Studiobühne Bayreuth spielt Brechts Die Hochzeit
Das Stück beginnt vor dem Stück, mit einem fröhlichen Hochzeitsmarsch durchs Foyer. Es kann ja nur schief gehen. Um Thomas Bernhardt zu zitieren: Ist es eine Komödie? Ist es eine Tragödie? Die Brecht-Forschung ist sich einig: Unter der Oberfläche des Schwanks erweist sich die titelgebende Feier, so Jan Knopf, einer der Brecht-Kenner ever, „als eine Orgie der Hohlheit, der Langweile, der Öde und der Vereinzelung, die das bürgerliche Leben nach ihr dann täglich bringen wird“. Konkret: Brechts scheinbar harmloser Einakter von 1919 zeige, wenn man ihn historisch betrachte, „auf einige entscheidende und in die neue Gesellschaft überhängende bürgerliche Widersprüche, die drohen, in der alten wilhelminischen Gestalt restauriert zu werden“.

Foto (c) Thomas Eberlein / Studiobühne Bayreuth
Soviel zur Theorie und zum Vergangenen – und was sagt die Praxis dazu? In der Studiobühne hat man Brechts ersten bedeutenden Einakter als gelind absurdes Spektakel auf die Bühne gebracht, in dem Komik und Grauen, Komödie und Tragödie dicht nebeneinander liegen – ganz wie im nicht allein bürgerlichen Leben. Im Programmheft weist man auf Brechts Auseinandersetzung mit Karl Valentin hin, den er in den frühen 20ern des letzten Jahrhunderts in München kennen- und lieben lernte; von Valentins Sprach- und Körperkomik hat die Inszenierung immerhin Spurenelemente aufzuweisen. Michael Sykoras Inszenierung ist so konkret, dass sie das brüchige bürgerliche Zwielicht bühnenrealistisch ausmalt und andererseits mit den Stilmitteln einer kolorierten Stummfilmästhetik das Theater als Theater ausstellt. Die Maske – Judith Antony zeichnet für Brecht‘s faces verantwortlich – ergänzt die „Orgie der Hohlheit“ um eine gruselig-schöne Optik. Kein Kopf, der nicht künstlich aussähe. Das Spiel läuft nach Plan ab: Aus dem „schönen“ Fest wird, indem Stück für Stück nicht nur die selbstgebauten Möbel des Bräutigams, auch die zwischenmenschlichen Illusionen zu Bruch gehen, falls sie nicht schon, wie im Fall des Mannes und seiner Frau, vorher schon im Ehekrieg verbal zerrieben worden waren – aus der sehnlich erwarteten Feier wird eine Zerstörungsorgie, doch am Ende scheint die Selbstironie, der Humor und die Liebe des Brautpaares über die erlittenen Kränkungen der Anverwandten und falschen Freunde zu triumphieren. In einem zusammengebrochenen Bett lässt sich gut schlafen, weil man nicht mehr befürchten muss, dass es zusammenkracht. „Es macht nichts“, sagt der Bräutigam ins Dunkel hinein. In der Studiobühne kracht, das ist sehr effektiv, plötzlich auch die von Matej Sykora konstruierte Rückwand nach hinten, bevor man noch kurz das Brautpaar im Bett erblickt: konsterniert, aber erotisch nicht ganz unglücklich vereint.
Soviel zur Praxis.
Brechts Stück lebt über weite Strecken von der Rhetorik, ihren Fallstricken und Leerformeln, wie sie Ödon von Horvath dann perfektioniert hat. Reden und Tanzen, schrieb Knopf, seien in der Hochzeit Mittel, um möglichst nicht zur Besinnung und Reflexion, also nicht zu sich selbst zu kommen, aber stimmt es wirklich? Wenn Sykora die Truppe buchstäblich zum Tanzen bringt, der Rock ‚n‘ Roll-Sound der 60er durch den Raum tönt und zumal die Frauen – die Braut bezeichnenderweise mit dem Freund, die Frau nicht ohne Grund mit dem Ehemann – so bodennah und schenkelspreitzend herumwirbeln, dass man es 1919 sofort als „frivol“ bezeichnet hätte, blitzt für ein paar Minuten die Hoffnung auf, dass es vielleicht nur die falschen Paare sind, die sich zuvor zusammenfanden, bevor die Gesellschaft in minutenlangem, gespenstisch-komischem Schweigen verharrt, weil sie sich wieder nichts zu sagen hat, was über Muttis An- und Zurechtweisungen und Vaters öde, seit Ewigkeiten bekannte Geschichten hinausgeht. Mag sein, dass in der Begegnung zwischen der Schwester und dem jungen Mann so etwas wie eine Liebesgeschichte aufkeimt, die doch, man ahnt es, in jenen Konventionen enden könnte, die Brecht und 80 Minuten lang vorführt.
Die Hochzeit ist in der Studiobühne also ein einziges Theatervergnügen, das den, der bloßen Boulevard erwartet, mit einer höheren Form von Boulevard (nichts gegen Boulevard!) überrascht und den, der im Brecht von 1919 den jungen Wilden erblickt, der er unter einer sehr höflichen Oberfläche war, mit einem Unterhaltungsstück erfreut, das gelegentlich zur Gegenwart hinübergrüsst. Denn kann, ja muss man sich selbst als Bayreuther Theaterbesucher in den nur scheinbar überzeichneten Figuren wiedererkennen, die 2026 in der Röntgenstraße auf der Bühne stehen? Die „Spießbürger“ sind ja immer die anderen… Der Vorhang zu und alle Fragen offen?

Foto (c) Thomas Eberlein / Studiobühne Bayreuth
Die Hauptsache aber bleibt unbenommen: Man spielt einfach glänzend. Die Bilder werden bleiben, wie Christoph Schlingensief einmal sagte: Emily Stolte als Schwester der Braut, die sich die Sahne („Man muss sich den ganzen Mund mit vollstopfen“) lustvoll ins gesamte Gesicht schmiert, bis nur noch die Augen zu sehen sind – Wolfram Ster als Vater, der dem Treiben zusehends mit stillem, fast panischem Entsetzen aus dem Hintergrund zuschaut – Klaus Meile als Mutter des Bräutigams, die sich mit unmäßig süßer Miene durchs Stück chargiert – Florian Kolb als Bräutigam, dem, wie ein trauriger Clown (ein häuslich gewordener Verwandter des Tramps), die ganze Traurigkeit ins Gesicht geschrieben steht, bevor er nach dem Fund seiner Puschen extrem glücklich ausatmet – Jürgen Skambraks als Mann, dem die Brille permanent auf die Nase rutscht, wenn er vergeblich versucht, die Fetzen eines letzten Lieds mit der Gitarre zu reproduzieren – Maria Weber, sonnenverbrannt mit Sonnenbrille, mit dem bösen Lächeln der Luxusfrau, die ihren Mann zutiefst verachtet und die Pein des Bräutigams genüßlich kommentiert – Lisa Friedrich als Braut, die wie eine Gespensterbraut das Zentrum des Tischs bildet und extrem „rassig“ tanzt – Oliver Hepp als Freund mit ölig hinübergekämmten Haaren, die er sich gelegentlich ordnet – Fabian Dörnhofer als Karikatur eines jungen Mannes, der mit der Schwester unter dem Tisch verschwindet und derangiert wieder auftaucht. Auch zusammen sind sie stark: Wenn sie stumm in den Dessertschalen kratzen, zusammen anstoßen und im Kollektiv seufzen. Brecht ist da, er wird, bei aller szenischen wie zitathaften Erneuerung, nicht rausgeschmissen, auch wenn oder gerade weil sich sein Porträt unter dem Plunder befindet, das schließlich im erbrochenen Schrank zutage gefördert und beiseite geräumt wird.
Ist es eine Komödie, ist es eine Tragödie? Wohl beides – und zugleich nichts von Beidem. Genug, dass das Bayreuther Theaterpublikum 80 satte Minuten erstklassigen Schauspielertheaters serviert bekommt.
Frank Piontek
