Wie im richtigen Leben

Studiobühne Bayreuth brilliert mit der Extrawurst

Eigentlich geht es nur um den XQ 3000 – ein Superteil, ein Prachtstück von einem Grill. Gäbe es da nicht den XQ 3200 – und die ganze Welt.

Mit der Extrawurst, die vielleicht nie auf dem XQ 3000, noch weniger auf dem technisch bedeutenderen XQ 3200 landen wird, den das türkischstämmige Vereinsmitglied schon besitzt, hat die Studiobühne Bayreuth einen Coup gelandet. Noch im zweiten Spieljahr – auch hier geht‘s nicht um Tennis – findet Extrawurst seine Fans: das Ideal eines extrem ernsthaften Boulevard- bzw. sehr, sehr komischen Politstücks. Es beginnt langsam, man spielt sich warm, Aufschlag und Rückspiel funktionieren nach Regel – bevor in Kürze das Match eskaliert, die Fair-Play-Regeln systematisch gebrochen und den Kontrahenten die Argumente als knallharte Bälle um die Ohren gepfeffert werden. Top 7, „Sonstiges“, entwickelt sich auf der 77. Mitgliederversammlung des Tennisclubs Grünenreuth zu einem Geschoss, das am Ende so ziemlich jeden Mitspieler erledigt. Dabei geht es „nur“ um die Frage, ob ein zweiter Grill für das (einzige) türkischstämmige Mitglied (Erol Oturan, Bezirksmeister Doppel) gekauft werden soll bzw. muss. Die Diskussion wird stracks zum Weltanschauungsfight, wozu die denkbar verschieden temperierten Charaktere geradezu einladen; zwischen dem sich als aufgeklärt gerierenden und dann doch ganz unaufgeklärt ausflippenden Event-Manager Torsten Pfaff, dem um Verständnis bemühten, aber seinerseits in Konventionen verfangenen und vielleicht zu bezeichnenden Namen „Heribert Bräsemann“ tragenden 1. Vorsitzenden sowie dem flugs in die rechte Ecke gestellten Ersatzvorsitzenden Matthias Scholz herrscht in Kürze Krieg. Pfaffs Ehefrau Melanie (Bezirksmeisterin Doppel, Tennispartnerin von Erol Oturan) giesst ihre Argumente in den Kessel – auf dass am Ende nur eines klar ist: dass nichts klar ist. Denn das Perfide-Raffinierte des Stücks besteht darin, dass irgendwann Jeder und Jede einmal etwas sagt, was wohl jeder und jede Zuschauerin selbst sagen und zugleich mit guten Gründen von sich weisen könnte. Dass noch nach der Publikums- bzw. Mitglieder-Abstimmung – die natürlich zu Gunsten eines zweiten, für die „Türkenwurst“ ausgehenden Grills ausgeht, um den es längst nicht mehr geht – neue Argumente und Meinungen auf den Tisch kommen, die auch bedenkenswert sind: es ist bedenkenswert. Mit anderen Worten: Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob haben ein wahres Aufklärungs-Stück geschrieben, das den Zuschauer nicht mit einer eindeutigen Lösung konfrontiert. Es ist halt wie im richtigen Leben…

Die sprachlich und dialektisch brillante wie pointenreiche Tragikomödie, in der es buchstäblich um Gott und die Welt geht, hat mit den Studiobühnen-Playern eine angemessen brillante Interpretation gefunden: schnell, mit perfektem Timing, sprachlich versiert. Die Regisseurin Dorothea Kirschbaum schuf mit dem Bühnenbildner Jens Hübner eine komplette, gleichsam geschlossene Welt; die Zuschauer sitzen nicht vor, sondern im Clubraum, wo sie, als alles zu spät scheint, nach der Pause noch ein paar Bierchen zischen dürfen. Georg Mädls Bräsemann, Oliver Hepps Scholz, Harald Höreths Oturan, Julia Metzners Pfaff und Florian Kolbs Torsten Pfaff, dessen sarkastische Fassade im Lauf des immer persönlicher werdenden Kampfgesprächs zerbröckelt: Sie bilden ein schauspielerisches Dreamteam, dem zuzuschauen und -zuhören selbst dann größtes Vergnügen macht, wenn man sich selbst dabei ertappt, dieses oder jene durchideologisierte Argument betr. Politik, Religion oder Essgewohnheiten, das flugs vom Gegner zerpflückt wird, gerade selbst gedacht zu haben. Sie werfen sich mit Lust und kontrollierter Emphase, mit sprachlicher Genauigkeit und der Abwesenheit jeglicher überflüssiger Gesten (und mit besonderem Witz: schon Georg Mädls zum Zerknautschten tendierende Mimik ist das Eintrittsgeld wert) in die Chose und machen das, was gutes Boulevardtheater auszeichnet: Sie unterhalten das Publikum auf jenem Niveau, auf dem es sich selbst wiedererkennt, um über sich selbst lachen zu können, auch wenn bzw. gerade weil der Fall der Extrawurst in die Untiefen jüngster gesellschaftlicher Verformungen führt.

Schade, dass man Extrawurst demnächst vom Spielplan nimmt. Das Stück ist leider aktuell – und äußerst kurzweilig.

Frank Piontek