Kurt Kreilers wichtige Edition der Sonette „Shakespeares“
„Ich ist ein Anderer.“ Was 1871 der Dichter Arthur Rimbaud von sich behauptete, darf mit Fug und Recht auf Shakespeare, oder genauer: „Shakespeare“, gemünzt werden. Denn das ER, den man als den bedeutendsten Dichter aller Zeiten und Kulturen zu bezeichnen pflegt, ein „Anderer“ war, dürfte selbst dem bekannt sein, der nie eine seiner Zeilen gelesen hat.
„Shakespeare“ also war nicht Shakspeare (oder Shakspere), über den wenig mehr bekannt ist, als dass er viele Jahre seines Lebens in der Provinz saß, wo er im Handel tätig war und sich in London an Theatergeschäften beteiligte, in denen es nicht um Kunst, sondern allein um Kohle ging. Um eine lange und gar nicht so komplizierte Debatte abzukürzen, die nicht erst seit dem 19. Jahrhundert läuft, weil schon im 17. Jahrhundert die Identität des Mannes angezweifelt wurde: Dass es nicht der illiterate Kaufmann und Schauspieler war (falls er denn je mehr spielte als unbedeutende Nebenrollen), dem wir Hamlet und den Sommernachtstraum, Macbeth und King Lear, die Königsdramen und die italienischen Komödien verdanken, ist mehr als eine Vermutung nichtakademischer und akademischer Forscher, die von den Stratfordians gern, und selten mit zumindest theoretisch nachvollziehbaren Gründen, als Spinner abgetan werden. Die Fakten und 1000 Indizien, die eine wachsende Schar von akademischen und gründlichen „Oxfordians“ seit einem guten Jahrhundert ausgegraben hat, während die „Stratfordians“ die Widersprüche der orthodoxen Biographie schlicht und einfach ignorieren oder leugnen, lassen keinen anderen Schluss zu, als dass es der denkbar unorthodoxe, hochgebildete und sensible (wie exzellent erforschte) Edward de Vere, 17. Earl of Oxford war, der der Welt das Ouevre „Shakespeares“ hinterließ. Um dies zu belegen, genügt es schon, das neben Hamlet autobiographische Hauptwerk des Lyrikers Shakespeare genau zu lesen, wenn man es denn nicht vorzieht, wie es unter den Verteidigern des Mannes aus Stratford noch üblich ist, den Zyklus der 154 Sonette, also der biographischen Gattung, zur bloßen Kunstübung zu erklären, die mit dem gelebten Leben ihres Autors nichts zu tun hat. Kein Wunder: Im einigermaßen gut rekonstruierbaren Leben William Shaksperes (mit kurzen „es“) findet sich kein einziges Ereignis, das mit dem Inhalt der gedichteten Gesamtgeschichte zusammenhängt, die uns der Erzähler kredenzt hat. Und wäre es ein Fantasieprodukt, bestünde das große Rätsel darin, woher sich eine derartige Artifizialität gespeist hat. Allein da fand und findet man nichts.
Gelten bei vielen Kennern des Lyrikers Shakespeare, also Edward de Vere, die Sonette nicht ganz zu Unrecht gleichermaßen als geniale wie gelind rätselhafte Verdichtungen erlebter und durchfühlter Lebenspraxis, so sperren sie sich gegen allzu voreilige Interpretationen. Kurt Kreiler, nach dem Tod Robert Detobels der eminente Kenner von Leben und Werk Edward de Veres im deutschsprachigen Raum – als solcher gab der Autor einer umfangreichen De-Vere-Biographie bereits eine frühe Prosaerzählung de Veres mit eingelegten Gedichten, de Veres Gedichte und „Shakespeares“ Lieder in schönen wie wertvollen, weil exzellent kommentierten Ausgaben heraus -, Kreiler nahm sich nun die Sonette vor, indem er sie übersetzte, kommentierte und das Ganze mit einem umfangreichen Nachwort versah, das sämtliche zum Druck beförderten stratfordianischen Geschichtsklitterungen mit Argumenten erledigt, denen zu widersprechen nur denen leichtfallen könnte, die auf das Vergnügen verzichten, es genau zu lesen. Nicht allein, dass der Übersetzer Kreiler der Shakespeareschen oder, dem posthumen Druck gemäß, der SHAKE-SPEARESCHEN Sprachmagie und Genauigkeit mit einer poetische Zauberkraft nahekommt, die man sich von einer Shakespeare-Gedicht-Übersetzung nur wünschen kann; ähnlich Schönes mag man in der 100 Jahre alten und nach wie vor lesbaren Translation Terese Robinsons finden. Er macht es dem interessierten Leser leicht, wenn er jedes Sonett mit genau einer Druckseite Stellenkommentar versieht (da gibt es schönste Funde und Richtigstellungen) und im Anhang die gesamte Geschichte, die Edward de Vere zum komponierten Werk band, noch einmal Gedicht für Gedicht kurz zusammenfasst, um die Geschichte der Beziehung des Autor-Ichs und Erzählers und des von ihm angesprochenen wie -geschriebenen jungen Mannes zusammenzufassen, der kein Anderer sein kann als Henry Wriothesley, mit dem er fast verwandt gewesen wäre, hätte Wriothesley, wie verabredet, sich in die De-Vere-Familie eingeheiratet; dass im Wikipedia-Artikel über diesen 3. Earl of Southampton über eine historisch unmögliche Verbindung des Adligen zum Stratforder Kaufmann spekuliert, die enge Nähe zum Earl von Oxford jedoch mit keiner Silbe erwähnt wird, spricht nicht gegen die Fakten, nur gegen die Verfasser des Internet-Lexikons. Also kann eine deutschsprachige, noch dazu mit einem, wie von Kreiler nicht anders zu erwarten, sprachlich versierten Kommentar versehene Neuübersetzung mit allen nötigen Informationen nicht allein den in der englischen Literatur der Zeit vor 1600 einzigartig dastehenden, monumentalen Sonett-Zyklus allen Shake-speare Freunden ideal erschließen. Zu den coups des Bandes gehören die Erörterungen des Einflusses, den der Sonett-Autor auf die minor poets, die stellenweise schlechten Sonettisten hatte, die sich einzelner Gedanken aus den Sonetten plagiierend bedienten. Dass es „Shakespeare“ war, der voranging, nicht umgekehrt, beweist die tabellarische Zusammenstellung einzelner späterer Sonett-Verfertiger, ihrer Sonette und ihres jeweiligen Originals.
Kreiler gibt damit, abgesehen vom biographischen Abriss im Nachwort und den Auseinandersetzungen mit einer denkfaulen „Forschung“ (genau so schreibt Kreiler den Terminus – und er hat Recht damit), einen Einblick in ein Leben und ein außergewöhnliches Werk, das gemeinhin als „schwierig“ gilt. Nein, der „lebensgeschichtliche Rahmen“ des Zyklus ist kein Konstrukt. Es zeigt sich in ihm eine „Liebe zur Schönheit“, auch die „Liebe zur Schönheit“, nicht zuletzt die „Schönheit seines Werkes und die Liebe zum Werk“. Wer Sinn hat für eine Lyrik, die trotz oder vielleicht: gerade überzeitlich gültig ist aufgrund ihres Anlasses, in dem ein fortpflanzungsscheuer Jüngling und eine „Dark Lady“ genannte Figur die Hauptrollen spielen – aber nein; die Hauptrolle spielt eigentlich und uneigentlich der Sprecher -, wer wissen will, wie der extrem belesene Autor sich aus Lesefrüchten verschiedenster Sprachen und Kulturen, die dem Stratforder Kleinbürger niemals zu Gebote standen, eine eigene Welt erschuf, kommt um Shakespeare nicht herum. Oder anders, aufs Heute bezogen: „Mögen die SONNETS freundlich aufgenommen werden in einer Zeit, in der wir begonnen haben, die Sprache und das Denken der Automaten zu imitieren.“
Dass „Ich“ im Fall Shakespeares ein „Anderer“ ist, kann also nur als Glück bezeichnet werden: auch in Bezug auf seinen Übersetzer und kundigen Kommentator.
Kurt Kreiler: SHAKE-SPEARES SONNETS. Übersetzung, Kommentar und Nachwort Das Lächeln der Dark Lady. 419 Seiten. Königshausen & Neumann, 2025. 58 Euro.
Frank Piontek
