Bernd Buchner stellte sein Wagner-Buch vor
Wagners Welttheater – so heißt das Buch, das der Historiker Bernd Buchner kürzlich vorgelegt hat: eine „Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion“, die in einer ersten Fassung bereits 2013 veröffentlicht wurde. Nur waren in der Zwischenzeit so viele jüngere Dokumente aus den Archiven des Wagner-Clans zugänglich gemacht, dass Buchner sich entschloss, pünktlich zum 150jährigen Jubiläum der Bayreuther Festspiele eine wesentlich erweiterte Neuauflage herauszugeben. Eben diese stellte er beim Bayreuther Richard-Wagner-Verband vor.
Im Gespräch mit dem Journalistenkollegen Gert Dieter Meier wird zunächst einmal danach gefragt, was das denn sei: ein Bayreuther Mythos? Die Antwort fällt nicht schwer: Die Familie, das Haus, die Einzigartigkeit des auf einen einzigartigen Komponisten bezogenen Spielplans, doch hat die Geschichte in den letzten 150 Jahren dafür gesorgt, dass aus dem einstigen Privat- und Familientheater ein Staatstheater wurde, das am Tropf der öffentlichen Zuschüsse hängt. Die Frage, ob ein anderes Familienmitglied nach Katharina Wagner den Thron besteigen würde, gibt auch Buchner verloren: da ist im Moment niemand in Sicht. Allerdings gehört es schon, darf man schließen, zum Mythos Bayreuth, dass die Festspielleiterin „sehr viel weniger zu sagen hat als die Öffentlichkeit glaubt“. Wo Stiftungsräte und Gesellschafter das Sagen haben, bleiben, immerhin, der Klang und der Bau des Festspielhauses, auch die hohe Qualität des Festspielorchesters Konstituenten, die unsterblicher scheinen als das Konstrukt eines von einer Wagnerin oder einem Wagner geführten Wagners-Festspiels.
Bayreuth und die (deutsche) Geschichte: Sie sind für Buchner sehr nah aneinander, oder anders: „Man kann an Bayreuth sehr viel zeigen: z.B. das Beschweigen der Vergangenheit nach 1945, aber auch den Aufbruch in den frühen 70er Jahren.“ Ein bislang nur schwach ausgeleuchtetes Kapitel – die Beziehung Bayreuths zur DDR – bleibt, so Buchner, ein Desiderat der Forschung, aber da nur einige Sänger, unter ihnen Theo Adam, nach dem Mauerbau die Grenze überklettern durften, dürfte sich der wissenschaftliche Erkenntnisgewinn vielleicht in Grenzen halten; über Weiteres berichtete Werner P. Seiferth in seinem Opus magnum Richard Wagner in der DDR. Für die Existenz der Festspiele aber ist nicht allein die Erforschung der Vergangenheit, auch die Gegenwart und die Zukunft wichtig. Die nach wie vor umstrittene Frage, ob und inwiefern man Wagners Person von seinem Werk trennen könne, beantwortet er denn doch eindeutig: „Schwierig zu sagen. Ja, man kann es trennen. Denn solange man in Wagners Werk keinen glasklaren Antisemitismus entdeckt, gibt es keinen Grund, ihn zu verbieten“ – die Betonung liegt auf „glasklar“, der Historiker ist für Beweise, nicht für Verdächtigungen und Verkürzungen. Man solle eben, sagt er, nicht mit einem moralischen Zeigefinger, also als Ankläger gegen Wagner auftreten, auch sei die Bayreuther NS-Zeit auserzählt, wie auch die Nachlässe Wieland und Wolfgang Wagners schon seit Längerem der forschenden Öffentlichkeit jederzeit zugänglich sind. Buchner nutzte die Quellen und schrieb eine Geschichte, die bewusst jenseits irgendwelcher Bauchnäbel sich tummelt.
Letzte Frage: Wie sieht Buchner die künstlerische Gegenwart und Aufgabe der Festspiele? Die Kinderoper, das sei eine gute Idee, aber nicht alles, was machbar ist, sei unproblematisch. Letzten Endes käme es darauf an, die Relevanz moderner Stilmittel immer der Frage auszusetzen: „Dient das Neue dem Werk?“ Das freilich ist immer eine Ansichtssache, die vor AI-Brillen und KI-Ringen nicht Halt machen kann. Witzig aber ist sein Wort über das „Regietheater“: Die Kuhhörner, die früher auf der Bühne zu sehen waren, erblickt man heute im Publikum…
Es ist eben alles eine Ansichtssache, wo jenseits der Geschichtsschreibung auf die Festspiele geblickt wird. Buchner erläutert zuletzt den Blick, den „die Welt“ auf Bayreuth – als gleichsam mythisches Phänomen – warf und wirft. „Bayreuth ist nur Wagner“, das gilt wohl immer noch, trotz Opernhaus, Markgrafenstadt und Wilhelmine von Bayreuth, für viele Kunstfreunde. „Bayreuth als geistige Lebensform“, so hintersinnig paraphrasiert er schließlich ein Wort Thomas Manns, um das Bild zu entwerfen, das aus der historischen Stadt Bayreuth die „Wagner-Stadt“ gemacht hat – in der sich im laufenden „Wagner-Jahr“ und zwei Tage vor Wagners Geburtstag nur eine Handvoll Besucher für ein Gespräch mit Buchner und seine grundlegenden Forschungen interessiert haben.
Bernd Buchner: Wagners Welttheater. Geschichte der Bayreuther Festspiele zwischen Kunst, Politik und Religion. Königshausen & Neumann, 2025. 504 Seiten.
Frank Piontek
