„Diese nachkomponierten Sätze sind von einer Großartigkeit der harmonisch-polyphonen Konzeption, einer Tiefe des Gefühls und harmonischen Rücksichtslosigkeit, wie sie eben nur seine letzten Werke auszeichnet.“ Der große Mozart-Biograph Alfred Einstein hatte schon Recht, als er die ersten beiden Sätze der Sonate KV 533 derart euphorisch charakterisierte. Sie finden sich gleich zu Beginn der nunmehr dritten CD, die der in Bayreuth lehrende Klavierprofessor Michael Wessel Mozarts Sonatenwerk widmet. Mozart the Poet und Mozart the Double-Faced, so hießen die beiden ersten Teile der Gesamtedition, mit der sich der Pianist das Sonatengesamtwerk Mozarts erobert, nun also mit den letzten drei großen Sonaten, dem Abschluss eines aus „nur“ 18 Nummern umfassenden Zyklus’ – aber was für Sonaten! Da jedoch bekanntlich der Ton die Musik macht und, seien wir ehrlich, die meisten gegenwärtigen Mozartinterpretationen, werden sie auf einem modernen Flügel gespielt, immer mehr oder weniger wie mehr oder weniger sinnvolles Geklingel tönen, zeichnen sich Wessels Deutungen selbst auf einem modernen Instrument durch seltene Musikalität aus. Denn Wessel, dem die Kenntnis der modernen Musik auch und gerade bei den „alten“ Stücken zugute kommt, weiß, was er spielt, wenn er die von Bach inspirierten, aufregenden „Spätwerke“ (des 33jährigen Komponisten) mit ihren verzwickten Mehrstimmigkeiten und harmonischen Kühnheiten zutiefst sinnerfüllt in unsere Ohren bringt. Mag sein, dass die biographistischen Beigaben, die Wessel in seinem Begleittext den Werken widmet, nicht wirklich notwendig, gar problematisch sind, weil es immer spekulativ ist, vom (rekonstruierten) Gemütszustand des Komponisten auf das Komponierte zu schließen. Es genügt, dass Wessels Eindringen in den konstruktiven Gehalt der drei wahrlich bedeutenden letzten Sonaten völlig ausreicht, um die Strukturen gleichzeitig offenzulegen und durch sensibelste Anschläge zusammenzuhalten. Wessels Mozart ist klar wie gebranntes Wasser – und bezaubernd wie eine Geschichte, die im Moment der Erzählung entsteht. Dazu gepackt: das Duo von Gigue KV 576b und Menuett KV 567b, zwei weiteren ungewöhnlichen Werken aus dem unmittelbaren zeitlichen Umkreis der letzten Sonaten. Man darf, das ist keine Floskel, wirklich darauf gespannt sein, wie der Wesselsche Mozart-Sonatenzyklus weitergeht – denn so gespielt, erweist sich Mozart nicht allein als „Fortschrittler“, auch als Protagonist einer Musikkultur, die alle Delikatesse verlangt, um hörbar zu werden. Wie in diesem raren Fall.
Mozart the Progessive. Piano Sonatas KV 533/494, 570, 576. Michael Wessel, piano. Ars Produktion, 2024.
Frank Piontek
