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Kein Infarkt: Im Herzen des Musik-Theaters

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„Siegfried“ bei den Bayreurher Festspielen 2023

Adorno, dem sachliche Irrtümer vorzuwerfen so leicht ist wie bei ihm immer wieder verblüffend richtige Beobachtungen zu bemerken – Adorno hat in seinem „Versuch über Wagner“ die zentrale Gestalt des „Ring“ konzis charakterisiert. Zu „markieren“ sei, so der Musikphilosoph, „die Figur des Verrats am Helden der Tetralogie, Wotan. In dessen Bilde treten Rebell und Gott, Mythologie und bürgerliche Gesellschaft als Rebus zusammen.“

In der Inszenierung des „Siegfried“, die Valentin Schwarz 2023 nur ein wenig überarbeiten musste, um von Neuem wirksam zu werden, wird eben jener Rebus, also das Rätsel, in dem Mythos und Moderne eins werden, in der Gestalt zumal des Gottes, der laut Adorno zum Bettler wurde, evident. Dass einige Zuschauer das nicht zu akzeptieren vermögen, was an vielen anderen Bühnen längst gute Praxis ist: den „Ring“ in seinen menschlichen Komponenten zu zeigen, ohne dem Mythos nach Wagners Verstande etwas zu nehmen, zeugt weniger für Schwarzens Unverständnis der Tetralogie gegenüber als von seinem Willen, es mit Wagners Kritik am Bürgertum aufzunehmen. Dass der „Gott“ als „Wanderer“ alles andere als ein stiller Beobachter ist, der laut eigener – und wieder einmal lügenhafter Aussage – nur zu schauen, nicht zu schaffen kam, ist ja nicht neu. Schon Chéreau hat den Wanderer 1976 als Eingreifenden gezeigt, der den Waldvogel zu seinem Instrument macht und auch sonst allerlei Tätliches zum Ring-Drama beizutragen hat. Bei Schwarz ist er es, der Siegfried selbst das Schwert zur Verfügung stellt: versteckt in einer Krücke (!).

Es sind Szenen wie diese, die nach wie vor für Verwirrung sorgen, obwohl die Zielrichtung doch klar ist: Wotan kann es einfach nicht lassen, bis zuletzt die Kontrolle zu behalten und den angeblich Freien namens Siegfried zu lenken – bis dieser den Speer zerschlägt, mit dem Wotan seine Macht symbolisch und real aufrechterhalten wollte. Allein auch diese Zerschlagung der alten Herrschaft folgt vielleicht nur Wotans End-Macht-Plan. Dass der Wanderer auch heuer nicht allein Siegfried, den er vermutlich gezeugt hat, sondern auch den bereits in Fafners Höhle herumlungernden Hagen anspricht, mag – Stichwort: Verwirrung – seltsam sein, aber wo das Motiv der Kinder und der Erben im Zentrum dieser „Ring“-Deutung steht, werden selbst solche Ansprachen zu legitimen Mitteln einer Regie, die mit stummen Mitteln durchaus sprechendes Theater macht – und Wagners Tetralogie ist in erster Linie Musik-THEATER. Und da im Theater weniger manchmal mehr ist, wurden in diesem Jahr (wenn ich mich recht erinnere) einige der Mime-Puppen abgeräumt. Auch wurde, man kann das bedauern, aufs brutale rhythmische Schlagen verzeichnet, mit dem Siegfried seine Amboss-Arbeit am Türrahmen verrichtet. Ein wenig mehr Rock‘n‘Roll würde der erste Akt noch vertragen….

Starker Beifall also am Abend für das Ensemble und die Musiker dieses „Siegfried“, wiederum einige wenige und in Bayreuth obligatorische Buhs, vermutlich für das abwesende Regieteam, die zuerst den hinter dem Vorhang stehenden Sängern entgegen tönen. Für Wagner stehen auch an diesem Abend zuerst die Sänger und Instrumentalisten ein. Thomas Konieczny ist wieder der Wanderer, und wieder gilt das, was schon in Zusammenhang mit der „Walküre“ zu beobachten war: die stimmlichen Eigentümlichkeiten werden voll durch die Energie aufgewogen, die dieser Sängerdarsteller in die hochspannende Darstellung des Mannes in der midlife crisis hineingibt. Die Beifallsrufe, die er am Ende glücklich entgegen nimmt, können durch die die vokalen Eigentümlichkeiten betreffenden Gegenmeinungen nicht beeinträchtigt werden. Seine Leistung bleibt, unterm berühmten Strich, insgesamt beeindruckend und bayreuthwürdig. Andreas Schagers Siegfried wird von einigen Zuhörern, und auch da haben sie nicht unrecht, kritisch beurteilt: zu laut, alles zu laut. Es stimmt, und doch muss man genau hinhören – denn in den wichtigen lyrischen Sequenzen, die in allen drei Akten für dynamische Ruhepunkte sorgen, beherrscht Schager auch das dezente Milieu; abgesehen davon ist schon sein schauspielerischer Input enorm. Wie gesagt: Musik-THEATER… Arnold Bezuyen krönt seinen Mime durch die ersten beiden Akte. Wieder ist er der so widerliche wie bemeitleidenswerte, ekelhafte wie arme „Zwerg“, ein Opfer seiner selbst und eines Fluchs, den er sich selbst geschaffen hat. Sein Einsatz ist, bis zum letzten Röchler, der ihm von Hagen, nicht von Siegfried, abgeschnitten wird, eine ganzheitliche Parforcetour aus Gestik und Stimme. Neben ihm steht wieder sein Bruder Alberich. Seltsam: während Olafur Sigurdarson als „junger“ Alberich eine knörzige, also alte Stimmfärbung aufweist, singt er nun, ziemlich unbeeindruckt von vokalen Einschränkungen, wie ein junger Alberich: mit schönen Kantilenen, die der neidige Kerl noch im Zankduett mit Wotan aufweisen kann. Mit einem Wort: überzeugend. Bleibt auf männlicher Seite der Fafner des Tobias Kehrer. Schöner kann ein alter Drache eigentlich nicht sterben, solange man es aufs Stimmliche bezieht.

Und die Damen? Alexandra Steiner ist wieder, optisch wie vokal, eine entzückende, geradezu zwitschernde Frau Waldvogel. Kaum ist sie des alten Drachen, also des Patriarchen Fafner ledig (der von Siegfried nicht ermordet, sondern durch einen Herzinfarkt, aber vor allem durch unterlassene Hilfestellung ausnahmslos aller Anwesenden stirbt) – kaum ist die Krankenpflegerin den bösen Menschen los, gewinnt sie ihre Stimme wieder.

Das sind so Ideen, die das Drama nicht durch bloße „Aktualisierung“ beschädigen, sondern durch die Kraft des Theaterspiels en detail bestätigen und erklären.

Eine andere Idee ist die des „Ersatzkinds“, das im „Rheingold“ zunächst für den „Hort“ eingetauscht werden sollte. Nun wird klar, dass sie von der inzwischen erblindeten Erda im Haus behalten wurde: als Begleiterin, die von den Ereignissen der älteren und jüngeren Vergangenheit – die Abschlachtung Mimes und der Tod Fafners, die nach wie vor in Fafners Höhle namens Walhall liegen – offensichtlich traumatisiert wurde. Okka von der Dameraus edle und deklamatorisch klare Erda klingt wieder superb in den Saal.

Und Brünnhilde? Sie taucht wieder, begleitet von Freund Grane, also dem eindrucksvoll stummen Spieler Igor Schwab, stehend und langsam laufend auf – und singt hinreißend. Daniela Köhler hat einen Sopran, der das Damenhaft der Figur mit der Innigkeit und vokalen Eleganz einer nach wie vor starken Frau verbindet. Zusammen mit Schager bildet sie den weiblichen Part eines „schönen Paars“, das am Ende nicht in raubtierhaftes Gebrüll, sondern die Euphorie eines utopischen Liebesjubels gerät. Das Orchester legitimiert diese Lesart, weil es unter Pietari Inkinen wieder den deliziösen, weniger den überheftigen Wagner zum Besten gibt. Für lyrisch interessierte Hörer ist der Abend ein reines Vergnügen (wann hört man schon mal die „Friedensmelodie“ des 3. Akts so balsamisch aus dem Graben klingen?), für die Freunde des dramatisch bewegten Wagnertheaters nicht minder. Dynamische Spitzen müssen auch unter einem Dirigat, das die feinsten Aspekte des Wagner-Orchesters betont, nicht vermisst werden.

Riesiger Beifall also auch für den Dirigenten – und einen musikalisch wie spielerisch erfüllten Abend, der schon als Einzelstück die letzten beiden unterinszenierten Bayreuther „Ringe“ glücklich vergessen macht.

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