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Vom Grünen Hügel

Bayreuther FestspieleVom Grünen Hügel

Tonbandgespräche mit Wolfgang Wagner

von Raymond Tholl

Bayreuth 14. August 1999 (Teil 3)

Mit stehenden Ovationen wurde am Ende der Festspiele ein Mann verabschiedet, der während fast drei Jahrzehnten für die außergewöhnliche Perfektion des Festspielchores garantierte: Norbert Balatsch.

Norbert Balatsch, der damalige Nachfolger von Wilhelm Pitz, wollte demnächst in Wien, wie er selbst sagte, „die Wiener Sängerknaben wieder zur alten Qualität zurückführen“. Er selbst war einst ein Sängerknabe und er sah diese Aufgabe mit 71 Jahren als eine neue Herausforderung.

Durch seine gut geleistete Arbeit war Norbert Balatsch ein Künstler, der in Bayreuth während 28 Jahren immer den größten Applaus bekam.

Herr Wagner, können Sie uns die Stärke dieses Chormeisters darstellen.

Sehen Sie, wir haben hier ein typisches Beispiel von einem Menschen, der von Grund auf sein Metier kennengelernt hat. Am Anfang war er einer der Sängerknaben und dann hat er sich immer weiter entwickelt, über den Chorsänger und über Chorvereinigungen, die er geleitet hat. Er rückte immer an höhere Stellen und verstand es immer wieder, die Mentalität des Chorsängers richtig einzuschätzen und ihn durch seine Arbeit und durch seine Energie zu einem unerhörten Erfolg zu führen. Diese menschlichen Dinge, neben der unerhörten Kenntnis alles Musikalischem von Jugend auf, das ist seine besondere Stärke. Er ist einerseits streng aber andererseits weiß er genau, wo das menschliche Grenzgebiet ist. Das Ausschlaggebende ist, dass er auch innerhalb der ganzen Sangesgruppen eines Chores die so ausbalanciert und animiert und so zum echten künstlerischen Gesang mit dem Atem bringt. Das ist etwas, was einerseits angeboren ist, aber andererseits hat er diese Grundlagen von Jugend auf immer wieder weiter kultiviert. Das ist nach meiner Ansicht das eigentliche geheime Rezept, da es sich hier um eine größere Menschenmenge handelt, die ja ganz anders angefasst werden muss als der einzelne Künstler. Ich glaube, dass, wie er auf diesem Instrument spielt mit den Menschen, das so menschlich ist, dass es dann wieder künstlerisch wird.

Und diese große Kunst, die man bei Herrn Balatsch während fast drei Jahrzehnten in Bayreuth erleben konnte, wurde immer mit dem größten Applaus belohnt.

Es gibt aber auch eine sehr lustige Anekdote über Norbert Balatsch der einmal ausgebuht wurde… nur, es war nicht für ihn bestimmt.

Ja, das ist ihm neulich auch wieder einmal passiert. Da meinte jemand, ich würde auf der Bühne stehen. Aber die von Ihnen zitierte Anekdote fand 1972 statt, wie Götz Friedrich und er hier anfingen. Viele im Publikum wussten nicht, wie der Regisseur oder der Chordirektor aussieht. Die Buhrufe, die Götz Friedrich zugedacht waren, wurden auf den Balatsch abgeladen.

Es war eine sehr lustige und merkwürdige Situation, wobei ich auch die Einschränkung machen muss, dass die Buhrufe auf Friedrich total ungerechtfertigt waren. Das war damals eine Art Politikum, dass ich jemand nach Bayreuth holte, der als Erzbolschewist galt, der an der komischen Oper war und bei Felsenstein. Da war es nicht die Leistung, die ausgebuht wurde, sondern die politischen Umstände. Das ist eine merkwürdige Sache, aber ich glaube das Wichtigste bei uns ist die Arbeit, die geleistet wird.

Zum Auftakt der 88. Bayreuther Festspiele verteidigten Sie Ihren jahrzehntelangen Einsatz für das Werk Ihres Großvaters mit den Worten: „Ich habe für 49 von 88 Festspieljahren Verantwortung getragen. Das ist etwas Einmaliges und etwas Besonderes“. Herr Wagner, Sie haben während dieser langen Zeit den Festspielen ein Gesicht gegeben. Dazu gehören auch die Renovierungsarbeiten am Hause selbst. Welches sind die wichtigsten Arbeiten der vergangenen Jahre?

Das erste war, daran zu gehen, das provisorische Holzfachwerkhaus ohne Veränderung des äußeren Ansehens dahinzubringen. Das ist gelungen. Danach kamen dann, nach dem Äusseren, gewisse technische Dinge, die man im Haus verbessern musste und verbessern konnte. Es war ja eine alte Holzfachwerkkonstruktion, die also den technischen Ansprüchen, unabhängig von denen der Feuersicherheit, nicht mehr entsprach. D.h. das ganze Bühnenhaus ist umgebaut worden, was sehr wichtig war, weil man dabei auch mehr Platz gewann und neue technische Möglichkeiten einbringen konnte. Dann ging es darum, Nebengebäude zu errichten, die einen modernen Festspielbetrieb überhaupt erst durchführen lassen. Es wurden also große Mehrzweckhallen gebaut, wobei drei Stück als Probebühnen benutzt werden können. D.h. jetzt können verschiedene Teams arbeiten, auch seitdem ich ja hier alleine bin. Mein Bruder und ich haben ja bis zu seinem Tod alle Inszenierungen selber betreut.

Wir hatten anfänglich miteinander ausgemacht, dass jeder jedes Werk zweimal macht, um dann festzustellen, ob er in der Lage ist, noch einmal eine dritte Inszenierung des gleichen Werkes interessant gestalten zu können. Diese Sache kam dann durch den Tod meines Bruders nicht mehr zur Wirkung. Nun ist es so, dass die Räumlichkeiten so liegen, dass wir immerhin bei einer neuen Inszenierung mit sechs Wochen Probezeit auskommen können, aber gleichzeitig auch die anderen Werke wieder mit aufnehmen können. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Frage, sondern eine, die als Voraussetzung des jetzigen Festspielbetriebes notwendig ist. Dabei hat sich ergeben, dass wir bei den Künstlern wesentlich mehr haben, dass jedes Team ja eine andere Ausdruckskultur haben soll und andere Ausdrucksmöglichkeiten. Um die zu erarbeiten, sind also nur ganz wenige Leute in verschiedenen Werken beschäftigt. So gibt es keine Überschneidungen und jeder hat die Zeit, um alles ausgereift dem Publikum demonstrieren zu können.

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