Mozarts Klavierstück KV 15p ist ein kurzes Stück in g-Moll. Man ist immer wieder erstaunt darüber, wie so etwas im Kopf eines achtjährigen Knaben zu entstehen vermag: ein vermutlich als Kopf einer Sonate konzipierter Sonatensatz, der nicht allein orchestrale Züge trägt. 72 Takte g-Moll, sie haben es in sich – aber man muss sie spielen können, um sie in ihrer ganzen Erstaunlichkeit würdigen zu können.
In Bayreuth ist es Michael Wessel, Klavierprofessor an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik, der für die lokale Mozart-Pflege sorgt und mit Mozart, der reisende Wirbelwind die 5. Folge seiner Gesamteinspielung der Sonaten W.A. Mozarts vorlegte. In Bayreuth, wo Mozarts Bäsle ihre letzten Jahre lebte, spielt Mozart keine allzu große Rolle im Konzertleben. Steht der Klavier-Mozart bei Mozart-Verächtern nach wie vor im Verdacht, allzu oft wenn auch großartiges Geklingel produziert zu haben, gelingt es Wessel, einen Sound zu produzieren, der immer wieder an den Klang erinnert, für den Mozart seinerzeit seine Sonaten etc. komponierte. Dafür sorgt nicht nur die Sordino-Einstellung, mit der der Pianist immer wieder dunkle Passagen, als Kontrast und zur Freude der Hörer, in seine Spiel-Arten einflicht. Artikulation ist das zweite Zaubermittel. Der Sonatensatz KV 15p klingt betont robust (nicht primitiv), das g-Moll wird ernst genommen, der drive dieser Musik deutet auf etwas hin, was in Worten nicht ausgedrückt werden kann.
Mit einem Wort: Mozarts Wessel-Deutungen zu lauschen, ist eine Sache größter Spannung und nicht abreißender Stringenz. Er hält die Affekte zusammen, indem er sie, nicht allein in seinen Booklet-Texten, analysiert. Er spielt also das „Lärm und Getös“ der C-Du-Sonate KV 309 – und vergisst nicht die Vortragsbezeichnung „con spirito“. Er zeichnet im Andante un poco adagio ein „Charakterbild“ einer offensichtlich charmanten und charmierenden Klavierspielerin, der Rosa Cannabich – und verzichtet immer und stets auf jeglichen Kitsch. Seine Akzente sind manchmal betont kurz, verweigern sich irgendeiner traditionellen Gefühligkeit – und halten den Hörer doch jeden Augenblick in Spannung.
„Mozart, der reisende Wirbelwind“, so heißt das ganze Programm, das aus zwei Stücken des frühen Londoner Skizzenbuchs und aus den drei Sonaten KV 309, 310 und 311 besteht. Das ist sinnvoll und schlüssig, nicht allein aus zeitgeschichtlichen Gründen. Indem Wessel an den Sonaten KV 309 und 311 die Mannheimer Schule der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts erläutert, dem sich Mozart mit Gewinn näherte, spielt er einen Mannheimer (Mozart)-Stil heraus, der frei von aller Äußerlichkeit ist. Die dritte Sonate, KV 310 ist nicht allein deshalb außergewöhnlich, weil es sich um die erste Mollsonate W.A. Mozarts handelt. Wessel meint, dass sie, als Reflex auf das Sterben der Mutter Mozart, dessen Trauer, Wut und Verzweiflung transportiere. Wessel kann gar nicht anders, als, frei von jeglicher improvisatorischen Verlockung, in Mozarts Wut eine Form zu entdecken. Also vernimmt man irgendwann einmal einen Trommelwirbel, den Trommelwirbel eines Trauerkondukts. Im Andante cantabile con espressione hören wir eine Finsternis, wie sie in Mozarts Klavierwerk selten begegnet, und der Schlusssatz, ein Presto, hält genau die Waage zwischen Schnelligkeit und Gehetztheit. Der Mozart-Biograph Alfred Einstein nannte es „schattenhaft“, unter Wessels Händen klingt’s genau so. Auch hier wird kein Akzent verschmiert, keine Anweisung ignoriert. Schließlich das Fragment des B-Dur-Sonatensatzes KV 400, der einst vom Abbé Stadler zu Ende geschrieben wurde. Wessel ergänzte sich selbst den Satz – und fand zu einem glücklichen Finale. Man muss es authentisch nennen, auch wenn Authentizität in der Interpretation musikalischer Werke eine wackelige Angelegenheit ist – eine wackelige, aber keine unmögliche.
Was ist (Klavier-)Kunst? Die Abwesenheit jeglicher Banalität. Mozart lebt also – auch in Bayreuth, unter den Händen Michael Wessels.
Frank Piontek
Mozart the travelling whirlwind
Michael Wessel
Ars Produktion 38378
