil seinerzeit der Papst den Auftritt von Frauen auf den römischen Bühnen verbot. Singt Bruno de Sá die Cleofide, denkt sich der beglückte Zuhörer allerdings: Wer solche Männer hat, braucht keine Frauen mehr – denn die Mimikry funktioniert mit seiner extrem femininen Stimme, auch mit Kostüm, Maske und Habitus, absolut vollkommen. Ihre Arie Digli ch‘io son fidele gehört also zu den Höhepunkten des an Höhepunkten reichen Abends.

Poro ist Franco Fagioli, dessen stupendes Stimmorgan die schönsten Fiorituren produziert, doch ist er nur ein  Star des Abends. Wunderbar auch Jake Arditti als Erissena, die zunächst als komische, sinnlich-libertinäre Vertreterin des zweiten Paars, dann als leidenschaftlich-pathetische Frau an der Seite des zweiten Mannes zu agieren hat. Stefan Sbonnik singt den Mann an ihrer Seite, der heldenmütig für den König in die Breche springt. Auf gleichermaßen hohem Niveau singt der Titelheld der Oper, die eigentlich Poro e Cleofide oder besser: Cleofide heißen müsste, aber Alessandro, witzig und vokal auf hohem Niveau von Maayan Licht gebracht, ist nun mal der hierarchisch wichtigere König im Spiel der Macht und der Liebe. Bleibt der Sekundarier Timagene, glänzend falsettierend gesungen von Nicholas Tamagna, der Feldherr Alessandros und zugleich sein „heimlicher Gegner“, womit die erotisch-machtpolitischen Konstellationen des Librettos genügend beschrieben werden. Klar gemacht wird die so verworrene wie typische Handlung am Abend eh durch zweierlei: weniger durch die rasend schnellen, leider nicht immer punktgenau geschalteten Obertitel als durch die beiden komischen Gentlemen, die die jeweilige Szene ankündigen – und die Präsenz der Sänger/Schauspieler/Tänzer, die die Lektüre der Inhaltsangabe fast entbehrlich machen (was nicht heißt, dass Metastasios Libretto minderwertig oder psychologisch unsinnig ist).

Jubel über Jubel also über die Virtuosität, mit der schon der Kostümbildner Giuseppe Palella die Figuren beschenkt hat. Er organisierte die Stoffe aus Nordindien und Italien, konkret: Venedig, wo man heute noch alte, extrem wertvolle und gute Stoffe kaufe kann, er sorgte für ausgesprochen satte Farben, herrliche Muster, leuchtende Kombinationen, die in die von Domenico Franchi gebaute und von David Debrinay wunderbar warm ausgeleuchtete Bühne – und die kleine Bühne auf der Bühne – integral hineinpassen. Es ist schon ein Vergnügen, Cleofide auf offener Bühne von einem schönen roten zu einem noch schöneren grünen Kostüm wechseln zu sehen; überhaupt herrscht am Abend das Prinzip der Steigerung, wo von Akt zu Akt die Körperausstattung leuchtender, glänzender, vornehmer wird. Wenn Erissena mit Goldflügeln singt und tanzt und von Tüchermännern umschwärmt wird, wenn die Protagonisten auf großen Dreirädern mit Tier-Vorderteilen hereinfahren, wenn die schönsten Stoffe die intensivsten Farben und koloristischen Kombinationen aufweisen und sich die Sänger noch dazu wunderbar in ihnen bewegen, weil der indische Choreograph Sumon Rudra und der Regisseur Max Emanuel Cencic ein Gefühl für Timing und Bewegung haben – dann ist das Glück der Zuschauer und -hörer vollkommen. Die Lyrik einer Cleofide-Arie, die arienmäßig kontrollierten Wutanfälle eines Poro, die Traurigkeit selbst einer Erissena, die leicht klamaukigen Szenen zeigen Alessandro nell‘ Indie als Barock-Musical, in dem die Musik aus dem Geist des Tanzes entsteht und das ausgesungene Sentiment für die nötigen Ruhepunkte sorgt. Man springt am Ende, wie in einem guten Boulevard-Stück, aus vielen, vielen Kisten, man präsentiert als sakrales Stück das gute eine großen, goldenen Phallus (der bei Metastasio definitivv nicht vorkommt): das passt schon. Wo für genügend Kontraste gesorgt ist – wie in einem guten Bollywood-Film, der mit der „ernsten“ Oper mehr zu tun hat als man als Kultursnob gewöhnlich meint – ist Komik ein probates Heilmittel gegen die Verzweiflung.

Riesenbeifall gab es insbesondere für die Instrumentalisten dieser selbst aus dem erstrangigen Programm des Bayreuth Baroque herausragenden Produktion. Martyna Pastuzka leitet das {oh!} Orkiestra, sie leitet es mit Verve und mit der Violine in der Hand, begleitet auch einmal, beifallprovozierend, Franco Fagioli auf der Bühne. Aber was heißt hier „beifallprovozierend“, wo ausnahmslos jede Nummer langen Beifall erhält? Der  relativ einfachen Kombination der Koppelung der Gesangs- mit der Violinstimme kommt sie mit einem farbigen Orchester (die Hörner!), einer flexiblen basso continuo-Gruppe und gespannten, doch nicht überspannten Tempi so entgegen, dass gar nicht der Eindruck entstehen könnte, dass die Operngeschichtler der 1980er Jahre, die über Vinci schrieben, unbedingt Recht hatten, als sie suggerierten, dass Vinci zwar bedeutend, aber denn doch nicht so wichtig sei, um als Großer seiner Zeit neben Hasse und Händel bestehen zu können. Und wenn sich die Truppe den Spaß erlaubt, die große Eifersuchtsszene zwischen Cleofide und Poro mit einem Kurzzitat aus der Traviata, dem ausgesungenen La donna e mobileund den Koloraturen der Königin der Nacht zu bereichern, ist der Spaß vollkommen – bevor nach der Pause das nächste Niveau betreten wird. Spitze Ohren konnte am Abend übrigens auch mit dem ersten Takt des Brautchors aus Lohengrin ein Wagner-Zitat hören, und auch dies wurde an der richtigen Stelle humorvoll einmontiert.

Der Abend zeigt also nicht allein durch den äußeren, völlig gerechtfertigten Aufwand und den buchstäblichen Witz seiner Ausstattung und seiner schauspielerischen Stärke, dass Leonardo Vinci in den letzten Jahren zurecht wiederentdeckt wurde. Wie gesagt: Man kann nur hoffen, dass die großartige Produktion, die drei Tage nach der Premiere auf Arte zu sehen ist, irgendwann auf DVD veröffentlicht wird – damit auch die, die nicht dabei waren, die Schönheit der und dieser „Barock-Oper“ langfristig genießen können.

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