Eine zweite Eröffnung

Wagner und Mahler im Balkonsaal

Seine Feuertaufe hat das Friedrichsforum, also die erneuerte und ertüchtigte, erweiterte und verschönerte ehemalige Bayreuther Stadthalle, das vormalige Markgräfliche Reithaus, zwar nicht im Tempo des Pferdegalopp, doch mit einem für Bayreuther Verhältnisse monströsen Konzert. 135 junge Musikerinnen und Musiker saßen da am 17. April 2026 auf der Bühne des Großen Hauses. Nun erlebte die Balkonhalle ihre gleichsam offizielle inoffizielle Einweihung im „Probebetrieb“ genannten Konzertprogramm, das 2026 dem Genius loci, genauer: der Erinnerung an die ersten Bayreuther Festspiele vor 150 Jahren gewidmet ist. Schon das Programm des Bundesjazzorchesters / Bundesjugendorchesters hatte es wenigstens am Rand mit Wagner zu tun, als man Leonard Bernsteins bekanntes Bonmot – „Ich hasse Wagner, aber auf Knien“ – auf die Rückseite des Programmhefts brachte. Das Publikum hat im ausverkauften Großen Haus die Musiker einhellig bejubelt, nun also kam der zweite Saal in Funktion: im Programm Wagner & Mahler im Kammerklang mit Wagner und einem seiner „Nachfolger“, den man nicht als Nachfolger bezeichnen sollte, weil er 1. keine Opern (wenn auch hochdramatische Symphonien) schrieb und 2. einen völlig eigenständigen Stil entwickelte. Dass den zwei Wagner-Werken eine Symphonie Gustav Mahlers folgte, hatte trotzdem seinen dramaturgischen Sinn.

Wagner in einer Kammerbesetzung, kann das gut gehen? Es kann. Die deutsch-französisch-ungarische Kammerphilharmonie – wieder eine Formation mit ausschließlich jungen Leuten – nahm sich das Meistersinger-Vorspiel und die Wesendonck-Lieder vor. Von der vierten mittigen Parkettreihe aus klingt das Vorspiel mit kaum 20 Musikern rund und kraftvoll, auch wenn in der Pause, sowohl vorn als auch hinten, die trockene Akustik des modernisierten Saals beklagt wird, dessen Vorhänge teilweise geschlossen sind. Eine derart trockene Akustik fördert das, was man im Kritikerdeutsch als „strukturelle Interpretation“ bezeichnen könnte; unterm Strich hört der Rezensent eine klanglich fast vollgültige Interpretation (fast, weil man den Originalklang immer erinnernd mithört), die wenig an „Saft“ vermissen lässt und die scheinkontrapunktischen und polyphonen Linien der Partitur ideal realisiert, auch, unter der Leitung von Ina Stoertzenbach, das Tempo des Vorspiels so wählt, dass Wagner, dem schleppende Tempi ein Graus waren, zufrieden gewesen wäre: schnell, doch nicht zu schnell. Nur der perkussive Klaviersound, der dem Ganzen ein pianistisches Bassfundament zugibt, irritiert ein wenig – so, wie die (angeblich) historisch informierten Spiel-Arten bei einer Mozart-Symphonie, in die beständig das Hammerklavier oder gar das Cembalo hineinzirpt. Trotzdem: Mit dem Vorspiel hat man schon den richtigen, das Festlich-Heitere akzentuierenden Ton getroffen.

Die Wesendonck-Lieder in einer Kammerfassung zu bringen unterliegt vermutlich weniger Zweifeln, da die Aufführungsgeschichte des Zyklus schon seit Wagners Zeit mit Bearbeitungen verbunden ist. Wagner selbst hat die Träume für Kammerorchester und Violine eingerichtet, Felix Mottls und, im 20. Jahrhundert, Hans Werner Henzes Orchestrierungen sind, so sehr sie sich auch von Wagners Intentionen entfernen, zurecht bekannt geblieben. Die Kammerphilharmonie spielt die Fassung Andreas Tarkmanns, der auch sonst für seine Wagner-Instrumentierungen bekannt ist. Sie betont die Linien und bedeutende Akkorde und öffnet atmosphärische Räume und Stimmungen: zum Vergnügen der Hörer, die dank des farblichen Widerscheins schon im Engel jene Tristan-Spuren entdecken, die man ansonsten vor Allen aus den „Tristan-Studien“ des Treibhauses und der Träume kennt. Die Sopranistin Virginia Ferentschik verfügt zudem über eine derart klare Artikulation, dass selbst dann jedes Wort verstanden wird, wenn man den Text nicht auswendig zu rezitieren vermag.

Danach also Gustav Mahler: die Vierte. Mahlers Beziehungen zu Wagner und Bayreuth waren intimer, wenn nicht intrikater Natur. Mehrmals bei den Festspielen zu Gast, gelang es einem der größten Wagner-Dirigenten seiner Zeit, dank des Einspruchs Cosima Wagners und der Untätigkeit Siegfried Wagners, niemals, am Pult des Bayreuther Festspielorchesters zu stehen. Auch er wuchs im Schatten Wagners auf, doch schon der junge Student verfügte über so viel Eigensinn, dass er sich dem Einfluss des Übervaters entziehen konnte; die Wagner-Zitate in seinen Werken sind eher als Hommage denn als Züge eines schwachen Epigonalismus zu deuten: so wie in der 4. Symphonie, in der der Gralsmarsch im langsamen Satz zu einer wundersamen Elegie verwandelt wurde. Das vergrößerte Orchester, an deren Spitze Shirley Jianghui Ma als solistische Konzertmeisterin agiert, ist für den Mahler fast optimal geeignet, da die „Vorlage“ über weite Strecken kammermusikalisch angelegt ist, klangliche Differenzen also weniger ins Ohr fallen als es theoretisch bei einem Meistersinger-Vorspiel der Fall sein könnte. Man spielt Iain Farringtons Fassung – und man spielt sie bezwingend. Von der vierten Reihe aus gehört, besitzt auch die 4. Symphonie, gebracht von einem Kammerorchester, selbst und vielleicht gerade dort, wo der symphonische Klang, wie im langsamen Satz, theoretisch Stärkeres verlangt, die Züge einer vollgültigen Orchestersymphonie. Er passt gut, dank der zum 18. Jahrhundert hinüber grüßenden Gestalt des ersten Satzes, zur Organisation des Ganzen als Mahlers heiterste Symphonie, was Bizarrerien wie die Erinnerung an den geigenden Tod und beseeligende Lyrismen nicht ausschließt. Das Finale mit seinen „himmlischen Freuden“ ist schließlich einfach nur – himmlisch. Also eine längere Pause der Ergriffenheit nach den leise ausklingenden Schlusstakten, gefolgt vom verdienten Beifall für eine gelungene zweite Friedrichsforum-Saal-Eröffnung.

Frank PIontek

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