Ein wunderbares Konzeptalbum
Wird heute eigentlich – und uneigentlich – an den sog. allgemeinbildenden Schulen noch das schreckliche Blockflötengejaule (vorsicht: Pleonasmus!) produziert, das man seinerzeit mit Musik verwechselt hat?
Die Zeiten sind vorüber, in denen, Loriot sei Dank, das altehrwürdige Instrument für besonders scheußlich, ja überflüssig gehalten wurde. Spätestens, seit Dorothee Oberlinger sich des Instruments annahm, weiß man, dass es genauso brillant zu klingen vermag wie eine Violine, oder anders: Oberlinger und ihre Kolleginnen und Kollegen haben das Instrument rehabilitiert, indem sie die ursprünglichen und modernen Spielarten wiederentdeckten und hochvirtuos wie tiefmusikalisch in die Gegenwart brachten. Zu Oberlingers Kolleginnen gehört nun auch die jüngere Sophia Schambeck. In Bayreuth ist sie keine Unbekannte mehr, seitdem sie beim Festival junger Künstler etliche Programme realisierte, die die Natur in den Mittelpunkt stellten. „Wenn Sophia Schambeck“, schrieb ich 2024, „an einer ihrer Blockflöten das Larghetto cantabile seeeehr sanglich spielt, wissen wir, dass wir in einer idealen Musik zuhaus sind.“ Einiges von dem, was sie 2024 mit einem befreundeten Kammermusikensemble, Abteilung „Historisch informierte Aufführungspraxis“ (und der japanischen Kotospielerin Naoko Kikuchi), im Studio Franken des BR und im Neumarkter Reitstadel aufnahm, war schon damals zu hören, einiges kam hinzu, doch gleich blieb die betörende Mixtur aus Altem und Neuem. 15 Werke, davon drei neue, drei der Klassischen Moderne von Debussy bis Gubaidulina, der Rest aus Mittelalter, Renaissance, Barock und Nachbarock. Zusammen ergibt das eine Mischung, die gerade deshalb wirkt, weil die meist bearbeiteten Stücke so unterschiedlich klingen. Das fühlende Hirn der Hörerin und des Hörers aber macht’s, dass das alles zusammenstimmt: vom Morgenlicht über den heißen Mittag zum Abendfest, garniert mit Vogelstimmen, den ans Ufer schlagenden Wellen und dem Wind, den der menschliche Atem vollkommen abbilden kann. Die Epochen berühren sich, die seinerzeit avantgardistische Gregorianik einer Hildegard von Bingen steht zwischen Sofia Gubaidulinas Klängen des Waldes, einer Neutönerei von 1978, und einem frühbarocken Stück eines Bartolomeo de Selma y Salaverde. Dank auch für diese Ausgrabung, die Sophia Schambeck auf einer ihrer zwei Dutzend Blockflöten so lebendig bläst, dass die Frage, ob das alles alt oder neu ist, zuletzt akademisch wird. Mein Lieblingsstück? Das gibt’s nicht, aber mit den Variationen über Jacob von Eycks Engels Nachtegaeltje von ca. 1645 und dem für Barockorchester eingerichteten Specht von Aldo López-Gavilán liege ich nicht falsch – von Debussys einsamer Syrinx ganz abgesehen.
Wunderbar, dieses hochkünstliche wie -künstlerische Konzept-Album über konstruierte Naturklänge, die uns an die wahre Natur erinnern: in der Sprache Vivaldis, seines Variationisten Franz X. Schachtner, des Vogelgesangspezialisten Oliver Messiaen und vieler anderer unbekannterer Meisterinnen und Meister, die glücklicherweise von der Flötistin und ihrem Team entdeckt und mit dem feinsten Gespür für dramaturgische Übergänge lebendig gemacht worden sind. Ein Hoch auf die Blockflöte – und ihre Spielerin.
Sophia Schambeck: Nature. Echoes of Birds, Water, and Wind – 900 Years of Flute Music. BR Klassik und Genuin 25943.
Frank Piontek

