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Giacomo Casanova: „Geschichte meines Lebens“ 2. Teil 

Hinter den KulissenGiacomo Casanova: „Geschichte meines Lebens“ 2. Teil 

Auszüge aus dessen Vorrede –  2. Teil

Ich habe nach und nach alle Temperamente gehabt: in meiner Kindheit war ich phlegmatisch, in meiner Jugend sanguinisch; später wurde ich cholerisch und endlich melancholisch, und das werde ich wahrscheinlich bleiben. Indem ich meine Nahrung meiner Leibesbeschaffenheit anpaßte, habe ich mich stets einer guten Gesundheit erfreut. Schon frühzeitig lernte ich, daß jede Schädigung der Gesundheit stets von einem Übermaß in der Ernährung oder in der Enthaltsamkeit herrührt. Darum habe ich niemals einen aStephan Jörisnderen Arzt gehabt als mich selber. 

Mein sanguinisches Temperament machte mich sehr empfänglich für die Lockungen der Sinnlichkeit; ich war stets fröhlich und immer geneigt, von einem Genusse zu einem neuen überzugehen; dabei war ich zugleich sehr erfinderisch im Ersinnen neuer Genüsse. Daher stammt ohne Zweifel meine Neigung, neue Bekanntschaften anzuknüpfen, und meine große Geschicklichkeit, solche wieder abzubrechen; doch geschah dieses stets mit voller Überlegung und niemals aus bloßer Leichtfertigkeit. Temperamentsfehler sind unverbesserlich, weil das Temperament nicht von unseren Kräften abhängt. Etwas anderes ist es mit dem Charakter. Diesen bilden Geist und Herz; das Temperament hat fast gar nichts damit zu tun. Darum hängt der Charakter von der Erziehung ab und läßt sich folglich bessern und gestalten.

Ich habe eingesehen, daß ich mein Leben lang mehr nach der Eingebung meines Gefühls als aus Überlegung gehandelt habe; ich glaube daraus folgern zu dürfen, daß mein Verhalten mehr von meinem Charakter als von meinem Verstande abhängig gewesen ist. Mein Verstand und mein Charakter liegen beständig im Kriege miteinander, und bei ihren fortwährenden Zusammenstößen habe ich stets gefunden, daß ich nicht Verstand genug für meinen Charakter und nicht Charakter genug für meinen Verstand besaß.

Der Kultus der Sinneslust war mir immer die Hauptsache: niemals hat es für mich etwas Wichtigeres gegeben. Ich fühlte mich immer für das andere Geschlecht geboren; daher habe ich es immer geliebt und mich von ihm lieben lassen, soviel ich nur konnte. Auch die Freuden der Tafel habe ich leidenschaftlich geliebt, und ich habe mich für alles begeistert, was meine Neugier erregte. 

Wenn man mich sinnlich nennt, so tut man mir unrecht; denn meiner Sinne wegen habe ich niemals Pflichten vernachlässigt, so oft ich deren hatte. Aus demselben Grunde hätte man niemals Homer einen Trinker nennen dürfen: – Laudibus arguitur vini vinosus Homerus.- * Ich liebte alle scharfgewürzten Speisen: Makkaronipastete von einem guten neapolitanischen Koch, die Ollapotrida der Spanier, recht klebrigen Neufundländer Stockfisch, Wildpret im höchsten Stadium des Duftes und von Käse gerade diejenigen Sorten, deren Vollendung sich dadurch zeigt, daß die Tierchen, die sich in ihnen bilden, sichtbar werden. Stets fand ich süß den Geruch der Frauen, die ich geliebt habe.

Was für ein verderbter Geschmack! wird man sagen; welche Schamlosigkeit, ihn ohne Erröten einzugestehen! Diese Kritik macht mich lachen; denn ich glaube, dank meinem derben Geschmack glücklicher zu sein als andere Menschen; ich bin überzeugt, daß er mich genußfähiger macht. Glücklich, wer sich Genüsse zu verschaffen weiß, ohne anderen zu schaden!

Ich aber erkenne gerne stets in mir selber die Hauptursache des Guten oder Bösen, das mir zustößt. Daher sah ich mich stets mit Behagen imstande, mein eigener Schüler zu sein, und machte es mir zur Pflicht, meinen Lehrer zu lieben.

Giacomo Casanova wurde 1725 in Venedig geboren. Er nannte sich Chevalier de Seingalt und studierte Theologie und Jura. 1755 wurde er in Venedig wegen Gottlosigkeit eingekerkert. 1756 gelang ihm die Flucht aus den Bleikammern des Dogenpalastes. 1757 Lotteriedirektor in Paris. Hielt sich an den Höfen Friedrichs des Großen, Josephs II. und Katharinas der Großen auf. Ab 1785 Bibliothekar des Grafen Waldstein in Dux (Böhmen). Dort starb Casanova. Seine umfangreichen Memoiren sind von hohem kulturhistorischem Wert. Berühmt wurde er durch die Beschreibung seiner Flucht aus den Bleikammern. Aufsehen erregten jedoch in erster Linie seine beschriebenen erotischen Abenteuer.  * Weil er den Wein gelobt, gilt Homer als weinselig (Horaz).

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