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Montag, 17. August 26

Magisch? Zauberhaft!

AllgemeinMagisch? Zauberhaft!

Das Turkish National Youth Philharmonic Orchestra beim Festival junger Künstler

Die Türken kommen! Das war einmal ein Schlacht- und Angstruf, doch nachdem die „Gastarbeiter“, wie sie in den 60er und 70er-Jahren genannt wurden, sich hier ansiedelten, hat er seinen bösen Charakter verloren. Wenn zudem noch ca. 70 (in Worten: Siebzig) junge Leute in den Europasaal einmarschieren, um nicht das Abendland zu erobern, sondern die Musik ihrer Heimat und die von noch ganz anderen Kulturen und Ländern mitzubringen, wird der Ruf, um es mal pointiert auszudrücken, zum Freudenruf – vergessen wir einmal die offensichtlich unvermeidlichen interkulturellen Befindlichkeiten, die hinter den Kulissen ausgetragen werden. Das Publikum muss ja nichts davon erfahren.

„Was ist denn das??“ So klang es noch eine halbe Stunde vor Beginn des Konzertereignisses, als die Intendantin einige Musikerinnen und Musiker im ersten Stock des Foyers proben und ein wenig quietschen hörte. Später wird sich dann keiner mehr über irgendwelche schiefen Töne wundern müssen; die Dissonanzen in den Werken sind ihnen einkomponiert. „Unser Grundthema“, sagt die Chefin, „wird durch nichts besser vertreten als durch das heutige Orchester“ – und die Schirmherrschaft über das Konzert und die türkische Truppe hat Halil Tasdelen übernommen: geborener Türke und sehr gut gelernter Bayreuther, seit 2008 im Stadtrat sitzend: eine Integrationsfigur, deren Existenz mehr über die deutsche Gesellschaft verrät als irgendeine rechte Parole.

Diesmal also sitzen sie nicht auf der Bühne, sondern mitten im Saal, wir auf der Bühne und drumherum, sehr nah an ihnen dran. Der Sound ist sehr direkt, also auch die Emotionen. Man weiß, wenn man das Festival besucht, dass man live (live!) mit Werken bekannt gemacht wird, die man ansonsten nie kennenlernen geschweige denn authentisch hören würde. Der Beginn des interkulturellen Programms ist schon Programm, denn der Komponist, Ulvi Cemal Erkin, wurde in Istanbul geboren, ging 1925 zum Studium nach Paris, um in seine Heimat zurückzukehren und dort zu den „Türkischen Fünf“ zu werden, die das Musikleben im ehemaligen Osmanischen Reich in die Moderne holten. Sie alle wurden, als sie jung waren, unter dem Modernisierer Kemal Atatürk ganz bewusst aus Bildungsgründen für die Kreation einer klassischen türkischen Nationalmusik zum Musikstudium ins Ausland geschickt. Erkins Köçekce, seine Tanzrhapsodie, die um die Welt ging, ist eines der schönsten Beispiele für die Begegnung zwischen Orient und Okzident; nun sitzen 70 junge Musikerinnen und Musiker in Bayreuth, um dieses Meisterstück einer musikalischen Doppelidentität hinreißend agil zu spielen.

Cem Mansur, der exzellent deutsch sprechende Dirigent und Leiter des Turkish National Youth Philharmonic Orchestra wird später von eben jener Doppelidentität reden und auf den tieferen Sinn des Kontakts des Eigenem mit dem Fremden in der Entwicklungsgeschichte der Musik – und der Musiker – verweisen. Fredrik Schwenk sekundiert ihm, indem er seine Erfahrungen mit jungen Musikern aus der weiten Welt schildert: Sie wollten, sagt er, vor Allem die neue hiesige Musik studieren. Dabei wäre es viel wichtiger, deren nationale Eigenheiten und Energien für das Studium der westlichen Musik zu nutzen. „Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich“ – das Zitat aus dem Lohengrin fällt mir ein, als ich die zwei Solistinnen und den Solisten höre, die mit phänomenaler Sicherheit und Musikalität die drei „westlichen“ Solokonzertstücke im ersten Teil zu spielen haben. Ege Dikbıyık, Violoncello, Büşra Başoğlu, Kontrabass, und Maria Rahmatulla, Violine, sie begeistern das Publikum mit einem Fleiß und einer Intensität des Spiels, die einfach nur hinreißend ist. Im Übrigen verbindet die Trilogie der drei Werke nicht allein der Umstand, dass sie für Solo-Streichinstrumente mit Orchesterbegleitung komponiert wurden, sondern auch das Moment einer anverwandelten Volksmusik. Auch darauf weist Mansur hin: dass die Idee, sich eine musikalische Identität aufzubauen, hier wie dort allein mit Integration eines „fremden“ Materials gelang, in diesem Fall v.A. des ungarischen: in Ravels Tzigane wie in David Poppers Ungarischer Rhapsodie.

Büşra Başoğlu. Foto (c) Olga Gassan / Festival junger Künstler

Selbst in Bottesinis Kontrabasswagstück, der Fantasia auf Themen aus Bellinis La Sonnambula, die von Büşra Başoğlu schier beifallprovozierend ins Heute gebracht wird, könnte man daran denken, dass sich auch die italienische Opernmusik in ihrem Kern bisweilen der Populärmusik verdankte. Schließlich spricht man noch über das Verhältnis von Demokratie und Führungswesen, von türkischer Persönlichkeit und nationalem Kulturgut. „Ich sage jedem Türken“, sagt der Dirigent, „man kann durch Brahms und Beethoven Türke sein“. Und man kann, denke ich, auch durch Erkin und Ravel und Tschaikowsky (nb: ein russischer Franzose, d.h. ein französischer Russe) Deutscher sein. Und: „Orchesterleitung und Demokratie ist möglich. Die Lösung jedes gesellschaftlichen Problems steht auf einer Seite einer Partitur einer Symphonie. Musik ist ein Mittel der Zivilisation.“ Das sind steile Thesen, aber wer einen Sinn für kommunikative Prozesse hat, wird Mansur nur beipflichten können. Durchaus nicht nebenbei: die drei glänzenden Solo-Spieler integrieren sich nach ihren Auftritten wieder in das Kollektiv, als dessen Stimmführerinnen und -führer sie gemeinschaftlich agieren. Selbstverständlich ist auch das nicht.

Spielen sie schließlich Tschaikowsky Nussknacker-Suite, werden alle nationalpolitischen Identitätsdiskurse überflüssig. Die geniale Musik spricht unmittelbar zu uns, beim Blumenwalzer schwingt bei den Musikern alles mit, selbst die Bässe tanzen, das Publikum rast vor Begeisterung, auch die lauschenden Mariachi-Musiker, oben auf der linken Galerie, sind sichtbar entzückt, und wie auch nicht bei so einer zauberhaften Performance?

Die Türken kamen – und es war gut so.

Frank Piontek

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