Leider wichtig: Miriam V. Leschs Wald in der Studiobühne
Gewidmet Katharina Reiche und der Bundesregierung
Erst vor einigen Tagen konnte man im Neuneinhalb den Film Silent Friend anschauen. Botanischer Mittelpunkt des in drei Zeiten spielenden Streifens ist ein Gingkobaum, der, schön nachhaltig und schön zufällig gepflanzt in Goethes Todesjahr 1832, im Botanischen Garten zu Marburg wächst.
Kurz zuvor erlebte ein Theaterstück seine örtliche Erstaufführung an der Studiobühne Bayreuth, in der es um den Baum geht oder anders: um die Bäume als vernetztes und überlebenswichtiges Ökosystem. Es heißt schlicht und einfach Wald und wurde von der österreichischen Autorin Miriam V. Lesch geschrieben. Da sie aus Austria kommt, bietet das knapp 90 Minuten lange wie kurzweilig inszenierte Stück Einiges von dem auf, was man an der austriakischen Literatur so liebt: einen Humor, der a bissl schräg ist und unter der Oberfläche das Ernste enthüllt. Denn Wald ist, betrachtet man nur den Zustand von Welt und Wäldern, katastrophal. Da wächst also auf A.s Balkon plötzlich ein Baum – eine zwei Meter hohe Birke, die gestern noch nicht da war. Dann geht es, vermittelt durch eine Nachrichtenstimme, fast wie in Frank Schätzings Schwarm weiter: Das Grünzeug entert die Zivilisation, klettert gar über Nacht auf den Eiffelturm. Forstarbeiter werden in Stellung gebracht, einer – man hört davon – wird in Ausübung seines Berufs schier wahnsinnig und erliegt den Verletzungen, die er sich beim Kampf gegen die Bäume zuzog. Ein Rehbock, laut Besetzungszettel „Bambi“, stromert durch den Wald – und kommuniziert mit Cäsar und Plinius, die sich im Wald verirrt haben, weil die Straße, die die Römer hier einst angelegt haben, nicht mehr zu finden ist. Dafür finden sich A. und die ehemalige Forstarbeitsazubine G.: auf dem Balkon, im Schatten des Baums. Am Ende aber sind auch sie verschwunden. „Hier ist ein guter Platz zum Wachsen“ – das ist das letzte Wort.
Es wird nicht vom Menschen, sondern von einem Naturwesen angestimmt, denn die Hauptfiguren des köstlich-traurigen Stücks sind nicht die Menschen, obwohl es zentral um sie und ihr Überleben geht. Der Wald steht bewusst im Titel, doch die Botschaft versickert nicht in einem Thesenstück, denn Birgit Franz hat zusammen mit der Bühnen- und Kostümgestalterin Barbara Seyfried Leschs Parabel auf den Untergang der Menschen wie ein Fantasy-Märchen ausgestattet. Da tanzen die Bäume, Butterpilz und Röhrling, Steinpilz, Fichte und Birke, im Schwarzlicht, schillernd fluoreszierend und vom Bühnennebel wie vom zarten Elektrosound umwabert, bevor der Tanz zum sauererstoffmangelnden Taumel wird. Zwischendurch rutscht ein Käfer, genauer: eine sexy gewandete Latex-Beetlewoman über die Bühne, sich lasziv am Faulholz des Lieblingsbaums satt fressend. Dagegen stehen die rationalen Römer („Ich habe Abholzungen immer genossen“, sagt Plinius) sozusagen im Wald, doch auch der Philosoph kann, sich am Fällen der Bäume aufgeilend, mit einer Stihl-Motorsäge umgehen – bevor ihn der stärkste Baum auf die Bretter wirft.
So wirbelt die Autorin die Zeiten und Figuren zusammen, entwirft einen Traum vom Rehbock, lässt den toten Forstarbeiter, weißgeschminkt, als Untoten wiederkehren und die Gräfin, eine Verwandte der bekannten Regensburger Adligen (die zwei lustigen Römer verirren sich ja auf der Suche nach dem alten Castra Regina), parliert mit den beiden Lateinern über ökonomische Fragen. Bambi darf Dutzende von Holzprodukten auflisten und derweilen Sportübungen vollziehen, die Bäume rezitieren immer wieder ihr Mantra von der Umsetzung von Wasser in Sauerstoff, bevor sie ins Keuchen kommen. Zwischendurch herrscht die leichte Komödie; wenn sich A. und G., sprachlich mit botanischen Metaphern reich versehen, zärtlich annähern, wird ganz nebenbei die Bedingung einer Liebeskomödie erfüllt. Allein „es ist wie bei jeder tragischen Liebesgeschichte“, heißt es einmal. „Wir brauchen die Pflanzen, aber sie brauchen uns nicht.“ Und noch genauer: „Für eine einzige Spezies braucht ihr viel zu viel Platz.“ Bambi hat leider Recht, aber das Ende ist wieder einmal das Prinzip Hoffnung – für die Bäume, nicht für die einzige Spezies.
In der Studiobühne spielen Christof Neuner (als A.) und die Anderen in Doppelrollen (Franziska Ramschütz als G. und Butterpilz, Frank Ambrosius als Plinius und fetter Röhrling, Philipp Hildmann als lorbeerbekränzter Cäsar und dicker Steinpilz, Alexandra Berner als Gräfin, Käfer und Fichte sowie Johannes Haendle als Bambi und Buche) ein Stück, das ins Schwarze trifft, während der Humor der Katastrophenmeldung eines dummerweise schwer verletzten Ökosystems auf der Spur ist. Am Ende bleiben, durchaus farbig, durchaus neonfarbenschillernd, die Wesen des Waldes alleine übrig, um den Menschen als klügeres Naturwesen zu verändern und zu integrieren. Starker Beifall für eine theatralisch wie bildmächtig starke Produktion mit souveränen Darstellern.
P.s. Am Tag der besuchten Aufführung, dem 27. Februar 2026, wurde ein von allen Ökologieexperten kritisierter Entwurf des Bundesminsteriums für Wirtschaft und Energie unter Katherina Reiche zur Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes bekannt, wonach für neue Photovoltaik-Anlagen bis 25 Kilowatt die feste Einspeisevergütung entfallen soll. Nur einen Tag zuvor hat sich die schwarz-rote Regierungskoalition auf von allen Ökologieexperten kritisierte Eckpunkte für das sogenannte Gebäudemodernisierungsgesetz geeinigt. Demnach wird die Vorgabe, dass neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit Erneuerbaren Energien betrieben werden müssen, abgeschafft. Der Einbau neuer Öl- und Gasheizungen soll erlaubt bleiben.
Theater kann – leider – sehr aktuell sein…
Frank Piontek
Foto (c) Thomas Eberlein
