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Vom Grünen Hügel

Bayreuther FestspieleVom Grünen Hügel

Tonbandgespräche mit Wolfgang Wagner

von Raymond Tholl

Bayreuth, 14. August 1999 (Teil 4)

Herr Wagner, in all den Jahren, in denen ich die Festspiele besuche und wo wir uns vor laufendem Tonband regelmäßig unterhalten, habe ich eine Feststellung gemacht, da ich auch die Gelegenheit hatte, mich mit vielen Künstlern und auch Leuten von hinter den Kulissen zu unterhalten. Die Menschen mit denen Sie arbeiten, wissen, dass Sie zu jedem Moment ansprechbar sind, dass Sie immer Zeit haben, wenn jemand ein Problem hat, privat oder beruflich. Das reicht vom kleinsten Detail bis zum größten Problem. Man weiß, dass man sich auf Sie verlassen kann, Sie sind die Vaterfigur hier. Kann das manchmal zur Belastung ausarten?

Ich empfinde das nicht so. Leute, denen man gegenüber nicht aufgeschlossen und zugänglich ist, bereiten einem ja viel mehr Schwierigkeiten, weil man nicht an sie herankommen kann.

Das Gefühl zu haben, dass man z.B. mit mir über alle Probleme jederzeit sprechen könne. ist gleichbedeutend mit dem, dass diese Menschen locker werden und aufgeschlossen. Mit aufgeschlossenen Menschen kann man viel besser arbeiten als mit schräg introvertierten Typen, die selber keinen Kontakt zu einem anderen haben. Und Kontaktfreudigkeit ist eine der wesentlichsten Angelegenheiten, ob positiv oder negativ auf der Bühne dargestellt. Der Kontakt der Künstler, der Sänger und Musiker unter sich ist eine Grundvoraussetzung. Man braucht nicht miteinander verbrüdert zu sein, aber das menschliche Gefühl miteinander auskommen zu können und zu dürfen oder zu müssen, das ist ja etwas, was eigentlich sowieso eine Inhaltsangabe der menschlichen Seiten des Wagnerschen Werkes ist.

Ich selbst weiß es zu schätzen, dass Sie sich in all den Jahren immer wieder viel Zeit genommen haben für die Aufzeichnungen meiner Serie ‘Bayreuth erlebt’. So hatte ich das Glück und die Ehre zweimal mit Ihnen ‘Bayreuth erlebt’ in Luxemburg zu gestalten: 1992 auf Schloss Bourglinster und 1995 während dem luxemburgischen Kulturjahr im Stadttheater. Damals wirkten mit: KS Birgit Nilsson und KS Theo Adam, Frau Erna Pitz, Witwe des großen Chormeisters Wilhelm Pitz, Hans-Peter Lehmann, Regisseur und Intendant und der Klaviervirtuose Cyprien Katsaris. Das Orchester der Bayreuther Festspiele 1995 spielte das Siegfried-Idyll unter der Leitung von Jack Martin Händler. Bei Gelegenheit Ihres ersten Luxemburg-Besuchs 1992 zeigte ich Ihnen auch das Klavier, auf dem Ihr Urgroßvater Franz Liszt am 7.J uli 1886 auf Schloss Colpach einige seiner Werke interpretierte, 24 Tage vor seinem Tod. Unter dem Eindruck dieses Besuchs sagten Sie damals u.a.: „Ja es ist natürlich immer etwas beglückend zu wissen, dass einer aus meiner Familie hier an diesem Ort etwas gegeben hat, was künstlerisch doch eine bedeutsame Aussage war. Ich brauch mich deswegen nicht zu verstecken, wo ich nicht Klavier spielen kann, gottseidank, denn die Virtuosität meines Urgroßvaters hätte ich bestimmt nicht erreicht. Das ist natürlich immer etwas, was verbindet“. Diesen Satz kann ich heute gerne wiederholen und ich denke immer wieder an die Besuche in Luxemburg, an das Liszt-Klavier und besonders an den festlichen Abend im Jahr 1995 im Stadttheater Luxemburg zu meinen Ehren.

Herr Wagner, rückblickend auf Ihre Zeit auf dem Grünen Hügel, seit dem Neubeginn 1951 zusammen mit Ihrem Bruder Wieland und der alleinigen Leitung nach Wielands Tod 1966 bis zum heutigen Tage: Welches sind die für Sie größten Momente dieser langen Zeit. An was erinnern Sie sich heute besonders gerne?

Das größte Erlebnis für meinen Bruder und für mich war die Tatsache, dass es gelungen ist, hier in Bayreuth wieder anfangen zu können. Ich hatte das große Glück, durch die außerordentlichen künstlerischen Begabungen meines Bruders, ihm am Anfang ausschließlich ergänzend die materiellen Voraussetzungen mit schaffen zu können. Die Zeit ist natürlich die eigentliche Grundlage von Neu-Bayreuth. Ohne den Beginn in dieser Form mit meinem Bruder zusammen wäre es nicht zu der Fortsetzung in der Form gekommen, wenn diese Grundlage nicht gewesen wäre. Vor allen Dingen ist es ja so, dass wir damals nach dem fürchterlichen Geschehen des zweiten Weltkriegs von einer Neudeutung und Neudurchdenken überhaupt des ganzen Wagnerschen Tuns und Schaffens ausgingen. Wir Menschen verändern uns. Aber das Werk hat einen gewissen menschlichen Maßstab, der vorgegeben ist, der aber immer wieder als Maßstab an die Gegenwart mit angelegt werden muss. Deswegen ist es mir nicht bange um die Zukunft von dem Bayreuther Werk, aber nicht mit einseitig ideologischen und tagesbedingten Verzerrungen, sondern über die Zeit hinaus gehend. Das ist mein Bemühen und dabei muss ich sagen dass ich, nachdem ich die Sache alleine übernommen habe, doch sehr viel Hilfe erhielt. Ich denke an die außerordentlichen Persönlichkeiten, die auf der Bühne stehen und Interpreten und Dirigenten von Format und Wissen und Können. Nach wie vor ist das Interesse, hier in Bayreuth an dieser Stelle mitarbeiten zu dürfen, gegeben. Das zeigt eben auch die Lebendigkeit der Sache.

So hat die Neuinszenierung des Lohengrin, die gestern wieder auf dem Programm stand, dieses Jahr erfreulicher Weise auf Anhieb geklappt. Wenn ich aber z.B. zurückblicke auf den Chéreau-Ring, das war ein harter Kampf, auch um das Existenzielle von Bayreuth. Heute ist dieser Ring ein Klassiker, damals gab es sogar Todesdrohungen. Wenn ich also die Dinge sehe, da war also die schwierige Situation eigentlich genauso aufregend und deswegen beglückend. Es war lebendig nicht im verzerrten Sinne, nicht durch events oder irgendwie Sensation, sondern tatsächlich im engen Zusammenhang mit der Auslegungsmöglichkeit des Werkes.

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