Bach: Goldberg Variations

Wie viele Aufnahmen der Goldberg-Variationen braucht der Musikfreund? Schwer zu sagen. Doch wenn eine neue Einspielung auf den Markt kommt, die einen unmittelbar packt, scheinen die Möglichkeiten der Bach-Interpretation noch nicht ausgereizt zu sein. Nun also hat sich Andrea Turini an das „beautiful Steingraeber grand piano“ gesetzt; von Bayreuth nach San Giovanni Valdarno – wo der Zyklus jüngst aufgenommen wurde – ist es nicht weit. Der Steingraeber klingt tatsächlich wunderschön: sowohl in den hurtigen wie in den langsamen Sätzen, doch kommt’s bekanntlich auf den Spieler an. Für Turini sind die Aria und die 32 Variationen samt Schluss-Quodlibet eine „profonda espressione di umanità“. Das sagt sich leicht, will aber herausgespielt werden. Dem Musiker gelingt’s auf Anhieb, indem er in den Variationen Variationen entdeckt. Mit präzisem wie elegantem Anschlag, der zwischen Bachs und unserer Moderne vermittelt, unterwirft er Bachs Notentext der Lust an der Entdeckung immer neuer Nuancen; nicht erst in den Wiederholungen werden improvisatorisch anmutende Verzierungen angebracht, doch eine Wiederholung ist keine Wiederholung, Turini lässt das, was wir scheinbar schon einmal hörten, beim zweiten Durchgang regelmäßig in einem anderen Licht erschimmern: dunkler, sprudelnder oder gleichsam klüger, als würde sich die Musik erst in der zweiten Fassung darüber klar werden, was sie „eigentlich“ zu bedeuten hat, wenn plötzlich nicht mehr die Hauptstimme (die es bei Bach im Prinzip nicht gibt) oder eine sogenannte Nebenstimme hervortritt. Mit einem Wort: Es macht einfach Freude, auf der Turinischen Spur einen denkbar vielfältigen Bach zu entdecken, der immer von heute ist: nicht allein in der Aria, nicht allein in der mirakulösen 25. Sarabande-Variation mit ihren melodischen Verschlingungen, nicht allein im herzhaften Gequirle der kanonischen Veränderungen. Wie viele Aufnahmen der Goldberg-Variationen braucht der Musikfreund? Keine Ahnung – aber diese sollte man sich mehrmals anhören. Wer weiß, was man beim soundsovielten Wiederhören noch alles wahrnimmt.

Bach: Goldberg Variations. Andrea Turini. 2 CDs. InPianoArt, 2025

Frank Piontek