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Bayreuth
Montag, 28. November 22

Tubenleiber und Totentänze

AusstellungenTubenleiber und Totentänze

Jürgen Brodwolf: Paraphrasen im Kunstmuseum Bayreuth

Ostern und Blume, Geist und Kleid, Lieb, Leid und Zeit und Ewigkeit: die magischen Verse aus dem bekanntesten Gedicht Clemens Brentanos fallen mir ein: später, als ich die Ausstellung verlassen habe und sich das Nachdenken über die Bilder zu verselbständigen beginnt.

Stern und Blume? Von ihnen ist, auch wenn es bei Jürgen Brodwolf „Sternbilder“ zu sehen gibt, wenig zu sehen, aber die Zeit und die Ewigkeit zeigen sich deutlich – in der Gestalt des allgegenwärtigen Todes. Denn dies ist Jürgen Brodwolfs Eigenes: in seinen Tubenleibern und -gestalten erinnert so ziemlich alles an das Vergehen. Dies ist sein „Markenzeichen“ (pardon, aber der Ausdruck muss hier fallen), aber das Zeichen ist allein deshalb interessant, weil es ein Thema mit vielen Variationen ist. Brodwolf, Jahrgang 1932, war etwa dreißig Jahre alt, als er die Ausdruckskraft von ausgepressten Tuben entdeckte. Seitdem füllt er seinen Kosmos mit den Figuren. Die Paraphrasen-Schau im Kunstmuseum ist eben dies: eine Parade der Veränderungsmöglichkeiten eben jener Tubenfiguren, die er, buchstäblich, von der Antike bis zur Gegenwart mit den verschiedensten Materialien in seine Blätter integriert. Die Ausstellung beginnt folgerichtig mit dem Zyklus „Zeitebenen“, dem ersten von etlichen Mehrteilern, die die Exposition ausmachen. Hier begegnen sich das Altertum und die Moderne, die Zeichnung der griechischen Skulpturen und die getuschten Wesen, die genauen Bezeichnungen der vorgefundenen Artefakte und die rätsel- und manchmal schemenhaften Brodwolfkörper. Die Zeiten begegnen sich, manchmal konspirieren die Figuren miteinander, bisweilen trennt sie der Raum zwischen Gestern und Heute. Engste Kommunikation aber herrscht in den „Transparentblättern“: neben und auf und in den Architekturgrundrissen mittelalterlicher Kirchen und Klöster tummeln sich die leicht grauenhaften Wesen wie in einem grotesken Totentanz, als hätten sie schon immer auf die Pläne gehört. Ein geheimer Witz grundiert alle diese Blätter: hier liegt ein Brodwolfleib passgenau wie in einem Grab im Grundriss, dort hält eines der Wesen das Grab direkt in seinen Händen. Der Tod ist, wie gesagt, das Grundthema all der Variationen – unübersehbar im Zyklus über Ferdinand Hodlers Gemälde (man denkt unwillkürlich an die sterbende Valentine Godé-Darel), blutigrot im „Nibelungenlied“ (das tötende Schwert ist eines der Hauptmotive), im „Zyklus zu Meret Oppenheim“ (in dem das „letzte Bildnis“ der Künstlerin umkreist wird) und in „Cato lebt“, einem Zyklus zu Ehren der Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek (1920-1943: die Jahreszahlen sagen alles). Natürlich muss „Der Tod und das Mädchen“ seinen mehrmaligen Auftritt haben.

Jürgen Brodwolf setzt sich in Beziehung zu den Großen der Kunstgeschichte, zu Paul Klee wie zu René Auberjonois, zu Giovanni Bellini wie zu Albrecht Dürer, um sich nicht an ihnen abzuarbeiten, sondern sie mit seinen persönlichen Variationen zu kommentieren. Wo die Tube zum Dauerrelikt wird, ist die Spanne zwischen Komik und Grauen bisweilen schmal – selber herauszufinden, wo Brodwolf stand, als er sich den Vorgängern widmete, ist eine interessante Übung. Den Schluss der Schau macht übrigens ein kleiner Variationszyklus über Richard Lindners Ansichten einer typisch lindnersch verfremdeten Marilyn Monroe. Auch dies berührt eine offene Zeitebene, deren Anfang in der Antike liegt, als die Künstler begannen, dem Tod bei der Arbeit zuzuschauen. Brodwolf ist, so anders auch seine Ansichten der Natur anmuten mögen, einer ihrer Nachfahren.

Kunstmuseum Bayreuth, bis 22.6. 2022

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