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Dienstag, 8. September 26

Ideales Wort-Ton-Verhältnis

AllgemeinIdeales Wort-Ton-Verhältnis

Bei Steingraeber: Klavierliedermatinee der Siegfried-Wagner-Gesellschaft.

Wer Wagner begreifen will, muss sich mit dem ganzen Wagner befassen. Dies gilt nicht allein für den Vater. Es gilt auch für Siegfried Wagners Lieder.
Natürlich ist es wieder die Internationale Siegfried-Wagner-Gesellschaft, die sich im Festspielsommer 2026 einem Werkkomplex ihres Namensgebers widmet. Großvater, Vater und Sohn: auch so könnte das schlicht Klavierliedermatinee überschriebene Konzert heißen. Bevor (mit ZUgabe) acht der insgesamt nur 13 Klavierlieder Siegfried Wagners ertönen, hören wir Liedperlen von Franz Liszt und Richard Wagner: drei des Großvaters, vier des Vaters, dann, als größten Block, die (Siegfried-)Wagner-Lieder. Am Steingraeber sitzt mit Lorenzo di Toro, Solorepetitor am Nationaltheater Mannheim, ein erfahrener Liedbegleiter, am Instrument steht mit Nikola Diskić, Beruf: „Bariton am Nationaltheater Mannheim“, ein Sänger, der das praktiziert, was bei jedem Komponisten und jedem Lied vonnöten ist: Deutlichkeit. Er erfasst, da kommt der Opernsänger durch, die Individualität ausnahmslos jedes Lieds, er konzentriert sich auf jedes Wort und jeden Charakter. Theoretisch ausgedrückt: Das Wort-Ton-Verhältnis ist ideal. Praktisch gesagt: Er erfreut sein Publikum durch eine Spannung, die jedes Lied gestaltet durchzieht.
Den Dreiklang von Liszt und den beiden Wagners mit dem Großvater zu beginnen, der Bayreuth über ein Dutzendmal besucht hat, hier starb und hier beerdigt wurde, ist noch nicht originell, aber originell ist es, neben dem bekannten König von Thule mit der Fischerstochter von 1871 und der Vätergruft zwei wesentlich seltener gespielte Lieder aufzuführen. Die Fischerstochter und Die Vätergruft waren hier 2011, im Liszt-Jahr, das letzte Mal zu hören, als Thomas Hampson es zum Besten gab. Diskić betont, sozusagen werktreu, das Pathos des Fischermädchens (eine von typisch liztschen Sparsamkeiten akzentuierte Vertonung aus dem Beginn seiner Spätphase), bringt den König von Thule balladesk-erregt und die Vätergruft tief ernst. Völlig egal, ob er Liszt, Wagner Richard oder Wagner Siegfried singt: all das kommt bei den beiden Herren klar daher: im Konsonantischen wie im Kompositorischen. Also gelingen auch die beiden Mephistolieder Richard Wagners, die französische Fassung der Beiden Grenadiere und der düstre Tannenbaum, ein „Lied in livländischer Tonart“, wie Wagner in Riga schrieb.

Dann aber folgt die Hauptsache: über die Hälfte aller Klavierlieder Siegfried Wagners. Etwa die Hälfte der vertonten Texte hat er selbst geschrieben, der Rest stammt immerhin in zwei Fällen von Nikolaus Lenau, dessen Frühlingsblick und Frühlingstod erklingen. Ein Gedicht stammt von Uhland, auch Frühlingsglaube steht auf dem Programm und komplettiert Siegfried Wagners Frühlings-Zyklus. Von hier zum Opernwerk führt oft nur, über Melodiezitate, ein kurzer Weg, doch unverwechselbar siegfriedwagnerisch klingt Weniges: wie Frühlingstod. Interessanterweise finden sich auch, wenn man nur mit Eidechsenohren zuhört, ferne Anklänge an die Musik seines Vaters, die man für bewusst halten könnte, wenn sie auch über zarte Anspielungen nicht hinausgehen. Nacht am Narocz erinnert vielleicht nicht zufällig zugleich an die Wiederholungsteile des Schubertschen Leiermanns wie an das oft wiederholte Schrittmotiv der Rom-Erzählung Tannhäusers. Das vergleichbare Element ist das mühsame Gehen – dass Siegfried Wagner die Werke seines Vaters nicht allein dramatisch, sondern, gelegentlich und sehr subkutan, auch musikalisch parodiert hat, ist eine Vermutung, die nicht von der Hand zu weisen ist. Mit bloßem Plagiieren hat oder hätte das alles nichts zu tun: Dazu war Siegfried Wagner ein viel zu reflektiert arbeitender Musiker.

Nein, man darf nicht immer auf den arg schwer zeitverhafteten Text hören. Nacht am Narocz ist eine Schauerlichkeit zwischen Schlachtfeld und Heilandsglaube, deren Text selbst Peter Paul Pachl für fragwürdig hielt. Unverkennbar aber ist Wagners Personalton – er hatte einen, und wer diese Art der spätromantischen, aber auch „neckischen“ (so nannte man das, glaube ich, damals) Musik mag, wird in der guten Lied-Stunde einen harmonisch gelegentlich geistreichen Komponisten studieren können, der die unverstellte Melodie liebte. Ihm gelangen bisweilen bezaubernde Einfälle: das Programm endet offiziell mit der viertelstündigen Erzählung vom dicken, fetten Pfannkuchen: ein Märchen, wie geschaffen, Wagners Inneres in einem „märchenhaften“ Sujet zu verbergen und zu sublimieren.

Zuletzt gibt man als Zugabe das Wahnfried-Idyll. Im Saal sitzt Verena Lafferentz, eine Urenkelin des Texters und Komponisten, deren Großmutter zwei Jahre nach der Komposition des Lieds geboren wurde, infolgedessen also noch nicht im Liedtext genannt werden konnte. Der Moment ist trotzdem berührend. Da begegnen sich die Familienmitglieder und Epochen über die Zeiten hinweg, verbunden durch die Musik und die intim-humorvolle Lyrik. Sie wurde von einem Komponisten geschaffen, dessen Lieder musikalisch eher konventionell, doch nie trivial sind. Was wichtiger ist, ist die Persönlichkeit, denn für Siegfried Wagner, der nur eine Handvoll Lieder schrieb, die auf eine CD gebracht werden konnten, scheint jedes Lied ein Herzensanliegen gewesen zu sein. Darauf verweisen nicht allein die Texte, sondern auch die (möglichen und wirklichen) Anspielungen auf eigene und fremde Werke. Umso spannender, sie jetzt, eingeleitet von einer Einführung Achim Bahrs, von zwei Könnern präsentiert bekommen zu haben: die „Nebenwerke“ eines auf seine Weise repräsentativen wie außergewöhnlichen Musikers der Epoche.

Frank Piontek

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