Rolf Kussls Hellas im Hofgarten
„Der heute schlichte, wie früher flach gedeckte nördliche Arkadengang wurde 1961 mit 15 monochromen Wandbildern südlicher Landschaften von Richard Seewald und Zitaten antiker Autoren darunter ausgeschmückt; die Wandgestaltung mit Felderteilung erinnert in modern-einfacher Form an die einstige neo-pompejanische Dekorationsmalerei.“ In der Tat: Dies ist der einzige, noch dazu fehlerhafte Satz (auch nichtantike Autoren wurden verewigt), der dem bedeutenden Zyklus in Arnold Lemkes et. al. Der Hofgarten in München 2007 gewidmet wurde. Noch kürzer verfuhr Adrian Butlar, als er 1988 in Der Münchner Hofgarten – dem Standardwerk zum Titelthema – dem Kunstwerk einen einzigen Satz widmete: die Grisaille-Malereien von Richard Seewald seien „ein noch wenig beachtetes Dokument charakteristischer Gestaltung und Malerei der Fünfziger Jahre“.
Damit hatte der Autor völlig Recht: der öffentlich wie Tag und Nacht zu besichtigende Zyklus ist zumindest von den Kunst- und Hofgartenhistorikern noch nicht beschrieben und gedeutet worden. Es verwundert, da doch der Name des Künstlers bekannt und der Ort und seine tief in die Münchner Kulturgeschichte hineinreichende Bedeutung offensichtlich ist. Es gibt also zweifellos mehrere Gründe, sich näher mit den Malereien zu befassen: Erstens, weil es sich um einen prominenten Raum in der Münchner Innenstadt handelt, zweitens, weil es sich um die Nachfolge eines anderen, im Krieg zerstörten und seinerseits im Sinne Goethes bedeutenden Zyklus handelt, drittens, weil die Kombination aus Bild und Text, wie sie schon für die ludovicianischen Freskenzyklen aus der Zeit Ludwigs I. typisch war, im neuen Zyklus seine konsequente wie reizvoll variierte Fortsetzung fand, viertens, weil sich Seewalds Griechenland-Ansichten in die Geschichte der griechisch-bayerischen Beziehungen harmonisch, aber auch eigenständig einreihen und nicht zuletzt fünftens, weil die ästhetische Gestaltung im Stil der späten 50er Jahre, ja, die Schönheit der Hofgartenarchitekturen beträchtlich vergrößert. Dass gelegentlich Angehörige des Prekariats in den Nordarkaden nächtigen, gehört durchaus zum Bild, das – seltsame Pointe der Geschichte – auf die im Band dokumentierte Schlussszene aus der legendären „Monaco Franze“-Serie bezogen werden kann, in der sich der ewige Stenz und sein Spatzl unter dem Naxos-Fresko wiedervereinigen, um den Mythos von Dionysos und Ariadne ins Heutige zu übersetzen. Mythos und Moderne wurden da plötzlich eins. Wer vor dem Aigina-Bild steht, mag sich vergegenwärtigen, welchen außerordentlichen Rang die in der Glyptothek verwahrten Ägineten noch heute für das Münchner Kulturleben besitzen – zumindest für all die Kunstfreunde, die den Reiz der Archaik zu schätzen wissen, an die vor 65 Jahren mit den Seewald-Fresken erinnert wurde.
Ein neues Buch, in dem die filmische Einzelheit zu finden ist, macht nun erstmals und en detail, auch ausgestattet mit vielen exzellenten Fotos, einer Vita des Künstlers und einer Synopse zu den Bildern, mit allen Seewald-Fresken bekannt. Rolf Kussl interpretiert ihn, natürlich, in der Tradition all jener Freskenreihen, die unter Ludwig I. das Haus Wittelsbach in einzigartiger Weise mit den vom philhellenisch beseelten König initiierten Bayern-, Italien- und Griechenland-Zyklen verbanden. All diese Zyklen fanden bereits ihre Bearbeiter und Monographisten, nur die Nachkriegs-Arbeit, die vermutlich unter dem Verdacht der Banalität stand, wurde bislang links liegen gelassen. Dabei ist er sowohl in Sachen Tradition – als Nachläufer der Malereien des 19. Jahrhunderts – wie als Repräsentant der Nachkriegszeit – als Münchens Kunst und Architektur eine neohellenistische Phase erlebten – wichtiger, als man selbst dann vermutet, wenn man als interessierter Flaneur an den Bildern und Texten entlangspaziert. Denn Kussl kann zeigen, dass Seewald zum einen aufgrund seiner intimen Griechenland- und Literaturkenntnis für die Ausmalung der Arkaden besonders geeignet war und zum anderen ein persönliches Programm entwarf, das die von Levin Freiherrn von Gumppenberg, dem damaligen Präsidenten der bayerischen Schlösser- und Gärtenverwaltung, aufgestellte idealistische These von der „ewigen Ordnung des Klassischen, von ihrer Macht über den Geist und von dem Land, in dem allein diese Ordnung entstehen konnte“, gleichzeitig nüchtern und emphatisch ins Bild setzte. Das neue Buch ist allerdings schon deshalb wertvoll, weil es den nachvollziehbaren Einwand eines zeitgenössischen Kritikers von der Münchner Abendzeitung, demzufolge eine Verbindung der Texte zu den Gemälden „sich weder gedanklich noch formal herstellen will“, ernst nimmt und die Verse der fünf griechischen und zwei deutschen (Goethe und Hölderlin) Autoren in Bezug zu den von Seewald präzise festgehaltenen Orten setzt. Sämtliche Ansichten werden mit heutigen Fotos und den graphischen Vorlagen, die bis in die 30er Jahre zurückgehen, auch mit Seewalds eigenen Tagebucheintragungen und den gut erläuterten Originaltexten verglichen, so dass sich die Unterschiede zwischen den Fresken und den Literaturauszügen zwar nicht immer auflösen, doch immer gedeutet werden: als Konfrontation einstiger zauberhaft-grandioser Vergangenheiten mit den gegenwärtigen Topographien im Licht der bildkünstlerischen und literarischen Versuche, das alte und das neue Griechenland festzuhalten: „der dunklen Erde schönstes Gut“, wie es bei Sappho und beim letzten Bild – es zeigt Poros, nicht Lesbos – heißt.
Ludwigs I. Credo „Öffentliche Kunstwerke, diese wirken auf das Volk, gehen ins Leben“ muss also auch in Hinsicht auf Seewalds schönen, weil optisch interessanten und inhaltlich wie poetisch bedeutenden Zyklus zitiert werden. Aufmerksame Besucher haben schon immer den Charme empfunden, der von den Bild-Wort-Kombinationen ausgeht. Nun erfährt man erstmals wissenschaftlich profund und gleichzeitig im besten Sinne bildschön, wie genau und tiefgründig sich Hellas, zwischen Münchner Tradition und Münchner Moderne, im Nachkriegs-Hofgarten manifestiert hat.
Rolf Kussl: Hellas im Hofgarten. Richard Seewalds Griechenlandzyklus in München. Schnell & Steiner Verlag. München 2026. 92 Seiten, 74 Abbildungen.
Frank Piontek
