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Kein Tristan ist wie der andere

Bayreuther FestspieleKein Tristan ist wie der andere

„Tristan und Isolde“ bei den Bayreuther Festspielen 2023

Kein Tristan ist wie der andere. Oder anders: Wenn Clay Hilley die männliche Titelpartie von Wagners „Handlung“ in drei Aufzügen singt, haben wir es natürlich mit einem anderen Tenor – und einer latent anderen Figur zu tun als die, die 2022 für zwei Vorstellungen auf die Bühne des Bayreuther Festspielhauses kam.

Anders ist schon – das muss in Bayreuth auffallen – die Fassung, die heuer auf dem Programm steht. Diesmal hat Markus Poschner, der das Orchester der Festspiele mit gewohnter Souveränität leitet, im zweiten Akt einen Strich angebracht; wer nun denkt, dass dies ein Sakrileg am integralen Werk wäre, irrt. Denn schon Wagner hat seinerzeit Striche verfügt, die allerdings nur selten als autoritative Anweisungen zur Kenntnis genommen werden. Musikfreunde mögen es bedauern, wenn auch nur ein Takt des faszinierenden Werks, zumal des großen Duetts gestrichen wird. Vor allem ein Tristan-Sänger darf dankbar sein, wenn ihm, wenn auch an anderer Stelle, doch ganz im Sinne Wagners, einiges von den vokalen Schultern genommen wird, die ihm der Komponist noch am Schreibtisch, fernab jeglicher Praxis, in die Kehle diktierte. Clay Hilley und Catherine Foster dürften also dem Dirigenten aufgrund von 160 fehlenden Textzeilen verpflichtet sein; dass er mit Anstand noch in die Schlussrunde des dritten Akts kommt, ist ja nicht selbstverständlich. Ob sein Organ dagegen „schön“ und zugleich „heldisch“ klingt, dürfte diesmal mehr als eine kaum diskutable Geschmacksfrage sein. Sein Tristan zeichnet sich einerseits durch einen lyrischen Ton aus, der den „Helden ohne Gleichen“ (wie Isolde ihn ironisch nennt) ja auch auszuzeichnen hat. Wer die Partie drei Akte lang durchbrüllt, hat schon verloren, doch ob sein gelegentlich fragiler Ton die Rolle des eigentlich – und uneigentlichen – jugendlichen Tristan wirklich vokal völlig ausfüllt, mag dahingestellt sein.

Heute den stimmlich vollkommenen Tristan zu finden ist eben auch in Bayreuth schwierig. Catherine Foster aber gewinnt als Isolde von Jahr zu Jahr an stimmlicher Schönheit, Überflugskraft und Ausdruck hinzu – auch wenn der Hörer wiederum kaum ein Wort des langen, langen Texts versteht. Es verschlägt wenig, wird doch von ihr die gar nicht so abwegige These bewiesen, dass es beim „Tristan“ weniger auf den Wortsinn als auf den symphonischen Fluss ankäme. Eigentlich könnten sie auch Vokalisen singen – wie Frau Foster es zu tun scheint. Das Publikum jubelt ihr, völlig zurecht, gewaltig zu, allein es jubelt auch bei jenen Sängern und Sängerinnen unmäßig, die mindere Stimmqualitäten aufweisen. Über Christa Meyers Brangäne, die für mein Empfinden schön nur in manchen ausschwingenden Höhen klingt, und Olafur Sigurdarsons Melot (eine Wurzen, also eine sehr kleine Rolle, wenn man es recht betrachtet), erhebt sich nach dem kaum verhallten Schlussakkord ein Jubelschwall, als stünden Maria Callas und Luciano Pavarotti auf der Bühne. Nicht zweifeln kann man an Georg Zeppenfelds grandios-klarem Marke und Markus Eiches kräftigem wie emotional beseeltem Kurwenal. Wer diese beiden Sänger auf die Bühne lässt, benötigt keine noch so ausgefeilte Inszenierung: Sie repräsentieren bereits das ganze Musik-Theater – was nicht heißt, dass Inszenierungen überflüssig sind.

Hat Roland Schwab seine Inszenierung geändert? Wenn, dann merkt man‘s nicht. Gab es im Schlussbild mit dem alten Paar ein paar Rückungen? Vermutlich. Immer noch wirkt die so einfache wie raffinierte Anlage der symbolischen Real-Bühne, die Piero Vinciguerra ihm entwarf. Von ganz unten, also der LED-Fläche, über das Erdgeschoss zum zweiten Stock und der Himmelsöffnung öffnet sich ein Raum, der Tristans und Isoldes Inneres vielfältig beleuchtet oder in das Dunkel der Weltennacht setzt, in die sich die buddhistisch inspirierten Endzeitliebhaber hineinsehnen. Schwab zeigt immer noch, welche Wunden das Neonlicht des Tages anzurichten vermögen, nachdem sich die Lichtstäbe des 2. Akts sehr bedeutend auf den zitternden Tristan gesenkt haben. Es sind so einfache wie mächtige Bilder, die es erklärbar machen, dass manch Zuschauer die Absenz irgendeiner Aktualisierung bedauern mag. Das Gros des Publikums aber genießt einen puren „Tristan“, dessen sehr besondere dramaturgische Gesetze die von Schwab und seinem Team gefundene Lösung eines halbabstrakten, von kosmischen Strudeln auf der „Scholle“, auf der sich am Ende des 1. Akts Tristan und Isolde, „kommunikativ unerreichbar“, wie Schwab sagte, sich händeklammernd begegnen, von Sternenzügen und reizvollen Schattenrissen akzentuierten Spiel-Orts voll legitimiert. Wenn Catherine Foster als Isolde ihren Brautschleier zerreißt, ist‘s schon ein dramatisches Großereignis. Der Rest ist eine Symphonie, die durch die Musik gemacht. Poschner führt sein Orchester denn auch mit großem Gespür für die lyrischen Versenkungen und extatischen Höhen durch die Partitur, ohne radikalen Lesarten zu huldigen. Er ist „nur“ sehr genau, wo es darum geht, unter den bekannten Bedingungen des Bayreuther Orchestergrabens und -deckels mit seinen Sängern zusammen sowohl Schönklang als auch Dramatik zu produzieren.

Starker Beifall also für eine Produktion, die leider, wenig nachhaltig, nur für zwei Spielzeiten angesetzt wurde – obwohl sie, verglichen mit den beiden vorigen Bayreuther „Tristan“-Inszenierungen, denkbar anders ist.

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