Mit und ohne Zigarette

Max Beckmann und Armand Besch im Bayreuther Kunstmuseum

Die Frage bei Beckmann ist ja nur: Mit oder ohne Zigarette? In diesem Fall sehen wir den Meister des spitzen Stifts mit Zigarette, ja: mit einer Zigarettenspitze. Ihr Schatten fällt auf das Kinn, er ist so lang wie der, den der Maler und Zeichner – für viele „der bedeutendste Maler des 20. Jahrhunderts“, aber den kann es per definitionem nicht geben – in die Kunstgeschichte warf.

Daneben hängt ein Foto von Armand Besch. Armand Wer? War er ein Bekannter von Beckmann? Nein, er war „nur“ ein Zeitgenosse. Also hat die Leitung des Bayreuther Kunstmuseums die Ausstellung, die einige Werke der beiden Männer kompiliert, auch, modernistisch gesetzt, „AugenZeugen mit Stift und Kamera“ genannt, wobei die Zeitgenossenschaft schon mitschwingt. Mag sein, dass die auffallende Namensähnlichkeit – von Beckmann zu Benesch ist es nicht weit –, irgendein diesbezüglicher assoziativer Zufall also, mit dazu beitrug, die beiden so unterschiedlichen Produzenten so unterschiedlicher Werke zu verkuppeln. Denn mehr als die Zeitgenossenschaft verbindet, zumindest auf den ersten Blick, sie nicht: Hier der Chronist abseitig-normaler Zustände in und kurz nach einem 1. und 2. Weltkrieg, dort der nüchtern-poetische Fotodokumentarist von stiller Natur und alten Bauten. Danzig, Frankreich und die Mark Brandenburg hier, das Berlin der 20er Jahre dort, das ist es auch schon. Baumlandschaften und Bars, Pariser Stadtstilleben und Prostituierte, Notre Dame und “Negertänze”: Die Gegensätze sind offensichtlich – und manchmal reizvoll. Denn die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen zeigt denn doch, nicht zuletzt in Beschs Fotoporträts seiner Soldatenkameraden, dass es „die“ Zeit und „die“ Kunst niemals gegeben hat, auch wenn vergleichbare Motive ins Bild genommen werden. Durchaus nicht nebenbei: Beckmanns Der Neger und Niggertanz bleiben Neger– und Niggertanz-Blätter, auch wenn man in Bayreuth die Kunstgeschichte zu fälschen versucht, indem man die Bildtitel radikal abkürzt – und damit lustiger- wie traurigerweise die historischen Originaltitel erst aufwertet. Mit Wissenschaft hat diese Strategie absolut nichts zu tun.

Mag sein, dass die Dramaturgie der Ausstellung, in der bedeutende Blätter aus den Zyklen Gesichter von 1918 und Day and Dream von 1946 neben menschenlose Naturansichten gehängt wurden, von der lokalen Herkunft des Fotografen bestimmt wurde. Besch war ein Mann aus Coburg, der sich wesentlich weniger als Beckmann selbstporträtierte, sondern lieber das Andere im mild impressionistischen und graphisch organisierten Bild festhielt: nicht so modern wie seine avantgardischen Zeitgenossen, aber auf seine Weise ein Repräsentant seiner Zeit – auf jeden Fall für die oberfränkische Kulturgeschichte eine interessante Neuentdeckung: auch ohne Zigarette.

AugenZeugen mit Stift und Kamera. Max Beckmann und Armand Besch. Kunstmuseum Bayreuth, bis 4.10. 2026

Frank Piontek