Zum Abschluss der Saison: Das Klenke Quartett in Wahnfried.
„Eigentlich ist der Saal schon ‚n Instrument“, sagt die Besucherin und meint den Zuschauerraum des Festspielhauses. Sie hätte allerdings auch den Saal von Haus Wahnfried meinen können – denn ein Streichquartett klingt im Raum so perfekt, als wäre er für ihn gebaut worden: voluminös, rund und dynamisch gut, weder zu leise noch zu laut. Das macht: die Wölbung der Decke der Halbrotunde, ein idealer Schallraum, zumindest für Streicher, weniger für Liedsänger, die, wenn sie von der Oper kommen, den Saal oft beschallen, als ständen sie auf der Bühne der Met.
Das Klenke Quartett, ein Vierblatt aus Musikerinnen, weiß also, wie es ankommt, wenn es mit der Musik beginnt. Zum Abschluss der Wahnfried-Konzerte bringen sie ein luzides Programm zu Gehör, das sich direkt indirekt auf den Aufführungsort bezieht: einem Jugendstreichquartettsatz von Engelbert Humperdinck ‚folgt‘ Richard Strauss Streichquartett op. 2, nach der Pause erklingt Beethovens Quartett op. 59/1, dann, als Gustostück und Betthupferl, eine Quartettfassung des Abendsegens jenes Komponisten, mit dem das Konzert beginnt. Humperdinck war noch Student und Wagner unbekannt, als er seinen erst 2008 publizierten c-Moll-Satz schrieb, der mit Strauss‘ juvenilem Stück das gemeinsam hat, dass sich die späteren Meister noch nicht geäußert haben. Es sind, im besten Sinne, Schülerwerke – doch zugleich, da Strauss und sein Kollege später unverkennbare Personalstile entwickelt haben, in gewisser Weise Meisterwerke. „Meister fallen vom Himmel“, wie der Münchner Musikschriftsteller und -kritiker Karl Schumann in seinem Strauss-Büchlein so klug schrieb. Genau: Meister fallen vom Himmel. Sind sie unten, rappeln sie sich auf, um erst einmal „Farben zu reiben“, wie Wagner es dem späteren Parsifal-Kanzlisten Engelbert Humperdinck in die Feder diktierte. Heraus sprang, versehen mit reizvollen Anklängen an Meistersinger und Siegfried, der Schöpfer der genialen Oper von Hänsel und Gretel. Vier bis fünf Jahre nach der Komposition des Quartettsatzes traf er Wagner in Italien, nun hören wir die Musik des jungen Mannes, die, weil das Klenke Quartett es spielt, zärtlich entzückend singt: nicht persönlich, aber handwerklich gediegen und musikalisch, trotz Moll-Tonart, durchaus heiter klingend.
Als Richard Strauss, der später Humperdincks Oper in Weimar, wo das Quartett herkommt, aus der Taufe hob, als Strauss also 1881 sein einziges Streichquartett vorlegte – das Werk eines 17jährigen, der sich noch an seinen Vorbildern abarbeitete und keinen Takt Persönlichkeit, dafür jede Menge Handwerk verriet -, schrieb ein freundlicher Rezensent: Es sei „die Probe eines entschiedenen Talentes; natürliche Empfindung, Gewandtheit in der Beherrschung der Form, zeichnen es aus. Im ersten und letzten Satz sind die Themen nicht von hervorstechender Originalität sie bewegen sich in den Grenzen der Mozart-Haydn’schen Stylweise, während in den Durchführungstheilen sich Mendelssohn’sche Einflüsse geltend machen. Nicht bloß reproducirt, sondern von eigenthümlicher Physiognomie ist das sehr frisch erfundene Scherzo und die Melodien des elegisch gehaltenen Andante sind von warmer Empfindung beseelt.“ Von eigenthümlicher Physiognomie würde man das Scherzo mit seinem trivialen und kaum verarbeiteten Zuckmotiv nicht halten, doch in Sachen Andante cantabile hat der Autor der Münchner Neuesten Nachrichten das Richtige getroffen: bevor man das Adjektiv cantabile liest, hört man das Klenke Quartett geradezu singen, ja: Es spielt die in die Vergangenheit grüßende Musik nicht allein hier genau so, als handele es sich um ein modernes Stück von Anno 1881. Dass Strauss nach sieben Jahren mit dem Don Juan sein erstes wirkliches persönliches Meisterstück schrieb und dreizehn Jahre nach dem Streichquartett in Bayreuth den Tannhäuser dirigierte, musste da nicht erinnert werden.
Strauss hatte sich mit seinem op. 2 auch, man höre nur auf die Anfänge der ersten Sätze, an Beethovens op. 18/1 abgearbeitet. Beethovens op. 59/1 war Zukunftsmusik wie Vieles, was Strauss nach dem Don Juan komponierte: das erste der ungewöhnlichen Russischen Quartette, mit denen Beethoven Neuland betrat: quasi als Columbus, wie Wagner geschrieben hat. Anfang 1871 studierte Wagner mit Hilfe des Tribschener Quartetts auch dieses Werk; was seine Werke mit den späten Beethoven-Quartetten zu tun haben, muss man einem informierten Wagnerianer nicht erklären.
Das Klenke Quartett bringt das denkbar frische, impulsgeladene Großwerk – frisch, was auch, aber nicht allein, an der deutlichen Akustik liegt. Man mag an einen Satz Theodor W. Adornos denken, der gerade im jüngst erschienenen „Es klang so alt und war doch so neu“. Aspekte der musikalischen Wagner-Interpretation 1976 bis 2006 zitiert wurde: „Die Werke sind nichts Statisches, sie verändern sich in der Zeit.“ Wie sich aufgebrochene Statik anhört, zeigen die Musikerinnen auf vitalste Weise.
Und die Zugabe, der Abendsegen, klingt einfach nur seidig schön.
Frank Piontek
Foto (c) Klenke Quartett

