Eine Art Glück

Der grosse Gatsby in der Studiobühne Bayreuth

Natürlich ist es kein Zufall, dass die Studiobühne Bayreuth exakt 100 Jahre nach der Erstausgabe eines bedeutenden Romans, der heute zu den absoluten Klassikern des US-Amerikanischen Literatur gezählt wird, eine Dramstisierung eben dieses Romans auf die Bühne bringt. Wer indes einen Abglanz jener Zeit, die man mit immerhin halbem Recht als Goldene Zwanziger bezeichnet hat (Roaring TwentiesBrüllende Zwanziger – trifft es schon eher), erwartet, musste sich nach den ersten zehn Minuten des Großen Gatsby enttäuschend fühlen, auch wenn das Vorspiel mit einem latent gruseligen Maskentanz der Spieler und einer typischen Gatsby-Musik beginnt. Denn wie immer geht es, wenn die Regisseurin Marieluise Müller sich eines Stoffs bemächtigt, nicht um ein „prachtvolles“ Bilderkino (was starke Bilder nicht ausschließt), sondern um Seelenlandschaften und ihre (Un-)Tiefen. F. Scott Fitzgeralds Great Gatsby wurde ja nicht populär, weil es so viele Songs aus den Twenties enthält. Er wurde nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt, weil sich eine ganze Generation mit ihren Träumen und Albträumen im Rückblick wiedererkannte und der Autor ein Lebensgefühl auf den Punkt brachte, das die Epoche so gut charakterisierte wie kritisierte, ohne die Sehnsüchte seiner Figuren auf dem Altar der unübersehbaren Kapitalismuskritik zu opfern. Dass er, der Titelheld, niemals auf andere Menschen hinabschaue, indem er sie verurteile: Es ist eine der Botschaften des 100 Jahre alten Buchs, das nun in Bayreuth in einer Fassung Rebekka Kricheldorfs seine Bühnenpremiere erlebte.

Eigentlich könnte der Abend auch Nick heissen – denn es dauert eine gute halbe Stunde, bis Gatsby in personam erscheint. Steht er auch gelegentlich im Zentrum der Gespräche der Figuren, die sich auf seine legendären Partys sehnen, so beginnt und endet das Drama nicht mit dem äußerlich steinreichen und innerlich armen Mann, sondern mit dem guten Menschen von Long Island. Der Provinzler Nick Carraway, mit dem sich Gatsby nicht grundlos anfreundet, leidet am offensichtlichsten unter den Verhältnissen, die im Haifischnest herrschen. Pierre Soldatenko macht das großartig: als liebenswürdig-skeptisches Gegenbild zu all den hedonistischen und mehr oder weniger insgeheim am Leben laborierennden Geschöpfen der sogenannten upper class und ihrer sozialen Antitypen. Der grosse Gatsby ist in der Studiobühne erster Linie ein Ensembletheater, das so tief in den Gefühlen und Träumen seiner Protagonisten gründelt, dass es schmerzt. Verkehrte Verhältnisse, wohin man schaut: Gatsby, sehr jugendlich, ja „cool“ (O-Ton aus dem Publikum) und, als das Glück nah scheint, sehr begeistert gespielt von Tim Sokollek, überspielt seine verzweifelte Sehnsucht nach der nie erreichten Jugendliebe Daisy Buchanan nicht mit einem tragisch-schweren Pathoston, sondern mit der Eleganz der Zeit, auch mit aller realistischen Unsicherheit, die dem sensiblen Parvenü anhaftet, der sein Vermögen als Kriegsgewinnler der Prohibition gewonnen hat.

Foto (c) Studiobühne Bayreuth

Daisy Buchanan ist Michaela Beuschel, sie präsentiert, auch dies bis zur Schmerzgrenze, die in die Goldklasse hochgeheiratete Frau als Opfer eigener gefühlsmäßiger und offensichtlich sozial festgelegter Zweideutigkeiten (Geld stinkt halt nicht), an denen ihr Ehemann zumindest teilweise schuld ist: Martin Kelz bringt den Rassisten Tom Buchanan mit einer immer brutaler werdenden, geradezu körperlichen Energie, die nicht vergessen lässt, dass es kein Problem ist, einerseits seine Frau zu lieben und andererseits ein verheiratetes Girl aus der Unterschicht als Geliebte zu halten, während man den Liebhaber der eigenen Frau am liebsten töten würde. Wie gesagt: Verkehrte Verhältnisse… Nebenbei: Hört man sich Buchanans Tiraden betreffs der Überfremdung der weissen Rasse an, glaubt man‘s kaum, dass das Buch schon vor einem Jahrhundert herauskam. Die Bühnenfassung verzichtet durchaus nicht auf jene Stellen, die heute politisch wie gespenstisch aktuell sind.

Auch sonst wurde das Ensemble reichhaltig besetzt: Clara Renner, bekannt aus Peer Gynt, wo sie die Doppelrolle der Braut und der grünen Trollfrau beeindruckend mimte und sprach, ist Jane Baker, Golfchampion, emanzipiert, eigennützig und unsentimental, faszinierend und abstoßend zugleich, zumindest für den Gesellschafts-Alien Nick Carraway, also eine fantastisch gute Besetzung. Frank Müller zeigt, mit melancholischem Humor, als Kunstfotograf Chester McKee, wie man mit dieser Gesellschaft, ihrem Markenfetischismus und dem ja gar nicht so unverständlichen Schielen nach oben zurande kommt: indem man seine Traurigkeit wegsäuft – und sich in eine neue hineinmanövriert. Zuletzt geraten Mary-Ann Wilson, Toms Unterklasse-Freizeitvergnügen, und dessen Ehemann, der Petrol-Man George Wilson, buchstäblich unter die Räder; Anne Raith und Johannes Fleckenstein ergänzen die Compagnie der reich, wild und schön sein wollenden Tagträumer um ein anrührendes Pärchen, das auch sprachlich einen anderen Sound ins Getriebe bringt.

Man könnte, je länger der mit knapp zwei Stunden kurzweilige Abend dauert, irgendwann die berühmte Stecknadel fallen hören. Im grauen, von Jens Hübner entworfenen Einheitsraum mit seinen wandseitigen Wolkenkratzersilhouetten genügen die von Heike Betz kostbar wie genau ausstaffierten Spieler und einige wenige Sitzmöbel, um ein ungemein dichtes, psychologisches Theater zu schaffen, das uns letzten Endes dazu zwingt, uns selbst die Frage zu stellen, was das denn ist: Glück. Dass Nick, Jay, Daisy und wie sie alle heissen, es in diesem Theaterleben kaum finden werden, entbindet ja nicht von der Hoffnung, dass „wir“ es besser machen oder wenigstens erträumen könnten.

Dass die Studiobühne nach genau einem Jahrhundert den Jahrhundertroman über den zerbrechenden american dream so dunkel und, bei allen sparsamen Musikeinlagen, so konzentriert auf die Bühne brachte, ist ja auch schon eine Art Glück.

Frank Piontek