Zisas „Wagner wähnt wundernd 2026“ im Jean Paul Art Space
„Das Betreten der Ausstellung“, heißt es bei der Triggerwarnung, „geschieht auf eigene Gefahr“. Schließlich handele es sich bei Wagner um eine „umstrittene Person“.
Na na! So schlimm ist es denn doch nicht, was Franziska Fröhlich alias Zisa im Rahmen des Festival 150 auf die Beine gestellt, also an die Wände gehängt hat. Zisa ist, unter Anderem, eine Bayreuther Puppenspielerin und -macherin; erst jüngst hat sie mit Elisabeth Selbert, genannt „Frau Selbert“, eine selbstbestimmende Frau gebastelt, über deren lebendes Vorbild Wagner, der „politische Frauen“ auf den Tod nicht ausstehen konnte, sicher einiges seiner Frau in die Tagebuchfeder diktiert hätte. Nun also, nach einer der drei „Mütter des Grundgesetzes“, der wir den kurzen, aber wesentlichen Satz verdanken, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind – nun also folgt nach der Frau der Mann. Wagner als Puppe zu machen ist nicht neu, aber immer wieder entzückend. Zisa ließ ihren kleinen Herren Wagner durch Bayreuth laufen, um ihn fotografisch ins Bild zu bannen. Im Jean Paul Art Space, der Friedrichstraße 5, im Erdgeschoss des Hauses, in dem vor 201 Jahren der andere große nicht aus Bayreuth stammende Bayreuther, also Jean Paul, das Zeitliche segnete, bietet sie keinen Wagner zum Anfassen – die fragile Puppe sollte nicht angetatscht werden – , sondern einen Wanderwagner, meinethalben wähnend, was aus „seinem“ Bayreuth geworden ist. Wir sehen also Wagner vor graffitibesprühten Mauern und Häusern, im Supermarkt, an der Bushaltestelle, vor der Stadtmission, an Biotonne und Osterbrunnen. Wir sehen ihn am Dinosaurier des Urweltmuseums, vor dem Barbergeschäft, Hunde – in gewisser Weise seine Hunde – anschauend (die Hunde schauen natürlich manchmal zurück), nicht zuletzt, oder doch zuletzt, am Festspielhaus, dort auch in der Freiluftausstellung Verstummte Stimmen, am Ende vor der Tafel, die den jüdischen Parsifal-Uraufführungsdirigenten Hermann Levi porträtiert. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte… Man sieht den kleinen Mann auch am Walk of Wagner, auf dessen Kuben der nur ein wenig größere Herr Wagner dauerdirigiert – der Puppenwagner hat sich abgewandt. Wie gesagt: Ein Bild …
Worum aber geht es bei dieser Zeitreise? Zisa hat das Projekt in eine Wortfolge gebracht: „Hoffen – Bangen – Scheitern – weiter weiter – Vision – Kollision – Reflexion?“ Das klingt leicht herbeigetupft, umreißt aber doch das Lebensprogramm Richard Wagners, der vor 150 Jahren mit der Eröffnung der Festspiele, deren Wiederkehr heuer gefeiert wird, zugleich einen Triumph wie eine Niederlage erlebte: den Triumph des Geistes über die schwache Materie (die klammen Finanzen, die Widerstände der Bühnentechnik und der Presse) und die Niederlage einstiger demokratischer Ideen eines nationalen Volksfests. Übrig blieb das Event – und Abertausende von Wagner-Variationen: auch im Medium der Puppe. Am Abend gerät man indes in Kontakt mit Herrn Wagner. Jeder, der will, darf sich in der Aktion Mit Richard auf Du (“Meet the Master”) mit ihm ablichten lassen und ihm das sagen oder ihn fragen, was er ihm immer schon mal sagen oder fragen wollte. Mag sein, dass da für einige Augenblicke ein Kontakt mit der Vergangenheit hergestellt wurde, die just zur Gegenwart wurde – als wär’s ein guter Voodoo-Zauber.
Vielleicht geschieht das Betreten der Ausstellung ja doch auf eigene Gefahr.
Frank Piontek
Franziska Fröhlich alias Zisa: „Wagner wähnt wundernd 2026“. Ausstellung im Jean Paul Art Lab. Friedrichstr. 5, Bayreuth. Bis 3. Juli 2026.
Foto (c) Franziska Fröhlich
