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Dienstag, 8. September 26

Nach 150 Jahren wieder in Bayreuth

AllgemeinNach 150 Jahren wieder in Bayreuth

Michel Mollards „Malwida“ bei Steingraeber.

Sie wohnte nur ein paar Meter entfernt, vielleicht 50 Meter, gleich um die Ecke, in der Dammallee. 1873 zog sie für viereinhalb Monate nach Bayreuth, um Wagner ganz nah zu sein. Wagner kommt, es scheint unvermeidlich, am Abend auch am Rande vor. 1876 kam sie wieder, um die ersten Festspiele zu besuchen: Grund genug, nach 150 Jahren, im Jubiläumsjahr Festspiele 150, ein Sprechstück nach Bayreuth zu bringen, das auf diese Frau schaut.

Das Stück – ein echtes Stück französischer Rhetorik-Tradition, ein Diskursstück, kein dramatisches Theaterwerk – heißt nach seiner Heldin: Malwida. Malwida von Meysenbug war, um es abzukürzen, eine der bedeutendsten Frauen des 19. Jahrhunderts – nicht, weil sie mit einigen Größen, unter denen Wagner nur eine war, bekannt war: Liszt, Alexander Herzen, Nietzsche. Sie gehörte zu jenen Frauenrechtlerinnen, deren Wirken weit ins 20. Jahrhundert reichte. Ihre Memoiren einer Idealistin, wie sie ihr Buch bezeichnend und selbstbezeichnend nannte, haben ihren Ruf bewahrt, und wer Cosima Wagners Tagebücher kennt, weiß, was den Wagners, insbesondere Frau Wagner, die „Freundin“ bedeutet hat. Die Meysenbug, wie man sie nennen könnte, ohne respektlos zu sein, kannte auch Romain Rolland, einen einstmals berühmten Autor, Dichter, Essayisten – und Humanisten. Michel Mollard stellt in Malwida die Beziehung zwischen dem jungen Mann und der alten Dame schlaglichtartig auf die Bühne. Sie lernten sich 1889, vermittelt durch den Schwiegersohn Gabriel Monod, kennen, woraufhin eine lebenslange Freundschaft bis in ihr Todesjahr 1903 entstand und sie zu seiner wohl wichtigsten geistigen Mentorin wurde. Das Stück bezieht sein Material aus den publizierten Briefen; einstmals müssen 1500 existiert haben: wöchentliche Mitteilungen, Herzensbekenntnisse, Diskussionen – allesamt grundiert von einem auch mal angezweifelten Idealismus.

Im Mittelpunkt steht also „Malwida“, also Bérengère Dautun, Jahrgang 1939, ehemaliges Mitglied, d.h.: seit 1964 pensionnaire de la Comédie-Française, 1974 bis 1997 deren sociétaire. Madame Dautun bringt die ganze Tradition der ehrwürdigen Institution und seiner spezifisch hohen Sprechweise auf die kleine Bühne von Steingraebers Hoftheater, auf deren temporärer Ring-Bühne zwei Stühle, ein kleiner Tisch und zwei Gläser genügen müssen, um eine Pseudo-Szene anzudeuten. Viel wichtiger: Ilyès Bouyenzar spielt nicht allein den Rolland, er spielt auch Klavier. Am Steingraeber sitzend, bringt er das Adagio aus Beethovens Sonate op. 106 und die Sinfonia aus der Bach-Kantate BWV 21, Ich hatte viel Bekümmernis – für die Wagnerianer auch den Schluss der ersten Verwandlungsmusik des Parsifal. Er macht das so sensibel wie er spricht: entsprechend zu Madame Dautuns präziser Sprachkunst (mag sie auch manchmal, wie mir eine französische native speakerin mitteilte, das s mit dem f verschleifen), die den Inhalt betont und mit wenigen Gesten begleitet. Dritter im Bunde ist Benoît Dugas, der zu Beginn, zwischendurch und am Ende (wenn er von Frau von Meyenbugs Tod berichtet) als Gabriel Monod seine einführenden, verbindenden und abschließenden Sprechparts hat. Das Ganze ist gegliedert wie ein mehrteiliges Hörspiel, das vom Regisseur François Michonneau 2024 in das Pariser Studio Hébertot gebracht wurde. Da immer wieder von Wagner und Liszt die Rede ist, ist die Aufführung im Klavierhaus Steingraeber ganz am richtigen Platz. Um den französischen Kritiker Jean-Pierre Hané zu zitieren: „Ein ausgefeilter Schreibstil in einer sorgfältig ausgearbeiteten Sprache. Michel Mollards Text besitzt jene erstaunliche Alchemie, die dieses Stück fast zu einem musikalischen Quartett macht, da der Text ebenso sehr Partitur wie Erzählung ist. Man wird sozusagen von der klanglichen Qualität dieser Aufführung und der perfekten Harmonie der Stimmfarben mitgerissen. Man könnte die Augen schließen und sich Jean-Claude Drouot als Kontrabass, Bérengère Dautun als Querflöte, Ilyès Bouyenzar als Cello und Benoît Dugas als Bratsche vorstellen.“

Erstaunliche Alchemie, nun ja, aber es stimmt: Der Ton macht auch, zwischen Diskurs und sprachgewordenem Sentiment, im Fall von Malwida die Musik. Wer sich, wie die länger und sehr freundlich anwesenden Deutschen und Franzosen auf das 75 Minuten kurze Dramolettchen einließ, die Schultheateraspekte als das nahm, was sie sind: didaktisch, und die Fragestellung – Was soll der Idealismus? – akzeptierte, ohne vom Autor zu einer Antwort gezwungen zu werden, konnte sich eine gute Stunde lang im Paris des späten 19. Jahrhunderts wähnen: 680 Kilometer von Bayreuth – aber keine 100 Meter vom Meysenbug-Haus entfernt.

Frank Piontek


Foto © Steve Bouteiller

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