Ein Fenster in die Vergangenheit

Das hervorragende Buch zur Nürnberger Fastnacht

„Mit dem jährlichen Schembartlauf öffnet die Gesellschaft weiterhin ein kleines Fenster in die Vergangenheit zu einem ganz besonderen Aspekt der Nürnberger Stadtgeschichte – und das lebendiger als eine Museumsausstellung das könnte.“ Der letzte Satz des letzten Aufsatzes im anzuzeigenden Band ist so wahr wie bescheiden – denn die Ausstellung, zu der der Katalog wesentlich mehr ist als eine Begleitbroschüre, hat 2025/26 in bis dato ungeahntem Ausmaß und mit immerhin knapp 130 Objekten die Geschichte der Nürnberger Fastnacht, in ihrem Zentrum: der berühmte Schembartlauf, so farbig beleuchtet wie nie zuvor. Konnte man 2019 noch in der Zeitschrift Norica des Nürnberger Stadtarchivs lesen, dass „bis heute eine umfassende historische Würdigung“ des Nürnberger Faschings und des speziellen Brauchs fehle („wiewohl einige wichtige Arbeiten vorliegen“), kann man inzwischen feststellen, dass über die beiden zusammenhängenden Phänomene das Grundlagenwerk vorliegt, denn das Buch zur Ausstellung Fastnacht. Tanz und Spiele in Nürnberg im Germanischen Nationalmuseum lässt kaum eine Frage offen. Wo sie noch nicht beantwortet werden kann, liegt es in der Natur der Sache, d.h. in der Art der Quellen begründet, da das Wesentliche, das wir über den Schembartlauf wissen, nicht seiner Zeit, sondern späteren Epochen entstammt.

31 Aufsätze beleuchten im Tagungsband die Nürnberger Fastnacht. Eingebettet in eine Kulturgeschichte des Karnevals und der Narrenkritik, wie sie im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit üblich war, fächern die Autorinnen und Autoren die Nürnberger Fastnacht auf – parallel zur wissenschaftlichen Erschließung aller in öffentlichem Besitz befindlichen Schembartbücher. Bedeutende Nürnberger Patrizierfamilien haben nach dem Erlöschen des Brauchs im Jahre 1539 kostbar ausgestattete Bücher, von denen noch über 150 erhalten sind, herstellen lassen, in denen sie die familieneigenen Anführer der Schembartläufe in Porträts verewigen ließen, um vor sich und ihren Nachfahren zu bezeugen, dass sie gesellschaftlich „dazugehörten“. Diese Bücher haben nicht allein als Buchkunstwerke, auch als Quelle zur Nürnberger Festkultur einen unschätzbaren Wert. Um die Fülle der Aufsätze wenigsten anzudeuten: Es geht um kulturwissenschaftlich-religiöse Themen, in denen die Fastnacht im Widerspiel von religiösen Bräuchen und „narragonischem“ Spaß erläutert wird. Es geht um die Praxis des Schembartlaufs, um die Spuren, die der Brauch in den Policeyordnungen und Chroniken hinterließ; dass es oft wild und gefährlich, auch nachhaltig zuging (manch Karnevalskind kam nach neun Monaten zur Welt), versteht sich von selbst. Man thematisiert die Schembartbücher, deren Illustrationen im reichen Bildapparat hervorragend präsentiert werden. Tänze und Maskeraden werden, wie die Fastnachtsspiele eines Hans Sachs, genau beschrieben und in den Zusammenhang des allgemeinen Fests gesetzt, wobei die Geschichte der Tänze nicht 1539 durch ein Ratsverbot endete, sondern bei verschiedenen Handwerkern weiterlebte. Am Anfang stand möglicherweise der vermutlich erfundene Metzgertanz von 1349, dem der Schembartlauf nach fabelhafter Überlieferung seinen Ursprung verdankt; später wurde der Moriskentanz vom Bildschnitzer Erasmus Grasser in München verewigt. Hier wurden Repräsentation und Parodie, der Spaß am Tanzen, an fantastischen Kostümen und die mal mehr, mal weniger latente satirische Darstellung fremder Kulturen, auf kreative Weise eins. Die Höllen-Wagen mit ihren teils schwer deutbaren Elementen und Figuren, Elefanten und Drachen, Wilde Männer und Larvengespenster haben ebenso ihre Auftritte wie die religiösen Figuren, die in der Nürnberger Fastnacht persifliert worden sind. Der protestantische Prediger Andreas Osiander, aber auch die Protestanten an sich, wurden 1539 auf einem gleich mehrmals gezeichneten Wagen derart durch den satirischen Kakao gezogen, dass der Rat den Schlussstrich unter den Schembartlauf zog. Auch diese Zäsur, die nur eine halbe war, gehört zur Geschichte der Nürnberger Fastnacht.

Im bedeutendsten Zentrum nördlich der Alpen kamen, produziert von der Bürgerschaft und den Handwerkern, nicht vom Stadtregiment, vor über einem halben Jahrtausend jene Festsitten (und Unsitten) zusammen, die das einzigartige Phänomen des Schembartlaufs ermöglichten. Der Tagungsband bietet nun die verschiedensten ökonomisch-kulinarisch-sozialen wie theologischen Erklärungen für das Volksvergnügen, das in der Bildenden Kunst wie in der Geschichtsschreibung bedeutende Bild- und Textreste hinterließ. Wie der Schembartlauf und die verwandten und nachfolgenden Tänze und Schaukämpfe aussahen: das wusste man in der Regel schon. Welchen Motivationen die Schembartbücher und die Einzelheiten der Bräuche vor dem Hintergrund einer tief im Mittelalter wurzelnden Frömmigkeit und karnevalistischen Lachlust, aber auch politischen Interessen unterlagen: Das hat man bislang noch nicht in dieser Fülle gezeigt.

Den Schembartlauf kann man übrigens immer noch jährlich sehen, weil sich die Nürnberger Schembart-Gesellschaft darum kümmert. Zur gelebten Tradition aber gehört das Wissen um die Vergangenheit. Das schöne wie hochinformative und tief in die die weitere Kulturhistorie berührende Nürnberger Kulturgeschichte hineingreifende Buch zu einem absolut günstigen Preis im Verkaufsladen des Germanischen Nationalmuseums anzubieten, könnte daher fast als närrisch bezeichnet werden.

Johannes Pommeranz und Anne Sowodniok (Hrsg.): Fastnacht. Tanz und Spiele in Nürnberg. Nürnberg [Verlag des Germanischen Nationalmuseums] 2025. 392 Seiten, 211 farbige Abb., 25 Euro (im Museumsshop), 33,50 Euro (im Buchhandel und Online-Shop des GNM)

Frank Piontek