Im Gasthof zur Hoffnung

Karolina Kuszyk stellte ihr Buch In den Häusern der Anderen vor

Gasthof zur Hoffnung – so kann man es immer noch auf der Fassade von einem der verrammelten alten Häuser lesen, die in Westpolen vor sich hin rotten.

Gasthof zur Hoffnung: Wenn man will, kann man das Versöhnungsangebot der polnischen Autorin Karolina Kuszyk genau so und nicht anders interpretieren. „In den Häusern der Anderen – Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen“, so lautet der Titel des Buchs, das sie – kein Ort wäre in Bayreuth geeigneter gewesen – im Lastenausgleichsarchiv vorstellte. Denn die Ereignisse und Traumata, die in den noch existierenden und bewohnten Häusern bei der Vertreibung der deutschen Bevölkerung vor sich gingen (während gleichzeitig Menschen aus der heutigen Ukraine ins westliche Polen „umgesiedelt“ wurden, wie der schönfärberische Ausdruck lautete) – diese Ereignisse fanden zum einen ihren Niederschlag in den Abertausenden von Dokumenten, die im Bayreuther Bundesarchiv aufbewahrt werden. Wenn dann noch eine Deutsch-Polnische Gesellschaft e.V. zusammen mit dem Erinnerungsspeicher die Lesung veranstaltet, wird klar, dass in den letzten Jahrzehnte doch eine ganze Menge Wasser die Neisse heruntergeflossen ist.

Das Archiv dokumentiert mit nicht immer nüchternen Dokumenten und einer unvergleichlichen Spezialbibliothek die Flucht und Vertreibung all jener deutschsprechenden Menschen, die zwischen 1945 und 1950 aus den deutschen Ostgebieten sowie aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa gewaltsam nach Westen gespült wurden. Die Autorin widmet sich, gleichsam mikrologisch und persönlich, also essayistisch, der Geschichte und den Geschichten, die seit 1945 das Leben in und mit den Häusern bestimmten. Es gäbe, sagt der Archivdirektor Karsten Kühnel, für das Archiv eine „Lücke“. Wäre man böse, müsste man mit Alexander Kluge, der sich ja mit dem Krieg und den Kriegsfolgen auskennt, von der Lücke sprechen, „die der Teufel lässt“. Was fehlt, sagt Kühnel, ist im Bayreuther Archiv die Kenntnis über das Gebiet, das zwischen der Vertreibung der Deutschen und der Integration der Neueinwohner in die ehemaligen Ostgebiete, wie der Terminus lautete, entstanden ist. In diese Lücke sprang nun Karolina Kuszyk. Geboren 1977 in Legnica, dem ehemaligen Liegnitz in der ehemaligen preußischen Provinz Niederschlesien, veröffentlichte sie 2019 ihr erstes Buch PoniemieckiEhemals deutsch. „Die Häuser der Anderen: Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen“, so wurde das schlagkräftige polnische Wort ins Deutsche übersetzt. Kuszyk zitiert die Begriffe vom „Wilden Westen“, von den „Wiedergewonnenen Gebieten“, von „Nord- und West-Polen“, ja: von „Deutschland“, sie selbst spricht schlicht und einfach von Niederschlesien, damit schon andeutend, dass sich die Leute aus West- und Nord-Polen, also aus dem einstigen Breslau, Liegnitz, Grünberg und Danzig, in Leipzig und Dresden heimischer fühlen als im erzpolnischen Zentralpolen, weil sie die Architektur dieser Städte wesentlich mehr an ihre Heimat erinnert als die Metropole Warschau. Bedenkt man, dass ein Drittel aller Polen in ehemaligen deutschen Häusern wohnen, begreift man erst den kulturellen Einschnitt, der nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung in der zweiten Phase – dem Vergessen und Verdrängen – auch über die polnische Bevölkerung kam; Kuszyks Erstaunen über die Entdeckung deutscher Inschriften in Gebrauchsgegenständen, mit denen ihre Suche nach Relikten deutscher Ureinwohner begann, muss nicht verwundern.

Was bei ihrer Spurensuche herauskam, war bemerkenswert. Indem sie sich den Zeugnissen der Alltags- wie der Friedhofskultur widmete, entdeckte sie unversehens eine Welt, in die sich die Neuwohner zunächst (scheinbar) reflexionslos eingenistet hatten. Sie repräsentiert also jene Generation, die nach der zweiten Phase, in der das Schweigen mit einer generellen Verachtung alles Deutschen einherging, eine Neugier und Faszination an den einstigen Bewohnern entwickelte, die mit dem deutschseitigen Interesse einherging, das nicht mehr auf der Rückgabe einstiger deutscher Besitztümer, sondern sine ira et studio auf dem gemeinsamen Erinnern beruht. Dass am Bayreuther Bahnhof eine Tafel an die fast 40000 Sudetendeutschen erinnert, die hier nach dem Krieg ankamen, ist somit eine historische Tatsache, aber kein Grund zur ewigen Rache. Im Gegenteil: Karolina Kuszyk plädiert für eine Aufhebung des Opfer-Täter-Denkens: nicht, um die historischen Ereignisse vergessen zu machen, sondern um sie mit dem erweiterten und psychologisch geschärften Blick auf die Bewohner der „Häuser der anderen“ menschlich einzuordnen. Denn „was den einen der Verlust der Heimat war, war den anderen Neubeginn in der Fremde“ – und die Dinge, die Porzellanschüsseln und Hausinschriften, die Schränke und die Treppen, verbinden die Einen mit den Anderen, ob sie wollen oder nicht.

Inzwischen werden die alten deutschen Friedhöfe, auf denen auch jüdische Inschriften zu finden sind, von den Polen „revitalisiert“. Kuszyk lächelt über den paradoxen Begriff, aber er hat schon etwas Richtiges – so wie der Gasthof zur Hoffnung.

Frank Piontek

Foto (c) Barbara Sabarth / DPG Bayreuth e.V.