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Am Ende denn doch eine Form

TheaterAm Ende denn doch eine Form

Werner Schwabs ÜBERGEWICHT unwichtig: UNFORM im Nürnberger Schauspielhaus

„Für mich“, sagt die Regisseurin, „ist Theater eine atmende, lebendige Kunst.“ Alle, die Schauspieler, die Bühne, das Kostüm, aber auch „Sound, Technik, Licht, müssen miteinander jammern“, ja: „Es muss ein Konzert sein, eine Komposition, ein Organismus.“

Sound, Konzert, Komposition –die Inszenierung von ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM hat, wenn man so will, Teil an dem, was modernes Musik-Theater ist: eine Grenzüberschreitung. Wir sehen also das Stück des mit 35 Jahren verstorbenen Werner Schwab, des enfant terrible des österreichischen Theaters, ja: der österreichischen Literatur, genauer: der Sprache. So, wie Sprache Klang ist, so ist der mit 75 Minuten kurze wie dichte Theaterabend, den die Regisseurin Rieke Süßkow mit dem Musiker Philipp C. Mayer und dem neunköpfigen Ensemble herstellte, auch ein durchgängiges akustisches Ereignis. Schmatzt es zunächst aus dem geschlossenen Riesenmaul heraus, das sich öffnen wird, um eine lange Reihe von Schießbudenfiguren sichtbar zu machen, so quietscht es jedesmal punktgenau, wenn sich eine der Jahrmarktfiguren dreht, wendet, bückt, nach hinten fällt und sofort wieder empor schnellt. Schwab entwarf ein bürgerliches Pandämonium von Gestalten und Paaren, die in einer Gastwirtschaft sitzen, philosophieren, sich beschimpfen, sich bedrohen, sich beleidigen. Sie heißen – typisch Schwab – Fotzi, Hasi und Schweindi, zeigen ihre Wunden, entblößen sich (nicht nur metaphorisch), trumpfen vergeblich auf, üben Gewalt und erdulden Gewalt. Das ist, wie immer bei Schwab, so komisch wie grauenerregend. Die Beziehungen aber werden durch die Sprache geregelt, die man als „schwabisch“ bezeichnet hat: eine Kunstsprache, die ihr Material so gut aus dem unteren Milieu wie aus der sog. Hochsprache zog. Schwabs Dramen, die sog. „Fäkaliendramen“ wie die „Königsdramen“, sind ebenso Sprach-Kunstwerke wie derbe Abrisse einer enthemmten Wirklichkeitsfantasie, sind höchst elaborierte Literatur wie rücksichtslose Hommagen an die da ganz unten. Dass auch das schreckliche Kind, das Schwab einmal war, zum Kanon der österreichischen Weltliteratur ernannt werden musste und die Einführungssprecherin des Abends auf die Tradition des Hanswurst und des antibürgerlichen Emanzipationstheaters hinweist, muss nicht verwundern. ÜBERGEWICHT unwichtig: UNFORM ist ja einerseits, als Demonstration eines selbstbewussten wie gebrochenen Scheißlebens schrecklich, andererseits in seinem ehrlichen Anspruch, gegen die Sprachentleerung mit sehr eigenen sprachlichen Mitteln vorzugehen, immer noch überzeugender als ein politisch korrektes Aufklärungsdrama.

In Nürnberg verfremden sie also das Drama, indem die Figuren mit Sabrina Bosshards passenden wie trashigen Kostümen ganz bewusst auf eine Jahrmarktsbühne gestellt werden. Paradoxerweise wird den Personen (lateinisch heißt „persona“ nichts anderes als „Maske“) dadurch nichts von ihrer Menschlichkeit genommen. Im Gegenteil: so sehr sie sich auch wie Maschinenfiguren verrenken, gestikulieren, sich wie in einem Bud-Spencer-Film ins Gesicht schlagen und bei jeder neuen Bewegung kurz nachzittern, so wenig verlieren sie an Authentizität. Hinter ihren Masken ahnt man die Gesichter, oder anders: ihre Masken sind ihre Gesichter. Wir sehen 75 kurze Minuten lang auf ein Vernichtungsdrama, in dessen Verlauf ein in der oberen Etage dinierendes und ulkige Begleitgeräusche (vornehmlich am männlichen Geschlecht) live produzierendes „schönes Paar“ von denen da unten buchstäblich hingemetzelt wird – und wir schauen auf den Beginn eines zweiten Durchlaufs, in dem die Spieler die Rollen gewechselt haben. Der aber endet diesmal nicht im Schlachtfest, sondern in einer friedlichen Szene. Da blüht am Ende denn doch ein Stückchen Hoffnung auf, dass die Scheisswelt nicht so schlimm ist, wie sie minütlich angerichtet wird, und die „Unform“ zur Form werden könnte. Der Abend aber zeigt genau jene genaue Form, die die Figuren aus einem gefährlichen Realismusraum herausholt. Der Rest aber ist tatsächlich: die Wirklichkeit, nicht allein die Wirklichkeit des Theaters, am Ende: Kunst.

Kunst ist hier schon deshalb, weil die Musik, der Sound, die Einspielungen zum Vergnügen an den Grellheiten wesentlich beitragen. Musiktheater? Auf jeden Fall: ein Theater mit Musik, mit Geräuschen, Klängen und einem künstlichem Sound, der die Künstlichkeit der Ästhetik unterstreichen soll. Doch wie etwas gleichzeitig artifiziell und auf künstliche Art zugleich realistisch zu wirken vermag: der Abend zeigt es mit einer so bizarren wie kontrollierten Körperlichkeit und einem Willen zum totalen Theater. Zugegeben: Wer dem Text folgen will, dürfte gelegentlich Probleme mit dem Sprechtempo haben, aber dass man innerhalb eines grotesken Szenariums Werner Schwabs Sprache gleichzeitig sehr genau inszenieren und sprechen kann, ohne das Theater an eine scheinhafte Wirklichkeit zu verraten: das ist schon sehr, sehr gut.

Foto: © Konrad Fersterer

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