Oliver Hepp spielt John Clancys Event
Auf dem Programm- bzw. Waschzettel der Produktion steht, als dramaturgische Beigabe, lediglich ein kurzes, aus zwei Sätzen bestehendes Zitat. Sie aber gehören zum Wichtigsten, das je über das Theater geschrieben worden ist: Ich kann jeden leeren Raum nehmen und ihn eine nackte Bühne nennen. Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was zur Theateraufführung notwendig ist.
Vor über einem halben Jahrhundert hat der Regisseur Peter Brook diese fundamentalen Sätze in seinem Buch über den Leeren Raum fixiert. Ausgehend von der Beobachtung, dass alle Dekoration und alles historisch sein wollende Kostüm, wie es seinerzeit – und noch heute – zumal in britischen Inszenierungen der Stücke „Shakespeares“, also Edward de Veres, des 17. Earl of Oxford, üblich waren und meist noch sind, vom Wesentlichen des Dramas (nein, es ist nicht der Text) ablenkt, entwarf er eine Theorie des Theaters, die 2009 vom US-Amerikanischen Dramatiker John Clancy in ein passförmiges Theaterstück gepackt wurde. Ich vermag nicht zu beurteilen, inwiefern der Regisseur Stefan Schneller und sein Protagonist Oliver Hepp die deutsche Übersetzung des Stücktexts revidiert, verändert und / oder erweitert haben; die Erinnerungen an die Wirklichkeit sind ja, auch wenn man nicht auf die Trump-Karikatur am Hintern des Mannes schaut, unüberhörbar. Ich sehe nur, dass in den 65 Minuten, während denen Hepp auf der nackten Studiobühne der Studiobühne steht, genau das realisiert wird, was Brook immer anstrebte: ein vollgültiges Theaterspiel im leeren Raum. Denn der „Mann“, also der Schauspieler, der einen Schauspieler spielt, der vor den „Fremden“, also uns, steht und sitzt, vermag den Monolog derart überzeugend in die Gegenwart zu bringen, dass die Frage, die den einen oder anderen Besucher vielleicht beschlichen haben mag – ob denn ein Mann in einem leeren Raum den Abend zu „tragen“ vermag -, am Ende eindeutig beantwortet werden kann. Oder anders, indem man auf die innere und dann die äußere Uhr schaut: Sind denn wirklich schon 65 Minuten vergangen, seitdem der Mann den Raum betrat, um sich an dreissig Textseiten abzuarbeiten?
Worum geht‘s? „Um Alles und Nichts“, wie es im leider nur digital erhältlichen Programmheft heißt. Es stimmt nicht, denn es geht buchstäblich um Alles. Der Schauspieler erläutert, quasi als Schauspieler, die Regeln des Theaters, er macht uns, die wir das alles schon „irgendwie“ oder sehr genau wissen (die anwesenden Schauspielerinnen und Schauspieler und der Kritiker lachen am Abend am lautesten, bevor ihnen das Lachen im Maul vergeht), mit den Gesetzen und Konventionen der Gattung bekannt, doch wieso geht es um Alles? Der Mann arbeitet sich von Assoziation zu Assoziation – und ist plötzlich und durchaus unerwartet bei Gott und der Welt angekommen: in der Gegenwart der Politik, der Technik, der Religion, den Utopien von Gestern und den Gewissheiten von Heute, mit einem Wort: Im Herzen des Zweifels und der Verzweiflung und der durch nichts tot zu kriegenden Hoffnung auf ein Anderes. Dass es in den 65 Minuten des Abends realisiert wird, ist eine gute Pointe, denn nein, der Text ist nicht das Drama, ist vielleicht nur in Hinsicht auf den jeweiligen Paniklevels des Spielers / Sprechers wichtig, das den „Mann“ im Lauf der Proben und Aufführungen überfällt. In Event geht es auch und zentral um den Spieler und das Spiel – und die Zuschauer, die auf den / die Spieler reagieren. Man kann aus Event sicher auch einen öden Abend machen, aber da Oliver Hepp ihn mit seiner glasklaren Rhetorik und einem schönen Sinn fürs Timing, mit Humor und nachvollziehbarem Ernst ausfüllt, kapiert man sofort, was Peter Brook und Erika Fischer-Lichte (einst in Bayreuth lehrend) trivial, also richtig formuliert haben: Das Theater ist ein Mann in einem leeren Raum, der von einem Zuschauer beobachtet wird (und der der Hilfe des Bühnentechnikers bedarf). Manchmal ist er mehr oder weniger nackt, manchmal ist er gut gekleidet, aber immer ist er, wenn‘s glückt wie in Bayreuth, ein EREIGNIS. Dass Spiel und Realität plötzlich ununterscheidbatr werden, wird vom „Mann“ nicht nur ironisch kommentiert. Am Ende passiert es wieder, mit 1000 Tricks und einer Überzeugung: das Theater, ein Spiel zwischen Leben und Tod, Wirklichkeit und Fantasie.
Also, liebe Theaterfreundinnen und -Freunde: Hingehen nicht vergessen. Sie verpassen sonst ein wirkliches Event, das jeden Abend einzigartig ist.
Frank Piontek
Studiobühne Bayreuth, bis 31.1. 2026
Foto (c) Thomas Eberlein
