Bayreuth 1925 – Ausstellung der Siegfried-Wagner-Gesellschaft im RW21
Scheint es nicht, als würde das Bild Siegfried Wagners immer mehr aufgelichtet werden? Zumindest für diejenigen Wagner-Freunde, die sich auch für Siegfried Wagner interessieren, den man nicht mehr oder doch nicht allein als Sohn eines großen Vaters bezeichnen sollte?
Dass wir heute auf den einst als Komponist so gut wie vergessenen und durchaus bedeutenden Festspielleiter und Regisseur Siegfried Wagner anders schauen als noch vor 20 Jahren, liegt, man muss es bedauernd sagen, fast ausschließlich an den Initiativen der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft – doch immerhin gibt es nun schon seit einem guten halben Jahrhundert die Aktionen, denen Wieder- und Uraufführungen, auch erstmalige Einspielungen der Bühnen- und Konzertwerke und der Lieder entsprangen. Zu den nicht gering zu veranschlagenden Einsätzen für Wagner gehören nicht zuletzt die jährlichen Bayreuther Sommerausstellungen, die mit einzelnen Themen und Werken vertraut machen und immer wieder Neues zutage fördern; die Arbeit an Siegfried Wagner gleicht, womit sie der ernsthaften Richard-Wagner-Forschung nicht ganz unähnlich ist, einer Musikarchäologie, die immer noch Funde und interessante Fündchen machen kann. Im Sommer 2025 also geht’s um 1925, dem Jahr nach dem Jahr der Wiedereröffnung der Festspiele nach einem Weltkrieg. Achim Bahr und seine Getreuen haben sich in die Festspielgeschichte und die im Umkreis entstandenen Werke begeben, um von Neuem Aufklärung zu betreiben, denn noch immer liest man in der Fachliteratur, dass Wagner ein Mann des NS gewesen sei. Nun war Siegfried Wagner gewiss, was das Politische betrifft, konservativ bis in die Knochen – aber bis zum strammen Nazi ist es ein weiter Weg gewesen. Der Legende, dass Hitler nur deshalb zwischen 1925 und der „Machtergreifung“ den Bayreuther Festspielen, die bis 1930 von Siegfried Wagner geleitet wurden, ferngeblieben sei, weil er das Ansehen der Institution nicht beschädigen wollte, wird mit einem simplen Quellenfund widersprochen: Es ist klar, dass Hitler nur deshalb Bayreuth mied, weil dort ein „Nagod“ wie Friedrich Schorr, also ein Jude, in Hauptrollen auftreten würde. Hitler äußerte sich noch zwei Jahrzehnte später über die von Siegfried Wagner verantwortete Besetzungspolitik.
Dazu passt ein neuerer Quellenfund, der im wie immer mit älteren und brandneuen Aufsätzen sowie einem umfangreichen Pressespiegel reichlich bestückten LVI. Journal der ISWG als Faksimile publiziert wurde: ein längerer Artikel in der vom Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens herausgegebenen Central-Verein-Zeitung, in der den Festspielen am 18. Dezember 1925 die lauterste Gesinnung in Sachen Judentum attestiert wurde. Die Zeitung nahm damit Siegfried Wagners eigene Äußerungen zu seiner Liberalität betr. der jüdischen Sänger und des jüdischen Publikums ernst, denen immer wieder unterstellt wird, dass sie aus reinem Opportunismus veröffentlicht worden waren. Die jüdische Zeitung sah es jedenfalls anders; auch dieses Zeugnis sollte zu denken geben – wie all das, was Siegfried Wagner 1925 für die Entpolitisierung der Festspiele, seiner Abneigung gegenüber politischen Kundgebungen im Festspielhaus Ausdruck gebend, aktiv machte: den Rechten das Licht abdrehen und statt der antirepublikanischen Fahne eine unverfängliche Wagnerfahne, deren Dekor im Übrigen noch heute Verwendung findet, als offizielles Kundgebungssymbol auf dem Dach des Festspielhauses hissen (dass Siegfried Wagners offizielle antipolitische Verlautbarungen – „Hier gilt’s der Kunst“ wurde bereits von ihm, nicht erst 1951 von den Söhnen ans Hohe Haus angeschlagen – wie die der Nachkommen heute als extrem politisch gedeutet werden, steht auf einem anderen Papier). Und schließlich sollte zu denken geben, dass Wagner in seinen letzten Opern eine negativ gezeichnete Figur namens „Wolf“ erfand – so hieß bekanntlich Hitler in Wahnfried. Freilich müsse man, so Bahr während der Eröffnung der Ausstellung, den offiziellen vom privaten Wagner unterscheiden, doch kommen immer mehr Belege zusammen, die den Künstler Wagner als sensiblen Anti-Hitlerianer am Werk zeigen.
Wieder werden auf den neun Druckflächen Werk und Biographie eng miteinander verzahnt, ohne dass der Zuschauer den Eindruck hätte, dass die Siegfried-Wagnerianer unmäßig biographistisch vorgehen würden. Wenn sie die 1925 bis 1927 entstandene Symphonie als Gegenposition zur Wahnfried-Doktrin interpretieren, dergemäß es nach dem Musikdrama keine Symphonien mehr geben könne, gehen sie schon deshalb richtig, weil der angeblich so familientreue Siegfried Wagner in den kleinen Fluchten, die ihm die Kunst garantierte, einen Ausweg sah, Wahnfrieds langem künstlerischem Arm zu entfliehen. Kein Wunder, dass Gunnar Strunz in seiner ausgezeichneten Analyse des Werks im Journal die Gattungslosigkeit der einzigen Symphonie im Schaffen Siegfried Wagners betont, wobei die Herausgeber, soviel Eigenständigkeit erlaubt man den einzelnen Autoren, kein Problem damit haben, auch, wo es nötig ist, gegenläufige Positionen zu des einstigen Statthalters Siegfried Wagners auf Erden, also Peter Paul Pachls Thesen zum Druck zu befördern. Schliesslich sind die Leute von der ISWG eine Versammlung von Enthusiasten und Wissenschaftlern, keine Sekte.
Autobiographische Motive finden sich in Wagners Opern zuhauf. Nun wird konzis aufgelistet, was im Fragment gebliebenen und erst 1994 uraufgeführten Wahnopfer (schon der Titel ist so bezeichnend wie entlarvend) an Siegfried-Wagnereskem steckt, was bereits in früheren Werken ausgeführt wurde. Die Siegfried-Wagnerschen Leitmotive sind die „Kindestötung, Fragen von Schicksal- und Vorbestimmung, Aberglaube sowie eine dunkel belastete Mutterbeziehung“. Wer hinter die Fassade der oft überbordenden Textbuchsprache Siegfried Wagners schaut und genauer in das Beziehungsgeflecht der Leitmotive hineinhört, wird merken, wie viel- und gleichzeitig eindeutig das Werk Siegfried Wagners schillert. Es muss, die Ausstellung und das wertvolle Journal machen es klar, als Gesamtwerk verstanden werden – also so wie das des „Vaters“.
Noch jede Ausstellung hat zur klärenden Auflichtung über eben dieses Gesamtwerk und seinen nach wie vor umstrittenen Schöpfer beigetragen – auch die aktuelle.
Bayreuth 1925: Festspiele, Symposion, Wahnopfer. Internationale Siegfried-Wagner-Gesellschaft. RW 21, Richard-Wagner-Str. 21. Bis 30. August 2025. Das 56. Journal der ISWG (114 Seiten, viele Abbildungen) ist in der Ausstellung und über die Homepage der ISWG erhältlich: https://www.siegfried-wagner.org/html/kontakt.html
Frank Piontek
