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Montag, 28. November 22

Weiße Flecken gibt es (nicht)

Das neue BuchWeiße Flecken gibt es (nicht)

Es gibt sie nicht mehr, die weißen Flecken auf der Landkarte. Alles ist entdeckt und erkundet. Alles erforscht und durchleuchtet. Die großen Expeditionen gehören der Vergangenheit an und mit Ihnen die Abenteurer. Die Durchsetzung der Welt mithilfe von mobilen Geräten lässt uns in jeden Winkel der Erdkugel blicken und sei er noch so weit entfernt. Bei weit über 100 Millionen Fotos, die allein von Privatpersonen am Tag weltweit geschossen werden, bleiben keine weißen Flecken übrig. Und doch sind es nur kontextlose Ausschnitte, unkuratierte Kommentare ohne fundierten Hintergrund. So entstehen Bilder von einer Welt, die entdeckt ist, aber nicht begriffen wird. Das, was man von hier aus sehen kann, ist eben nicht das, was wirklich ist. Die Wirklichkeit ist nur erfahrbar, wenn man Sie unmittelbar erlebt. 

Am besten geht das auf Reisen. Und da wir nicht alle ständig reisen können, macht das Juan Moreno für uns. Ein Auslandsreporter wie er im Buche steht. Und ein solches hat er gerade geschrieben. „Glück ist kein Ort“ heißt das Werk und es ist ein brillantes Stück Reiseliteratur. Ein Buch, das ich heutzutage nicht mehr für möglich gehalten hätte. Moreno taucht tief in fremde Kulturen ein, beschreibt sie nicht einfach nur, sondern bringt sie dem Leser so nah, dass er miterlebt, miterfährt. Und schnell wird deutlich, was wir in unserem geregelten, westlichen Alltag gerne vergessen: Da draußen gibt es eine Welt, die andere Maßstäbe hat als wir, in der andere Spielregeln gelten, die mit unseren Moralvorstellungen nicht vereinbar sind und sich einen Teufel dafür interessieren, ob wir das für richtig oder gut halten. Eine Welt, in der es nicht um Gelbe Säcke geht, um vegane Ernährung oder gereinigte Bordsteine. Mit der Lektüre keimt eine Sehnsucht auf, nach dieser anderen Welt. Die Sehnsucht steigert sich zu unbändiger Reiselust und nach der letzten Seite werden die Koffer gepackt, für eine Reise nicht für den Urlaub: 

„Ich kann nachvollziehen, dass man in den Urlaub fährt und als oberstes Ziel Überraschungsminimierung ausruft. Ich mache solche Urlaube auch. Daran ist nichts verkehrt. Aber Reisen sind etwas  anderes. Die Bedingung ist, wie angesprochen, dass man Zeit hat. Zeit schafft Nähe, und Nähe schafft Einblick. Manchmal auch Schrecken, wenn man mehr  erfährt, als einem lieb ist. Aber wenn man sich fragt, wie manch tolle Dokumentation es schafft, dass Menschen sich öffnen, obwohl eine Kamera läuft  – das Geheimnis ist immer Zeit. Erkenntnis ist eine Funktion der Zeit, erste Regel. Die andere Regel ist, dass der Antrieb für eine Reise stets Interesse sein sollte. Ich möchte wissen, wie ein anderes Leben ist. Damit geht es los, mit  dieser Frage, der Rest ergibt sich. Hinfahren, fragen, zuhören, lernen, darum reise ich.“

Die Reisereportagen Juan Morenos sind Glanzstücke des literarischen Journalismus und ich habe seit Gay Talese nichts Vergleichbares gelesen. Die weißen Flecken auf den Landkarten sind verschwunden, in den Kulturen aber wimmelt es nur so davon. Selbst vor unserer Haustür. Wir müssen uns nur die Zeit nehmen und ganz genau hinschauen. 

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