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Freitag, 9. Dezember 22

Ab auf die Piste! Eine kurze Geschichtedes Wintersports im Fichtelgebirge

Gemächlich kämpft sich das schwarze Ungetüm durch...

War hier: Ingeborg Bachmann

Sie war eines der wenigen Genies der...

Hurra, wir leben noch!

Alles wird gut. So lautete die Überschrift...

Hans Christian Andersen: „Das Märchen meines Lebens“

Hinter den KulissenHans Christian Andersen: „Das Märchen meines Lebens“

Auszug aus „Das Märchen meines Lebens“, 1847. 

Mein Leben ist ein schönes Märchen, so reich, so überaus glücklich! Wäre mir, als ich, ein Knabe noch, arm und allein in die Welt hinausging, eine mächtige Fee begegnet und hätte sie mir gesagt: »Wähle Deine Bahn und Dein Ziel, und je nach Deiner geistigen Entwickelung und wie es vernünftigerweise in dieser Welt zugehen muß, will ich Dich schützen und führen!« – mein Geschick hätte nicht glücklicher, klüger und besser geleitet werden können, als dies geschehen ist. (…)

Während der letzten Jahre hatte ich alle die Schillinge, die ich bei verschiedenen Gelegenheiten erhielt, zu einer Summe zusammengespart, und als ich sie nachzählte, hatte ich dreizehn Reichstaler, ich fühlte mich überwältigt durch den Besitz eines so großen Reichtums, und da meine Mutter nun auf Bestimmteste daran festhielt, daß ich in die Schneiderlehre gegeben werden sollte, so bat und quälte ich sie, mich doch lieber mein Glück versuchen und nach Kopenhagen reisen zu lassen, welches mir damals die größte Stadt der Welt schien.

»Was soll dort aus Dir werden?« fragte meine Mutter. »Ich will berühmt werden!« antwortete ich, und erzählte ihr, was ich von großen Männern gelesen hatte, die in Armut geboren waren. Es war ein ganz unerklärlicher Trieb, der sich meiner bemächtigt hatte. Ich weinte, ich bat, und endlich gab meine Mutter nach, ließ aber doch erst eine alte, sogenannte »Kluge Frau« herbeiholen und diese das Schicksal meiner Zukunft aus Karten und Kaffee wahrsagen. »Euer Sohn wird ein großer Mann!« sagte die Alt ihm zu Ehren wird einst die Stadt Odense illuminiert werden!« Meine Mutter weinte, als sie das hörte, und hatte nun nichts dagegen, dass ich nach Kopenhagen reiste.

Am Montag morgen, dem sechsten September 1819, erblickte ich von dem Friedrichsberger Schloßhügel aus zum ersten Male Kopenhagen; da draußen stieg ich mit meinem kleinen Bündel vom Wagen herab und schritt durch den Garten, die lange Allee und die Vorstadt in die Stadt hinein. Meine erste Wanderung in die Stadt war nach dem Theater, ich umschritt es zu wiederholten Malen, schaute die Mauern hinan und betrachtete das ganze Gebäude als eine Heimat, die mir noch nicht erschlossen war. Nun begab ich mich zum Theaterchef, Kammerherr von Holstein, um Anstellung zu suchen; er sah mich an und sagte, ich sei zu mager fürs Theater. »O«, antwortete ich, »wenn ich nur mit hundert Reichstaler Gage angestellt werden könnte, würde ich schon fett werden!« Der Kammerherr wies mich ernstlich ab und fügte hinzu, daß man nur Menschen engagiere, die Bildung hätten.

Innig betrübt, stand ich nun da; ich hatte keinen Menschen, der mir Trost und Rat spendete; da dachte ich daran, sterben zu wollen als das Beste für mich, und meine Gedanken flogen zu Gott mit der ganzen Zuversicht eines Kindes zu seinem Vater; ich weinte mich recht aus und sagte dann zu mir selbst: „Wenn erst Alles recht unglücklich geht, dann sendet er Hülfe, das habe ich gelesen; man muß viel leiden, und dann kommt man zu Etwas!« – Ich ging nun hin und kaufte mir ein Galleriebillet zu dem Singspiel »Paul und Virginie.« Die Trennung der Liebenden ergriff mich in dem Grade, daß ich in heftiges Weinen ausbrach; ein paar Frauen, die neben mir saßen, trösteten mich aufs beste und sagten, es sei nur Komödie und habe gar nichts zu bedeuten, die eine gab mir sogar ein großes Stück Butterbrot, das mit Wurst belegt war. Wir saßen da so recht gemütlich beisammen; ich hegte das größte Zutrauen zu allen Menschen und daher erzählte ich ihnen ganz offenherzig nun in der Gallerie-Loge, in der wir waren, daß es eigentlich nicht um Paul und Virginie sei, weshalb ich weine, sondern weil ich das Theater als meine Virginie betrachtete, und daß ich, müßte ich mich von demselben trennen, ebenso unglücklich werden würde wie Paul. Sie sahen mich an, es schien , als verständen sie mich nicht, und ich erzählte ihnen nun, weshalb ich nach Kopenhagen gekommen und wie einsam ich war – und die Frau gab mir noch mehr Butterbrot, Obst und Kuchen.

Auszug aus „Das Märchen meines Lebens“, 1847. 

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