Chorkonzert des Festivals junger Künstler in der Bayreuther Stadtkirche
Wieso kriegt man plötzlich sogenannte tiefe Gefühle? Liegt’s am gewaltigen Orgel-Einsatz, mit dem das erste Stück beginnt? Oder am seraphischen Gesang?
Wohl an Beidem – am meisten aber liegt’s wohl am Gesang. Denn die vereinigten Chöre der Makedonier und der Rumänen schollert nicht allein gewaltig, auch sonderbar klangschön in die Halle der spätgotischen Bayreuther Stadtpfarrkirche, dass der Gedanke an Engelsgesänge nicht von ungefähr kommt. Dazu bedarf es nicht einmal eines gläubigen Gemüts, oder anders: Konzerte wie das, das am Abend des 10. August 2025 in der Bayreuther Hauptkirche veranstaltet wurde, vermögen selbst dem blutigsten Atheisten zu lehren, dass man sozusagen glaubenslos glauben kann.
So gedacht und gefühlt in einem Programm, das den stolzen Titel Epochal trägt. Untertitel: Festliches Jubiläumskonzert mit Musik aus drei Jahrhunderten. Epochal – das bezieht sich auf die Tatsache, dass das Festival heuer 75 Jahre feiert. Epochal – das ist die Musik, die am Abend ertönt. Epochal – das ist, ohne Übertreibung, die Art und Weise, wie die gut 60 jungen Leute die Stücke von Gestern (wie das einleitende Cantate Domino des 1925 verstorbenen Marco Enrico Bossi) und Heute (wie Chrysostomos Voutsas Kyrie eleison) in die Gegenwart bringen. Allein „Gestern“ und „Heute“ sind keine tauglichen Kategorien, wenn es gilt, die Präsenz der Musik zu beweisen: weder in zeitgeschichtlichem noch in ästhetischem Sinn. Wenn der Chor Bossis Stück singt, singt er eine hymnische, sechsstimmige Motette, die 1913 entstand – was im folgenden Jahr passierte, ist Weltgeschichte; da half alles Singen nichts mehr. Und wie ist die Stimmung heute? Ähnlich epochal? Man wünscht es sich nicht…
Ansonsten ist alles gut – sehr gut: vor Allem im Klang. Unmöglich, jedes einzelne der 16, im Tutti und in den Einzelformationen gebrachten Werke unter Fred Sjöberg und den gleichfalls gefeierten Einzelchorleitern Maria Meligopoulo und Cornel Groza zu charakterisieren. Bei der No. 3 – Stars von Daniel Berg, Jahrgang 1975 – komme ich auf die abstruse Idee, dass alle Musik, die jemals erklang, im Universum weiter klingt. Das macht: der besondere, weithallige Ton des wunderbaren Chors. Wenn die Musik ein Bogen wäre, würde er am Abend in jedem Stück neu erstehen. Rumänische Tanzlieder stehen neben englischen Meisterwerken, Eric Whitacres Leonardos Dream of his Flying Machine – wirklich ein meisterhaft gebrachtes, klanggeballtes und -wogendes „Chor-Meisterwerk“, wie Fred Sjöberg sagt – neben Thodorakis’ Arnisi, einer Hymne des Widerstands gegen die griechischen Obristen, ein Chor-Tango neben John Williams’ Hymn to the Fallen aus dem Film Saving Private Ryan. So treffen sich Sprachen und Kulturen – und der Durchzug der Sängerinnen und Sänger durch die Mitte des Kirchenschiffs gleicht schließlich einem Triumphzug.
Hat man was verpasst, wenn man nicht dabei war? Definitiv: Ja. Denn Epochales ist nun einmal einzigartig – aber nur dann, wenn man es begreift und tiefe Gefühle bekommt.
Wie lautet nochmal das Motto des Festivals? Emotion. Genauso ist es.
Frank Piontek
Foto (c) Olga Gassan / Festival junger Künstler
