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Mal was Anderes

Richard WagnerMal was Anderes

Ein Münchner Geburtstagskonzert zu Wagners 210.

In Bayreuth tun sie leider nichts Wesentliches an diesem Tag. In Nürnberg bekränzen sie immerhin Wagners Büste. In München aber sitzen nicht weniger als 36 Musiker, genauer: vor allem Musikerinnen auf der Bühne, um den 210. Geburtstag Richard Wagners würdig, wie es so schön heißt, zu begehen: mit einer „Musikkapelle“.

In München befinden sich ansonsten, rein instrumentatorisch gesehen, allein ein, zwei oder drei Hornisten am Wagner-Denkmal, um daran zu erinnern, dass Wagner an einem 22. Mai auf die Welt kam. Wieso aber, fragte sich Karl Russwurm, der Vorsitzende des Richard Wagner-Verbands / Die Opernfreunde München e.V., soll man es bei ein paar Bläsern bewenden lassen, wenn man gleich eine ganze Blaskapelle engagieren kann? Gesagt, getan – so saßen also am Nachmittag des Vortags die Geltinger auf der Bühne des Festsaals des Künstlerhauses am Lenbachplatz, um dem Meister – und noch ein paar anderen, die fast alle direkt mit Wagner zu tun haben – Reverenz zu erweisen. Der „beschwingte Konzertnachmittag“ schwang sich also mit Wagner ein, streifte Beethoven, Rossini, Verdi und Strauss und endete schließlich offiziell mit einem Nibelungenmarsch, nachdem man noch kurz mit drei Tänzen nach Kuba gereist war, was den Wagnerkenner daran erinnert haben könnte, dass Siegfrieds Schmiedelieder auch ein Paso doble sind. Nach Kuba? Ganz richtig – und stimmig, denn der Münchner Verband kooperierte mit einem Freundeskreis in Havanna, wo  einst „Holländer“ und „Tannhäuser“ gespielt werden konnten. Das Konzert aber wurde von Edoardo Pirozzi zusammengehalten, einem waschechten Römer, der gelegentlich in Bayreuth (nicht bei den Festspielen, aber bei diversen anderen Festivals) das Horn blies und mit Siegfrieds Ruf Ehre einlegte. Nun leitet er also die Musikkapelle Gelting – ein reines Laienorchester, das geichfalls Ehre einlegt, wenn es gilt, technisch durchaus schwierige Stücke gut zu spielen. Chapeau, zumal mit der No. 1, einer „Festmusik“ benannten Komposition des mittleren Wagner, basierend auf dem „Gruß seiner Treuen an Friedrich August den Geliebten ‚Im treuen Sachsenland‘“, den Wagner 1844 in einer Erstfassung für Männerchor und Blasorchester vorlegte, den meisten Zuhörern ein Wagner präsentiert wurde, den die Wenigsten wohl je, auch nicht in der Bearbeitung Rudi Seiferts, gehört haben. „Feierlich“, so könnte über dieser Fassung stehen, denn das ursprüngliche Marschtempo wird in der Seifert-Fassung in ein Andante verwandelt. Voilà: So kann eine geistreiche Wagner-Ehrung klingen, wenn man die bei Wagner so wichtigen und hochdifferenzierten Bläserfarben durch eine Bearbeitung ins Haus holt, die man „zünftig“ nennen könnte.

Was Beethoven (zu hören ist der Yorksche Marsch) mit Wagner zu tun hat, muss man einem Wagnerfreund nicht erklären, ebenso wenig die Beziehungen zwischen Wagner und seinem Kollegen Rossini, dem er in Paris begegnete, erläutern. Dass keine uminstrumentierte Ouvertüre, sondern der 3. „Marche pour le mariage du Duc D’Orleans“ auf den Notenpulten lag, war schon deshalb schön, weil hier mit Wagnertuben und Flügelhörnern, Klarinetten und Saxophonen eines jener „Nebenwerke“ gespielt wurde, die die Musikgeschichte bereichern und das Vergnügen der Hörer am gut gemachten Unterhaltungsstück befriedigen. Wagners hintersinnige Zürcher Polka WWV 84 macht da keine Ausnahme: mit einer runden halben Minute Aufführungsdauer klingt sie in der Bearbeitung des Dirigenten amüsant in den Raum. Wagner hat Verdi, den neben Wagner größten Opernkomponisten des 19. Jahrhunderts, kaum zur Kenntnis genommen und verachtet – kein Grund, zu Wagners Geburtstag nicht dessen Marsch aus dem „Ernani“ zu spielen. Dass im Anschluss der Militärmarsch op. 57/1 von Richard Strauss erklingt, hat seine Richtigkeit, denn beide Märsche – die Werke zweier eminenter Musikdramatiker – verbindet eine lustige Mischung aus Sonntagskonzerts-Heiterkeit und persönlicher Handschrift. Dass Strauss, während er gerade an der „Elektra“ saß, einen Marsch komponierte, der Wilhelm II. gut gefallen haben mag, ist zuletzt ein Beleg der von Strauss aufgestellten These, dass er selbst eine Speisekarte komponieren könne. Die jungen Musiker spielen all die kleinen Werke der Großen mit gutem Gefühl für den rechten Rhythmus und einer Liebe für die typische Musik einer „banda“, die Zwischentöne erlaubt und Farbmischungen jenseits des bekannten Schneddereteng provoziert. Man hört‘s besonders gut, wenn Pirozzi sein „Seid bereit!“, ein der Kapelle gewidmetes Stück, zur Uraufführung bringt und sich aus dem polyphonen Linienspiel in den Holzbläsern eine schöne Melodie heraushebt. Wenn schließlich der mit einigen wenigen „Ring“-Motiven versehene, bekannte Nibelungenmarsch des Bayreuther Militärmusikers Gottfried Sonntag ertönt, lauschen wir einer Wagner-Parodie im Gewand der Wagner-Verehrung – und/oder umgekehrt. Der Rest ist bayerisch – und ein Stück, das die Blaskapelle als gute Big Band ausweist. Also langer Beifall – wie auch nicht?

Manchmal sind eben 36 Musikerinnen doch mehr als drei Hornisten.

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