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Deutsche Kinemathek: Frame by Frame – Film restaurieren

AusstellungenDeutsche Kinemathek: Frame by Frame – Film restaurieren

Der Film stinkt. Der Geruch der säurehaltigen Nitrokopie sticht derart scharf in die Nase, dass man unwillkürlich zurückschreckt. Der Film stinkt natürlich nicht, nur die alten Filmrollen sind‘s, die den Filmfreunden – und den Filmrestauratoren Sorgen bereiten. Dass es absolut nicht selbstverständlich ist, auch die berühmten Filmmeisterwerke der Vergangenheit in jenen Fassungen zu Gesicht zu bekommen, in denen sie einst das Licht der Leinwand erblickten, hat sich beim größeren Publikum spätestens herumgesprochen, seit 2010 Metro­polis nach dem spektakulären Fund einer unbekannten argentinischen Kopie einer zeitgenössischen Verleihfassung in einer fast kompletten Langfassung wiederaufgeführt werden konnte. Die Rekonstruktion war das Werk der Leute der Deutschen Kinemathek, die in einer beeindruckenden Ausstellung – anhand von wenigen, aber aussagekräftigen Filmen – nun die Prinzipien, Probleme und gelegentlichen Glücksmomente der wissenschaftlich orientierten Filmrestaurierung demonstriert.

Filmrestaurierung ist auch immer Filmrekonstruktion. Der Riss im fragilen, stets feuergefährdeten und durch verschiedenste Einwirkungen beschädigten oder bis zur Unkenntlichkeit zersetzten Filmmaterial betrifft nicht allein physische, mehr noch manuelle Eingriffe. Die präzise Szenenfolge von Das alte Gesetz, einem bewegenden Stummfilm über das Problem der jüdischen Assimilation im 19. Jahrhundert, konnte also nur deshalb wiederhergestellt werden, weil die Zensurkarte, auf der seinerzeit die Texte des Films fixiert wurden, aus den Tiefen der Archive wiederauftauchte. Für Metropolis lagen nicht allein verschiedene Kopien, auch die Orchesterpartitur und der Klavierauszug der Filmmusik vor, die uns wichtige Daten mitteilen – in anderen Fällen muss „nur“ eine vorliegende Kopie vom Analogen ins Digitale gebracht, geklebt, gesäubert und retouchiert werden; das Ergebnis kann ästhetisch so überwältigend sein wie die Neufassung von Der Katzensteg von 1927. Die Ausstellung lädt dringend dazu ein, sich tief in die verschiedensten, auch ethischen Überlegungen und Techniken hineinzubegeben, die aus einem traurigen Nitrorest ein neues Juwel machen – dass es nicht nur Vorkriegsfilme sind, die des Schutzes (durch Umkopieren) und der Sichtbarmachung (durch restauratorische Maßnahmen) bedürfen, sondern auch viele jüngere: auch dies ist eine der Erkenntnisse der Ausstellung, in der man problemlos drei Stunden zubringen kann, bevor man sich im Heimkino einige der ausgewählten Streifen anschaut. Helma Sanders-Brahms‘ Deutschland, bleiche Mutter kann heute dank der Wiederherstellung, die noch kurz vor dem Tod der Regisseurin ins Werk gesetzt wurde, in seiner 2,5 Stunden langen Urfassung besichtigt werden, die bei den Kritikern von 1980 so schlecht ankam, dass der Verleih das Werk damals um eine satte halbe Stunde kürzte. Wer es heute anschaut, sieht auch das Produkt einer Rekonstruktion der ursprünglichen Farbfassung – wie gesagt: analog aufgenommene Filme in ihrer Originalfassung zu erleben, ist alles andere als selbstverständlich. Die Berliner Schau aber macht klar, wieso es beglückend sein kann, sich bis zu zwei Jahre mit einem Film zu beschäftigen.

Deutsche Kinemathek / Museum für Film und Fernsehen. Potsdamer Str. 2, Berlin. Bis 2.5. 2022.

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