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Einzigartig: Ein schönes und wertvolles Erbe

Das neue BuchEinzigartig: Ein schönes und wertvolles Erbe

Herbert Popps Die Sandsteinhäuser und Sandsteinbrüche im Bayreuther Land

„Kein anderes Gestein hat die architektonische Gestaltung des Städtebildes mächtiger beeinflusst als der Rätsandstein.“ Wir lesen das Zitat in einem neuen Buch, das mit einem, dem Thema wie dem Werkstoff sozusagen angemessenen Titel daherkommt: Die Sandsteinhäuser und Sandsteinbrüche im Bayreuther Land.

In der Tat: das Bayreuther Land weist in einer unerhörten Dichte Sandsteinbauten auf, die das kulturelle wie architektonische, das landschaftliche, aber auch das baukünstlerische Gesicht der Region bis heute tief prägen. Und da das neue Werk von Herbert Popp, seines Zeichens bis 2012 Bayreuther Universitätsprofessor für Stadtgeographie und Geographie des ländlichen Raums, geschrieben und gestaltet wurde, handelt es sich nicht allein um ein wissenschaftlich wertvolles, auch ein lesbares und schönes Buch. Das Thema steht ja dafür.

Es stimmt schon: „Die Sandsteinhäuser in den Dörfern und Weilern sind eine kultur- und baugeschichtliche Besonderheit, die in ihrer Besonderheit, in ihrer Einzigartigkeit und in ihrem Wert bisher nur eher randlich wahrgenommen wird – wenn überhaupt.“ Dabei war die Ausbeutung der vielen Sandsteinbrüche im (eigens definierten, Kulmbach und Bayreuth umfassenden) „Bayreuther Land“ der entscheidende Sprung, der die Eigenheiten des Landes derart veränderte, dass von einer Zeit vor und einer Zeit nach 1800 gesprochen werden kann. Zwar gab es schon seit dem späten Mittelalter, dann in der barocken und spätbarocken Markgrafenzeit repräsentative kirchliche und fürstliche Prunk- und Nutzbauten aus dem typischen Stein, die beispielsweise aus Bayreuth das machten, was es heute ist: eine Sandsteinmetropole. Doch wurde erst im Lauf des 19. Jahrhunderts die Region zu einer eindrucksvollen Sandsteinbautenlandschaft, die bis heute das Auge, die Bewohner und die Denkmalpfleger erfreut. Als „materielles Kulturerbe“ repräsentieren all diese bauten die enge Verbindung zwischen Natur und Kultur, Geologie und Geographie. Popp gliedert nun, das war schon 2007 in seinem bedeutenden Buch über die Bayreuther Stadtentwicklung der Fall, sein Material schlicht vorbildlich. Den Erläuterungen zu den bemerkenswerten geologischen Bedingungen der Gegend zwischen dem Fichtelgebirge und der Fränkischen Schweiz folgt ein Kapitel über die Geschichte des lokalen Sandsteinbruchs, dann eine historische Übersicht über die vielen einstigen Sandsteinbrüche, von denen noch einer gelegentlich in Betrieb genommen wird. Schließlich porträtiert er in 64 Kapiteln, die ebenso (sinn)reich bebildert sind wie das gesamte Buch, die wichtigsten Städte, Märkte und Dörfer des Bayreuther Landes mit ihren herausragenden Sandsteinbauten: von Kulmbach, Goldkronach, Bayreuth. St. George am See und Creußen über Kasendorf, Thurnau (der Autor nennt’s ein „Mekka“ für alle Sandsteinliebhaber) und Weidenberg (wo seit 1771 erstmals systematisch in Sandstein gebaut wurde) zu all den Flecken zwischen Fölschnitz, Bindlach und Seidwitz. Kulturgeschichte verbindet sich zwanglos, aber konsequent mit Wirtschaftsgeschichte, Ästhetik (der Fensterschürzen, Dachformen, Schlusssteine) mit Nutzaspekten, Schönheit mit Pragmatismus. Wir lernen die fünf wichtigsten Sandsteinarten kennen, von denen, siehe oben, der Rhätolias der für die Bauten und Bauherren wichtigste war – und wir werden sensibilisiert für die Verluste, die den Bauten im Zuge der Nachkriegsmoderne drohten und leider immer noch drohen. Gleichwohl werden immer noch hiesige Bauten (wie das Erweiterungsgebäude der Deutschen Rentenversicherung am Bayreuther Wittelsbacherring) mit Sandsteinfassaden verkleidet – allerdings nicht mehr mit Bayreuther Sandstein.

Das letzte Kapitel hat Popp trotzdem, und leider, einem Plädoyer für einen systematischen Schutz der ererbten Sandstein-Siedlungslandschaft widmen müssen. „Immer noch“, schreibt er, „erkennt die Bevölkerung in der Region viel zu wenig, dass die überkommenen Sandsteingebäude etwas ganz Besonderes und Erhaltenswertes darstellen.“ Das wichtige wie schöne Buch trägt hoffentlich zur Erkenntnis bei. Intuitiv weiß ja so gut wie jeder Einwohner, dass es zu den schönen Annehmlichkeiten des Lebens im Bayreuther Land gehört, an einem Sommerabend sein Bier zu trinken: nicht vor einer Etanitfassade oder einem Betonbau, sondern an einem mild beleuchteten Sandsteinhaus.

Herbert Popp: Die Sandsteinhäuser und Sandsteinbrüche im Bayreuther Land. Selbstverlag der NWG Bayreuth, 2023 (Festgabe zum 40jährigen Bestehen der Gruppe Bayreuth im Frankenbund). ISBN 978-3-939146-28-5. 240 Seiten, gebunden. Mit mehreren hundert Farbabbildungen.

Frank Piontek

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