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Montag, 28. November 22

Die Bibliothek des Lastenausgleichsarchivs

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Wenn dieses Heft – wir schreiben Anfang April 2022 – herauskommt, werden nach nur fünf Wochen vier Millionen Ukrainer ihr Land verlassen haben. Damit haben wir es mit der größten Fluchtbewegung zu tun, die seit 1945 in derart kurzer Zeit über die Welt kam. In Bayreuth erinnert ein Ort in besonderer Weise an eine andere Flüchtlingskrise, die gleichfalls beispiellos war: an die Flucht und Vertreibung all jener deutschsprechenden Menschen, die zwischen 1945 und 1950 aus den deutschen Ostgebieten sowie aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa gewaltsam nach Westen gespült wurden.

Unter den Bayreuther Archiven ragt also eines besonders heraus: das Lastenausgleichsarchiv, das als Außenstelle des Bundesarchivs firmiert. Zieht man all jene Standorte ab, die nach der Integration der Stasi-Unterlagen in die Bestände des Bundesarchivs hinzukamen, hatte man es bis zum Mauerfall mit sieben großen Archiven zu tun, die zwischen Koblenz und Berlin das deutsche Archivgut verwalteten, bearbeiteten und herausgaben: als historisches Gedächtnis, das Millionen Dokumente, die zwischen 1495 und der Gegenwart entstanden, sicherte und nutzbar machte. Das Bayreuther Archiv kam 1989 hinzu: als Zentralarchiv für den Lastenausgleich, also für alle Dokumente, die als Objekte des Kriegsfolgenrechts für eine Archivierung in Frage kamen. In mehr als 30 laufenden Kilometern werden im früheren Krankenhaus der Stadt Bayreuth in der Dr.-Franz-Str. 1 u.a. die Akten der Ausgleichsverwaltung gelagert, die viele jener Schäden widerspiegeln, die die Vertriebenen und die Flüchtlinge seinerzeit erlitten. Zu den Archivalien gehört nun auch – wie in allen anderen Standorten des Bundesarchivs – eine Bibliothek. Knapp 20000 Bände bilden genau jenes Thema ab, das in den Originaldokumenten pure Zeitgeschichte und deren soziale Bewältigung durch den Lastenausgleich ist: hier wie dort geht es um die Verhältnisse in den Ostgebieten des ehemaligen Deutschen Reichs, um Flucht und Vertreibung am Ende des 2 Weltkriegs, um die Integration der Vertriebenen und um Millionen Aussiedlerschicksale. So wird etwa die im Archiv befindliche, in den 1950er Jahren entstandene Ost-Dokumentation durch eine sehr eigene Art von historischer Primärliteratur ergänzt: Den 30.000 Berichten, durch die die Erlebnisse der Menschen in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, aber auch die Wirtschafts- und Lebensverhältnisse in den ehemaligen Ostgebieten lebendig werden, stehen jene Bücher zur Seite, die man vermutlich in kaum einer anderen Bibliothek finden wird: spezielle Ortschroniken, ganze Reihen von Telefonbüchern, Autobiographien und viele andere Werke, die für die Erforschung von Flucht und Vertreibung, für die Regionalgeschichte und Familienkunde der ehemaligen deutschen Ostgebiete und für die frühe Sozial- und Gesellschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland unverzichtbar sind. Der Leiter des Lastenausgleichsarchivs, Karsten Kühnel, weist darauf hin, dass die Historiker den Wert der Bibliothek gelegentlich unterschätzen, da sich doch auch in ihren Beständen äußerst seltene Geschichtsquellen befinden, die das Wissen um das Leben in den ehemaligen deutschen Ostgebieten gespeichert haben. Kommen hinzu die Bände einer Sekundär- und Forschungsliteratur, die, da es sich um eine Dienstbibliothek handelt, neben den Archivalien im Benutzersaal gelesen und ausgewertet werden können. Eine Ortschronik von Jacobshagen, Kreis Saatzig (Pommern), ein Buch über die Evangelische Volksschule in Lemberg, über deutsche Kolonien im Gouvernement Kijew oder die Beziehungen zwischen der Stadt Weiden und Böhmen in den Jahren 1241 bis 1600 mag nur wenige interessieren – das Wissen um die historischen Zusammenhänge, Ereignisse und Orte zu sammeln ist per se sinnvoll, weil die Geschichte und damit die Menschen, die sie machten, niemals ohne die nur scheinbar abseitigsten Detailkenntnisse angemessen beurteilt werden können, oder, um es in ein Bild zu bringen: Ein großes Gemälde besteht aus Abertausenden von Pigmentflecken.

Der literarische Schatz wurde übrigens titelmäßig digital erschlossen: auf der Seite https://bibliothek.bundesarchiv.de/F kann der Interessent mit Namen und Stichworten schon mal recherchieren, was über die alten Heimatorte Stettin, Breslau oder Schlesien so alles gelesen werden kann. Im Blick auf die gegenwärtige Flucht der bedrängten Ukrainer kann man – auch als Bayreuther Geschichtsfreund – allerdings nur hoffen, dass ein wertvolles Historisches Archiv der Ukrainer, das sich ausserhalb des Kriegsgebietes befindet, niemals nötig sein wird.

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