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Bayreuth
Mittwoch, 8. Februar 23

Die Bayreuther Milch der Träume

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Ein Traumspiel

TheaterEin Traumspiel

Michael Endes „Ophelias Schattentheater“ in der Studiobühne

Schatten können bedrohlich sein. Das Leben besteht aus ihnen, ja: kommt nicht ohne sie aus. Wir sehen‘s, wenn wir in Ophelias Schattentheater sehen – und das Leben, die Metapher ist bekannt, ist auch als Theater zu verstehen, in dem wir unsere Rollen mehr oder weniger brillant, mehr oder weniger kläglich spielen.

All das und noch mehr bekommt der glückliche Zuschauer zu sehen, wenn er Ophelias Schattentheater besucht – basierend auf einem Buch, das weder Jugend- noch Erwachsenenbuch, sondern alles ist. Geschrieben hat es Michael Ende, es liest sich in einer kurzen halben Stunde durch, aber seitdem es 1985 erschien, hat es nicht wenige längere theatralische Versionen gegeben, die den Stoff auf die Bühne(n) holten. Nun also auch in Bayreuth, wo Marieluise Müller eine Fassung erstellte, die es vor allem mit dem Theater Ernst meinte. Denn Ophelia ist eine Dame, die nicht nur ihren Namen von Shakespeare geerbt hat, sondern sich auch, über ihre Entlassung hinaus, fürs Theater engagiert. In Kürze: Das Stadttheater macht zu, weil nach und nach die Zuschauer wegbleiben (hier gewinnt das Stück unversehens eine politische Aktualität, die vor Jahrzehnten, als das Buch entstand, eher virtueller Natur war), und die Souffleuse steht plötzlich allein da, bis sie plötzlich die verschiedensten Schatten besuchen. Sie nimmt sie auf, bringt ihnen die großen Tragödien und Komödien des Welttheaters bei, also jene Stoffe, die von uns allen sprechen, und kann am Ende ein neues Theater eröffnen, eben Ophelias Schattentheater, bis – bis am Ende das Ende kommt, das vielleicht, wer weiß das schon, keines ist.

Marieluise Müller hat dem Stoff etwas Tröstlich-Skeptisches verliehen, indem sie die Geschichte als Traum der Souffleuse erzählt. Es passt, weil der von Wolfgang Riess erstellte Sound und die Musik (Sibylle Friz als dreistimmige Sopranistin) ins Irreale changiert und in den Szenen, die die Regisseurin und Bearbeiterin als Demonstration der Schauspielkünste der spielenden Schatten auswählte, immer der Traum aufscheint: manchmal schon im Titel. Calderóns „Das Leben ein Traum“ korrespondiert mit Grillparzers „Der Traum ein Leben“, den Schluss macht, der Theaterkenner möchte sagen: natürlich, Pucks Epilog aus dem „Sommernachtstraum“. So zeigt uns „Ophelias Schattentheater“, sehr überspitzt und ganz bewusst sehr klamaukig, wie die Schatten sich zunächst als Lehrlinge mit den Texten zurechtfinden müssen, bevor sie und wir im zweiten Teil mit den fertigen, berührenden, amüsanten Ergebnissen ihrer Einstudierungen konfrontiert werden. Wunderbar also Florian Kolb als in den Turm gebannter, extrem verzweifelter, doch die Sprache beherrschender Sigismund, schön die Helena der Alix Labuhn, witzig der Mephisto des Wolfram Ster, souverän der moonwalkende Puck Florian Kolbs – und ganz, ja zutiefst berührend, Indras Tochter aus Strindbergs „Traumspiel“, wenn Gabriela Paule sie spielt. Noch im totalen körperlichen Stillstand bringt sie mit ihrer glasklaren Rhetorik einen Ausdruck ins Spiel, der das scheinbar so harmlos daherkommende Stück spätestens an dieser Stelle zu einer Parabel macht. So gut wie neu im Ensemble: Tim Schwering, der einen agilen frechen Schatten namens Dunkelangst spielt – und sich in Goldonis „Lügner“ als Arlecchino in die Welt der goldinesken commedia dell‘arte begibt. Über allem aber schwebt fast buchstäblich das menschen- und schattenfreundliche Fräulein Ophelia. Zu den Wundersamkeiten dieser Inszenierung gehört, während des gesamten zweiten Teils, eine Bildfindung, die schlichtweg hinreißt: Ophelia, markant und liebenswürdig gespielt von Birgit Franz, beobachtet das Theaterspiel und souffliert es unhörbar aus jener Höhe, die ihr die Bühnenbildnerin Ruth Pulgram gebaut hat. Reizvoll ist ja schon die Idee, die kleine, glänzendschwarze Handtasche der Ophelia zum großen Bühneneingang und -ausgang zu machen – und ebenso schwarz sind die Schattengestalten, die zusammen den einen großen Schatten machen.

„Es ist nicht leicht, ein Mensch zu sein“ – einer der Kernsätze dieses Abends kann variiert werden: Es ist nicht leicht, ein leichtes Stück über die Dinge des Lebens zu machen. Hier ist es wieder einmal – und äußerst kurzweilig – gelungen.

Studiobühne Bayreuth. Letzte Aufführung: 26.2. 2023

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