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Zwei Meister. Cord Garben über die innige Beziehung Richard Wagners zu Carl Loewe

Bayreuther FestspieleZwei Meister. Cord Garben über die innige Beziehung Richard Wagners zu Carl Loewe

R. erzählt mir, er träumte, er habe ein Konzert angesagt, worin er Löwe’sche Balladen singen wollte…

Cosima Wagner, 2. Dezember 1877

„Wagner hatte Recht, sich bei Loewe und anderen die eine oder andere Idee abzuholen.“

Cord Garben hatte Recht, das Thema „Carl Loewe und Wagner“ noch einmal anzugehen, nachdem Clemens Risi in einem Beitrag im Band „Richard Wagner und seine ‚Lehrmeister‘“ vor bald 25 Jahren das letzte Mal über die möglichen Beziehungen des großen Balladen-Komponisten zum Musikdramatiker nachgedacht hat: mit dem Ergebnis, dass sich direkte Spuren motivischer Art kaum nachweisen ließen, aber Wagner von Loewes „dialogischer Ballade“ so inspiriert wurde, dass im „theoretisch aus dem Dialog entwickelten Musikdrama“ ein Reflex auf Wagners Beschäftigung mit Loewes spezifischer Balladentechnik zu entdecken sei.

Cord Garben, ehemaliger Musikproduzent bei der Deutschen Grammophon, Liedbegleiter und v.a. Mitschöpfer und Klavierspieler einer 22 CDs umfassenden Gesamtaufnahme aller Balladen und Lieder Carl Loewes, würde dem nicht widersprechen, doch wenn er auch der seit dem späten 19. Jahrhundert gern gepflegten „Reminiszenzenjägerei“ (dies ein Wort des Musikwissenschaftlers Carl Dahlhaus) kritisch gegenüber steht, entdeckt er in Loewes Balladen viel mehr an direkten Motiven, die Wagner übernommen hat, um aus diesen  Bruchstücken seine originell-unverwechselbaren Musikdramen und Opern zu bauen. Nein, es geht Garben nicht um den Nachweis, dass Wagner „gestohlen“ habe; man weiß das seit langem. Es geht ihm ihm die Gegenüberstellung der Opera zweier höchst kreativer Komponisten, die auf ihren jeweiligen Gebieten die Sprache der Musik entscheidend veränderten und Musikgeschichte schrieben: immer auf den Schultern anderer großer Meister stehend, wie’s halt üblich ist. Garben kann also begründen, wieso Loewes Balladen und Lieder revolutionärer sind als die (ihrerseits alleinstehenden) Lieder Schuberts, er zeigt in einem Vergleich der beiden Erlkönig-Vertonungen, wie unterschiedlich die Musiker die Gedichte auffassten, er zitiert aus der Primärliteratur, also den wertvollen Erinnerungen zweier Sänger der ersten Festspiele, Lili Lehmann (Rheintochter und „kleine“ Walküre) und Eugen Gura (Gunther). Wagner kannte die Balladen Loewes sehr – kein Wunder also, dass sich im Ring und schon, vielleicht, im Tannhäuser, Erinnerungen an einige Loewe-Motive finden. Vielleicht? Manche Übernahmen von Elementarmotiven wie einem sog. „Ritt-Motiv“ wirken aufs erste Hören überzeugend, aber wenn man bedenkt, dass es im westlichen Tonsystem im 19. Jahrhundert nur 12 Töne und eine überschaubare Reihe von Rhythmen gab, kommt man ins Grübeln: handelt es sich hier und da nicht um zufällige Übereinstimmungen?

Es ist allein die Indizienkette, die am Ende den Schluss zulässt, dass die Reminiszenzenjäger schon des frühen 20. Jahrhunderts manchmal, vermutlich, das Rechte hörten. Garben zeigt Ähnlichkeiten zwischen der von Wagner besonders geschätzten Walpurgisnacht und Siegfrieds Schmiedeliedern, dem Edward und dem Rheingold, Tom der Reimer und dem Waldweben. Ob die abwärts gleitenden Doppeltöne aus der Braut von Korinth im Bacchanale des Tannhäuser von Loewe oder nicht doch von Chopin vermittelt wurden? Die Frage bleibt am Ende offen. Tatsache ist, dass Wagner ein Elefantengedächtnis für gute Musik hatte und die Frage, ob dieses oder jenes „Modul“ (wie Garben die einzelnen Elemente einer Loewe-Komposition nennt) in einem Wagner-Werk wiederkehrt, um dort bedeutend vergrößert und variiert zu werden, am Ende vielleicht unwichtiger ist als der Hinweis auf einen Komponisten, der mit einem Genre Musikgeschichte schrieb. Garben arbeitet zur Zeit an einer modernen, ausführlichen und vor allem wissenschaftlich fundierten Loewe-Biographie – man darf sich darauf freuen: als notwendige Begleitung zur Gesamteinspielung der Hauptwerke eines Meisters, der in einer Gattung brillierte. Dietrich Fischer-Dieskau, mit dem Garben viele Loewe-Lieder aufnahm, brachte es auf den Punkt: Loewes Kunst gehöre „zu einem Bereich, der uns innerhalb der deutschen musikalischen Romantik als unentbehrlich erscheint“. Wie gesagt. Wagner hatte Recht, sich auch bei Loewe die eine oder andere Idee abzuholen – denn Wagner bediente sich, mit dem vollen Recht des Genies, in der Regel allein bei großen Musikern.

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