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Die kommunistische Revolution in Zell

HeimatlichesDie kommunistische Revolution in Zell

Der Sinnspruch, dass große Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen, trifft auf die Geschichte in verschiedener Hinsicht zu – nicht allein in die Zukunft deuten manche Schemen, sondern auch in der lokalen, der „kleinen“ Historie werden jene Entwicklungen bemerkt, die alsbald zu einer neuen Bewegung oder Strömung anwachsen könnten. So geschah es im Jahre 1919 auch im beschaulichen Marktflecken Zell, als ein Mann versuchte, eine Revolution anzuführen – und es ihm, wenngleich nur für einen begrenzten Zeitraum, auch tatsächlich gelang. 

Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ wird er genannt, jener Krieg, der als erster die gesamte Welt umspannte und Millionen unschuldiger Leben forderte: Was mit einzelnen Schüssen in Sarajewo begonnen hatte, entflammte schließlich einen Flächenbrand, der ganze Landstriche, einst blühende, lebensspendende Regionen, binnen kurzer Zeit in eine schwarze Ödnis verwandelte. Am Ende freilich stand die Erkenntnis, dass nichts mehr sein würde, wie es einst war: Das Deutsche Kaiserreich – erst 1871 als ruhmreicher Phönix gepriesen, der sich aus der Asche der Napoleonischen Kriege stolzer als je zuvor erheben sollte – lag in Trümmern. Der Monarch Wilhelm II. hatte abgedankt, der Verbündete, Österreich-Ungarn, jene große Monarchie am Ufer der Donau, war zerbrochen. In Versailles, dort, wo einst zur Schmähung des Französischen Volkes dem deutschen Kaiser die Krone aufs Haupt gesetzt worden war, würden bald jene Verhandlungen beginnen, an deren Ende Deutschland als Alleinschuldiger stehen sollte. 

Noch vor jenen Zeitläuften, die die Weltgeschichte verändern sollten, entbrannte in München ein neues Feuer: Erst waren es nur vereinzelte Rufe, doch vereinigten sich schon bald die Stimmen zu einem starken Chor, der lauthals ein einziges Wort rief: „Revolution!“ Wie auch in Deutschland selbst, wo Scheidemann und Liebknecht beide die Demokratie verkündeten, strebte man in Bayern nach einem Neubeginn. Doch nicht allein im zerbrochenen Reich und dem ehemaligen Königsstaat kam Bewegung in die Politik, auch im Kleinen, unserer lokalen Geschichte, machten sich Männer daran, das Althergebrachte zu hinterfragen: 

Nach dem Ende des Krieges litt die Bevölkerung der Gemeinde Zell nicht allein unter den politischen Folgen, sondern auch an verzehrendem Hunger, der durch die verheerende Versorgungslage hervorgerufen worden war. Um Abhilfe zu schaffen, ging man in Zell einen Schritt, der zeitgleich einen Blick auf die Vorkommnisse in der großen Geschichte erlaubt: Man organisierte sich selbst; kein königlich-bayerischer Beamter sollte fortan an der Spitze stehen, sondern ein aus verschiedenen Mitgliedern der Gemeinde zusammengesetzter Arbeiter- und Bauernrat, dessen Vorsitz man dem Friseur und Bader Christian Flessa übertrug. Die Ereignisse wären an sich schnell erzählt, wenn es in Zell ähnlich zugegangen wäre, wie andernorts, wo schon bald wieder geordnete politische Bahnen gefunden werden konnten, doch sollte es anders kommen: Flessa, der einst aus Helmbrechts in die Gemeinde am Fuße des Waldsteins gezogen war, erkannte in der angespannten Situation, die er mithilfe des Rates par excellence zu bewältigen wusste, eine Chance für seinen persönlichen Aufstieg. Aus diesem Grund gab man sich nicht allein mit der Neu-Organisation der Lebensmittelversorgung zufrieden, sondern glaubte vielmehr eingesehen zu haben, dass die Politik an sich neu geschaffen werden müsste. Kurz nach der Gründungsversammlung des Arbeiterrates zog man daraufhin geschlossen zum Zeller Rathaus und setzte dort kurzer Hand die gesamte Gemeindeverwaltung auf die Straße, ehe man, zum Zeichen der nunmehr allein vom Volke ausgehenden Regierung, die rote Flagge des Kommunismus aus dem höchstgelegenen Fenster hisste. Ob Flessa, umgeben von seiner illustren Runde, eine ebenso pathetische Rede hielt, wie das große Vorbild Karl Liebknecht, der am 9. November 1918 die „Freie Sozialistische Republik Deutschland“ proklamiert hatte, ist leider nicht bekannt, doch war – im Gegensatz zu Liebknecht – Flessa mit seinem Vorhaben tatsächlich erfolgreich: Zell war von der „Tyrannei der alten Reihen“ befreit und der Friseur stand der nunmehr leninistischen Satelliten-Gemeinde im tiefsten Oberfranken vor. 

Gemäß dem eigentlichen Gründungszweck des nun der „Räte-Gemeinde“ vorstehenden Arbeiter- und Bauernrates machte man sich sogleich daran, die verheerenden Zustände zu beseitigen und ordnete an, dass fortan schlichtweg die umliegenden, damals eigenständigen Dörfer für die Versorgung Zells aufzukommen hatten, was jedenfalls zu Beginn recht gut funktionierte. Bald jedoch waren die Forderungen der Zeller derart unverschämt geworden, dass man sich nach der Rechtmäßigkeit zu fragen begann und als Flessa schließlich dem Großlosnitzer Bürgermeister Böhm gar drohte, seinen Stall anzuzünden, so er nicht umgehend eine große Ration Kartoffeln an die Gemeinde lieferte, kam es, wie es kommen musste: Anders, als in den beiden Wochen zuvor, weigerte sich das Oberhaupt der stolzen Losnitzer Bürgerschaft und rief sogleich zur Konter-Revolution auf, aus der schließlich eine „Bauernwehr“ hervorging, mit der man sich gegen die aufmüpfigen Zeller verteidigen wollte. Postwendend marschierten die vereinigten Dörfler, bewaffnet nicht allein mit Werkzeugen, sondern auch mit den letzten Resten der Reserve, gegen die Marktgemeinde und begannen sofort, die Häuser der kommunistischen Rädelsführer zu durchsuchen. Diese wiederum wandten eine Taktik an, die man später den Guerilla-Kämpfern zuschreiben sollte, indem sie sich in die „Zwinga“ (also die schmalen Gänge zwischen den Häusern) zurückzogen und in mancher Wohnung kleinere Stellungen einrichteten. Die am besten ausgestattete befand sich im Gasthaus „Zum Waldstein“ des Georg Dietel, den die wackeren Losnitzer gerade im Sturm nehmen wollten, als die Tür aufflog und sie sich Aug in Aug mit dem Mündungsrohr eines Maschinengewehrs gegenübersahen. 

Erst später sollte sich herausstellen, dass sich dabei um eine grün bemalte Wurstfüllmaschine gehandelt hat, deren Anblick jedoch im ersten Moment genügte, um die Bauernwehr in die Flucht zu schlagen. Erst als kurze Zeit später das Freikorps der „Chiemgauer“ in Hof Station gemacht hatte, war die Kampfeslust der kommunistischen Zeller ein für alle Mal gebrochen – Flessa trat zurück und wurde mit einer Geldstrafe von 15 Mark belegt. Die sozialistische Räterepublik Zell war binnen knapp eines Monats zerbrochen, wobei sich auch hier die anfangs erwähnten Omen in der Geschichte zeigen – ebenso, wie auch in Zell, sollte die kommunistische Regierung der Sowjetunion letztlich scheitern. Große Ereignisse werfen nun einmal ihre Schatten voraus. 

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