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Montag, 28. November 22

Die Tochter des Erlkönigs

Geschichten aus dem WaldDie Tochter des Erlkönigs

Am Waldrand saßen sie beieinander: Schraat, der kluge alte Bergrabe und der Waldwichtel. Unten im Tal glitzerte die junge Saale und auf ihr eilte das Naabfräulein nach Norden.

 „Kuck an,“ sagte Schraat – „aber warum rennt sie so?“ „Sie rennt nicht – Sie tanzt auf dem Wasser!“ sagte der Wichtel. „Es ist Frühling, und sie bringt dem Erlkönig die ersten Blumen!“ „Seit 200 Jahren oder so habe ich von dem nichts gehört – war er nicht der Herrscher über die Wälder im ganzen Land?“ 

„Ein Riese war er – mächtig und klug – seine Töchter spielten mit den Nebeln über der Saale. Für sie grub er die schönsten Edelsteine aus den Granitspalten, wasserblaue Aquamarine, goldene Topase, weiße Bergkristalle! Nicht genug konnten sie davon kriegen! Aber die jüngste und lieblichste wollte nur Blumen – blaue und goldene, weiße Sterne und grüne Blättchen! Die brachte sie dann dem Vater in seine graue Burg. Die Erlen schwankten im Tanz mit dem Dämmer und den Nebeln. Das Dunkel war ihre Welt – Riesenkinder, lichtscheu und selbstvergessen. Zu lange tanzten sie in der Nacht. Erlkönig streute Juwelen über die singenden Töchter – die Sonne traf ihn mit einem frühen Strahl. Zum Stein wurde der Riese, dunkel die glitzernde Krone, noch streckte er die Hand nach den Sternen aus. Ächzend beugten sich die Erlen, tauchten ihre dürren Arme in das schwarze Wasser. Fort waren die säumigen Töchter, nur die jüngste hielt Stand im Sonnenlicht: die Blumen in ihren Armen gaben ihr Leben. Sie wählte das Wasser und wurde die Hüterin der Naabquelle. Und in jedem Frühling tanzt sie hinab ins Jenertal, wo der Erlkönig aus dem grauen Felsen tritt, einsam der Stein.“

 Der alte Rabe seufzte, „Gar nichts zu machen?“ „Er wird wiederkommen,“ sagte der Bergwichtel. „Wenn die Felsen bröckeln und Wurzeln schlagen, und die Steine zu Erlen werden – dann wird alles neu.“

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