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Fanny Lewald

Meine Lebensgeschichte - Befreiung und Wanderleben - 1. Kapitel

Es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen, und es giebt kaum irgend einen feierlichen Akt, der nicht sein komisches Zwischenspiel in sich erzeugte.

Mein Vater schickte mir, wahrscheinlich um mir ein Vergnügen zu machen, durch seinen Lehrling den Betrag meines ersten Honorars in harten Thalerstücken herauf, aber statt mich daran zu erfreuen, war es mir äußerst widerwärtig, das Geld zu nehmen. Auferzogen in einer Umgebung, in der alle Frauen es gewohnt waren, von ihren Männern oder Vätern versorgt und unterhalten zu werden, und sich vornehmer zu dünken, je reichlicher dieses geschah, kam ich, die doch seit Jahren gar kein höheres Verlangen als das nach Selbstständigkeit gehabt hatte, mir plötzlich wie herabgesetzt, wie aus meiner angestammten Kaste ausgestoßen vor, als ich mit diesen acht Thalern die Gewißheit vor mir hatte, daß ich von diesem Tage an beginnen werde, für Geld zu arbeiten, um mir mein Brod einmal selber zu erwerben. 

Daß es nicht für mich zu verwenden sei, stand fest. Meinem Vater Etwas zu kaufen, war beinahe unmöglich, denn er hatte außer den Kleidern, die er trug, und außer einfacher Kost, durchaus keine persönliche Bedürfnisse. Er rauchte nicht, ein Schlafrock und ähnliche Bequemlichkeiten waren ihm damals, in seinem dreiundfünfzigsten Jahre, noch völlig fremd, daß auch uns Allen jene üble Gewohnheit der Mittelstände, »sich in Negligé zu werfen«, ebenfalls fremd geblieben ist. Schmuck zu tragen, wäre ihm lächerlich erschienen, bis wir sämmtlichen Kinder ihm einige Jahre vor seinem Tode einmal eine goldene Uhr und Kette zum Geburtstage schenkten.Ich hatte also nur die Möglichkeit, wie der Bruder es gethan, ein Stück in die Wirthschaft anzuschaffen; und da unserer hübschen und reichlichen Silbereinrichtung zufällig ein Paar Messer zu Butter und Käse fehlten, von deren Kauf die Mutter oft als von einer gewissen Nothwendigkeit gesprochen hatte, so beschloß ich, ihr diese zum Geschenk zu machen.

Als ich nun eben auf den Wolm hinaustrat, um von Hause fortzugehen, kam eine Wursthändlerin, welche uns allwöchentlich mit den für den Thee nöthigen Würste versah. Es befand sich unter diesen eine Art frischer Leberwürste, welche meine Mutter besonders gern aß, und die im Sommer immer nur an dem Tage genießbar waren, an welchem man sie fabrizirte. Ich kaufte also von meinem Gelde, um mir nebenher noch einen Spaß zu machen, die größte dieser noch ganz warmen Würste, wickelte sie gut ein, und ging nun meines Weges. Kaum aber war ich eine Strecke von Hause entfernt, kam ein kleiner Hund an mich heran, und es dauerte nicht lange, so folgte ihm ein großer. Weil ich als kleines Kind einmal von einem Hunde gebissen worden war, befiel mich auch jetzt ein wahrer Schreck bei der Bemerkung, daß es die warme, stark nach Majoran duftende Wurst sei, welche mir die Hunde an die Seite lockte. Ich versuchte die Thiere mit den Falten meines Kleides, mit meinem Sonnenschirm, mit ergrimmten Blicken und mit dem barschen Zuruf: fort! von mir zu verscheuchen, es blieb Alles vergebens. Der Wurstgeruch wirkte mächtiger auf sie, als die so oft gepriesene Gewalt des menschlichen Blickes, und schon stand ich – da die erworbenen acht Thaler siebzehn Groschen mich sehr leicht in Bezug auf Geldausgaben denken ließen – auf dem Punkte, die Wurst, welche zehn Groschen gekostet hatte, dem ersten besten Armen zu geben, der mir in den Weg kommen würde, als ich mir einen Akt der Selbstüberwindung aufzuerlegen beschloß, um meiner Mutter den kleinen Leckerbissen nicht zu entziehen; und so die Seite vermeidend, an welcher ein Schlächter wohnte, und von woher mir also wahrscheinlich ein Hund entgegenkommen konnte. Aber das half mir gar Nichts. Es schien mir in meiner Seelenangst, als ob an dem Tage alle Hunde der Stadt sich ein Rendezvous auf meinem Wege gegeben hätten. Hier wedelte ein Wachtelhündchen um mich herum, da stieg ein dicker Mops, denn es gab damals noch Möpse, wirkliche dicke Möpse mit schwarzen Nasen und glotzenden Augen, neben mir einher, dort sprang ein Köter über den Weg und folgte mir schnuppernd, daß ich, immer mehr in Furcht gejagt, immer schneller zuging, meine Wurst festhaltend, wie ein Fähnrich seine Fahne im ersten Kugelregen, bis ich denn, auf‘s Aeußerste erhitzt, mit dem Bewußtsein, aus Liebe etwas mir sehr Schweres gethan zu haben, und mit der Hoffnung, große Freude zu erregen und herzlich empfangen und bedankt zu werden, in der Sommerwohnung meiner Mutter landete.

Die Mutter und die Schwestern saßen unter den Pappeln vor dem Hause und vesperten. Meine Mutter hatte während ihrer Mittagsruhe nicht gut geschlafen, sie war ermattet aufgewacht und dadurch mißgestimmt. Ich packte, als ich das gewahrte, zuerst die Wurst aus, um die Ueberraschungen zu steigern, erzählte lachend, wie es mir damit gegangen.

Fanny Lewald, 1811 in Königsberg in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren, wird die höhere Bildung, nach der sie verlangt, verweigert. 1830 tritt sie zum Protestantismus über und nimmt in den 1840er Jahren ihre schriftstellerische Tätigkeit auf, veröffentlicht jedoch auf Wunsch ihrer Familie ihr Werk anonym. Mit ihrem zweiten Roman »Jenny« gelingt ihr 1843 der Durchbruch und sie kann von den Honoraren selbstständig leben. Sie setzt sich energisch für die Rechte der Frau ein und wird nach ihrer Übersiedelung nach Berlin 1845 mit ihrem Salon zu einem geistigen Mittelpunkt der Hauptstadt. 1889 stirbt Fanny Lewald in Dresden.

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