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Tonbandgespräche mit Wolfgang Wagner

vom grünen HügelTonbandgespräche mit Wolfgang Wagner

Bayreuth 10. August 1997

Wolfgang Windgassen (1914 *Annemasse  +1974 Stuttgart) erhielt seine Ausbildung bei seinem Vater, dem Tenor Fritz Windgassen, und an der Musikhochschule in Stuttgart. 1939 trat er sein erstes Engagement in Pforzheim an. 1945 wurde er Mitglied der Württembergischen Staatsoper in Stuttgart, der er bis zu seinem Tode angehörte; er inszenierte dort dort seit 1970 auch Opern und wurde 1972 Operndirektor. Windgassen zählte zu den bedeutendsten Wagner-Tenören der Nachkriegszeit und sang 1951-70 regelmässig bei den Bayreuther Festspielen, aber auch an anderen grossen europäischen und amerikanischen Opernhäusern. 

Herr Wagner, im Sommer 1970 verabschiedete sich Wolfgang Windgassen nach einer triumphalen Tristan-Vorstellung in Bayreuth, nachdem er während zwei Jahrzehnten für Sternstunden auf dem Grünen Hügel sorgte. Seine Darstellungen des Parsifal, Lohengrin, Tannhäuser, Stolzing, Tristan, Froh, Loge, Siegfried und Siegmund prägten ihn zum führenden deutschen Heldentenor der 50er und 60er Jahre.

Es ist ja ein grosses Tenor-Vakuum durch den Krieg entstanden und zwar aus dieser Ursache: wer nicht zu Beginn des Krieges sich irgendwo schon etwas etabliert hatte, wurde ja eingezogen zum Militär. Und das hat sich so ausgewirkt, dass viele Jahre nach dem Krieg ganz wenig deutsche Sänger überhaupt eingesetzt werden konnten. Denn unmittelbar nach dem Krieg, mit leerem Magen und in der Sorge überhaupt des täglichen Existenzminimums… das war ja keine Zeit, in der man sich gross aussbilden lassen konnte. Die Musikhochschulen waren zum Teil zerstört oder standen leer. Dadurch kamen die vielen Amerikaner und auch viele andere internationale Sänger, die also dieses Loch ausfüllten. 

Wie wir damals Windgassen  auf der Suche nach Tenören ausfindig machten, da war noch folgendes nette Erlebnis. Ich glaube, das kann ich hier also ruhig erzählen soweit es die Zeit zulässt. Er sang 1949/50 in München im Prinzregentheater damals als Ersatz für einen älteren Tenor, der krank war. Da kommen wir wieder auf die Krankheit zu sprechen, und der wurde da eingesetzt und wurde hineingeworfen als ganz junger Sänger und sang den Walther von Stolzing. Knappertsbusch dirigierte, der ja bei uns im nächsten Jahr dann den Parsifal und auch einen Ring, geteilt mit Karajan dirigieren sollte. Und da hat er uns hinterher gesagt: 

„Meine Herren, dass Ihnen nicht etwa einfällt, diesen Krawattentenor nach Bayreuth zu engagieren.“ Knappertsbusch hielt gar nichts von ihm, denn er hatte noch den Klang in den Ohren eines Lorenz, Völker und wie die alle hiessen, also diese hochkalibrigen, zum Teil auch sehr schweren Heldentenöre so etwa im Sinne vom Klang vom Melchior. 

Nun war aber von Windgassen zu erwarten, und das stand von vornherein für uns fest, unabhängig davon dass er noch sehr jung war, dass er gewissermassen die Aussage von einem Melchior oder Suthaus, angeblich Wagnerheldentenöre, nie erreichen würde. 

Aber seine Musikalität und seine Intelligenz waren so stark, dass wir ihn nachher hier als Parsifal eingesetzt haben und später nach und nach auch als Siegfried. Diese Entwicklung, die ging vom Publikum gesehen nicht reibungslos, denn es herrschte immer noch die Vorstellung dieser superschweren Wagnertenöre, die nach meiner Ansicht von Wagner garnicht gedacht waren. Sehen sie, wenn der Maßstab die Schmiedelieder sind, die Melchior also im fortissimo durchhalten konnte, so sind aber dadurch die ganzen Lyrismen verloren gegangen, und das war eigentlich nicht so, wie Wagner die Partie geschaffen hatte. Für mich sind diese Schmiedelieder unbedeutend. Ein Lausbub, der bei der Arbeit ein Lied singt, vor sich hin trällert, ich glaube, zwischen diesen und den ganz anderen Geschichten, die er zu singen hat, liegen doch Welten,  z.b. gegenüber dem Wanderer oder gar bei der Erweckung der Brünnhilde. Damals wussten wir schon, dass wir irgendwann diese Generation ablösen müssten und da war der Windgassen, z.B. gegen die Meinung von Knappertsbusch, von uns aus doch als geeignet.

Wir haben ihn dann auch durchgesetzt, haben nach und nach, auch beim Gastspiel in Neapel ihm diese Partien zugeführt. Das Publikum hat anfänglich gesagt, ja was will denn dieser Operettentenor, oder, noch positiv, was will dieser leichte Mozarttenor mit dem Siegfried, aber, Sie sehen ja, die Einschätzung war richtig und er hat eine unerhörte Karriere gemacht. Was bei ihm vor allem bewundernswert war, ist die Tatsache, dass er immer präsent war, er war immer da, es war nie ein Krankmacher. Er war ausgesprochen intelligent und darum hat er während den zahlreichen Aufführungen vielleicht zweimal abgesagt. Er hat, was sehr wichtig ist und was auch jeder lernen muss, immer gesagt, bevor man den Tristan und den Siegfried nicht zwanzigmal gesungen hat, weiss man nicht, wie man sich die Partie einteilt. Wer das nicht erlebt hat, der kann eigentlich über die Sachen noch garnicht reden, kann es gar nicht beurteilen.

Es ist ähnlich wie die Astrid Varnay immer gesagt hat: Das Wesentliche bei uns ist, dass wir soviel Geist, soviel Können haben, dass wir eigentlich und was oft der Fall ist, auch an Tagen singen, in denen bei uns nicht alles in Ordnung ist. Wenn bei uns alles in Ordung ist vom Mittagessen bis zum Wetter und ein wohlwollendes Publikum und ich mich im Vollbesitz meiner Kräfte fühle, dann ist es eine Sternstunde, die man also hie und da ja auch erlebt hat.

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