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Bayreuth
Mittwoch, 25. Mai 22

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Glückliche Tage sind gar nicht so absurd

TheaterGlückliche Tage sind gar nicht so absurd

Samuel Beckett ist ein seltener Gast in Bayreuth. Vor über 30 Jahren trat Eberhard Wagner mal mit dem Letzten Band auf, das Theater Hof gastierte mit demselben Monolog irgendwann in der Stadthalle, und als im Jahre 1999 das aus Nürnberg angereiste Theater Pygmalion von Neuem Becketts Stück über den alten Mann, der sich seine uralten Tonbänder anhört, in die Stadt, ins Podium bringen wollte, betrat ein (1) zahlender Zuschauer den Raum. Den Klassiker des sog. absurden Theaters in Bayreuth zu spielen, bedeutet also, sich auf ein Wagnis einzulassen, obwohl es sich inzwischen auch hier herumgesprochen haben sollte, dass man seinen Stücken näher zu kommen vermag, wenn man von vornherein darauf verzichtet, irgend etwas besonders Tiefsinniges aus ihnen herauszulesen. Die Wahrheit aber ist: Die Stücke sind tiefsinnig. Deshalb werden sie auch heute ja noch gespielt: selbst in Bayreuth. Ihr Sinn aber liegt dort begraben, wo er weniger vom Autor als von den Zuschauern erinnert werden kann.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Studiobühne nahm es, über drei Jahrzehnte nach dem Letzten Band, auf sich, die seit ihrer Uraufführung im Jahre 1961 vielgespielten Glücklichen Tage ins Programm zu nehmen, und dies sicherlich nicht allein deshalb, weil es mit seinen zwei Protagonisten ein besonders coronataugliches Stück ist. Stichwort „Alter“, Stichwort „begraben“: die Konstellation ist bekannt. Winnie, eine Frau, wohl um die 50, aber das spielt keine Rolle, ist im ersten Akt bis zur Hüfte in einem Erdhügel begraben, wo sie sich ihrem „Sack“ mit allem möglichen Krimskrams, einem Sonnenschirm und anderen Utensilien (ein Spiegel spielt eine nicht unwichtige Rolle) widmet, im zweiten Akt sehen wir nur noch ihren Kopf. Was gleich bleibt, ist ihr ewiges Gerede und Geschwätz; kein Wunder, dass ihr Ehemann Winnie, der hinter dem Hügel in einem Loch lebt, sich vornehmlich in Schweigen hüllt. In Jürgen Skambraks’ Inszenierung sehen wir auf einen von Michel Bövers entworfenen Balkon in einer halbsurrealen, mit Hussen überdeckten Wohnzimmerlandschaft, also auf einen Ausguck, der einmal ein Fenster zur Welt gewesen sein mag, aber auch etwas Schrankähnliches besitzt. Begreift man Becketts Riesenmonolog als Parabel auf eine absurde Wirklichkeit, enthüllt sich die Bedeutung des Bildes von selbst: Hier wird nichts Anderes geschildert als die Entfremdung eines Ehepaares, das umso tiefer im Dreck und im Loch der (scheinbaren!) Kontaktlosigkeit und Kommunikationunfähigkeit (denn Winnie spricht eher zu sich als zu Willie, möchte im Grunde auch nur von ihm bestätigt werden) verschwindet, je länger sich die Frau ein Leben suggeriert, das aus einer Reihe von „glücklichen Tagen“ besteht. Was Winnie, bisweilen energisch und immer sprachlich lupenklar gespielt von Heike Hartmann, auszeichnet, ist eine Mischung aus Hoffnung und Zorn, Nachdenklichkeit und gelegentlicher Zartheit. Ihr Ehemann ist ein dumpfes Wrack, dem manchmal noch ein Lächeln übers Gesicht rinnt; Hans Striedl mimt diesen stummen Gatten (der nicht blöd, nur in sich gekehrt zu sein scheint), oft mit dem Rücken zum Publikum, manchmal mehr oder weniger böse vor sich hin stierend, bis zum letzten Stöhnen so, dass man ihm manchmal lieber zuschaut als dem unaufhörlichen Plappern zu lauschen.

„Wenn wir von Beckett sprechen“, sagte einmal der Regisseur Giorgio Strehler, „so müssen wir aber hinzufügen, dass er – und das ist nur scheinbar ein Paradoxon – ein unverbesserlicher Optimist ist, wie vielleicht jeder Künstler.“ Auf die „Glücklichen Tage“ schauend befallen einen Zweifel, aber mit der Spieluhrmelodie des schwer nostalgischen Léharschen „Lippen schweigen“ und dem schließlich wieder einsetzenden Herzschlag im Ohr, könnten wir Beckett zustimmen – denn ist nicht der bloße und vergebliche Versuch, den Hügel zu erklimmen, in dem die Partnerin begraben wurde, schon ein Zeichen? Was man so absurd heißt – es ist, alles in allem, nichts Anderes als das sog. Leben, wie es manchmal eben so ist, einschliesslich des freundlichen und psychhiegienischen Versuchs, sich das öde Leben schönzureden – die Kraft der Gedanken macht es schliesslich schön; urteilen wir nicht.

Im Übrigen war die Vorstellung gut besucht: auch von jüngeren Zuschauern, die schon einmal, dank Heike Hartmann und Hans Striedl, einen Blick in die eigene Zukunft wagten. Ich hoffe, sie bleiben optimistisch; Beckett zeigte ja, wie das absurderweise gehen könnte – und die Studiobühne zeigt es, indem sie den Beckett von 1960 ins Heute brachte.

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