Schätze in der „Provinz“
Die Eichstätter Residenz der Herzöge von Leuchtenberg
„Aichstädt, die dritte und südlichste bischöfliche Residenz in Franken, ist noch jetzt Sitz eines Bischofs und zugleich Fürstenthum der Herzöge von Leuchtenberg unter baierischer Oberhoheit“ – so zu lesen bei Gustav von Heeringen.
Man sollte mal wieder ins schöne Eichstätt fahren… In Eichstätt, das seit Ende 1805 zu Bayern gehörte, wurde 1817 ein Herzogtum gegründet, das mit nur 613 qm klein, aber fein war. Die neuen Leuchtenberg, nur vom Namen her Nachfolger einer mittelalterlichen und längst ausgestorbenen Fürstenfamilie, ein adeliges Resultat der napoleonischen Macht- und Familienpolitik, ein Ergebnis der ehelichen Verbindung von Napoleons Stiefsohn Eugène de Beauharnais’ mit Auguste Amalia, einer Tochter König Max I. Josephs von Bayern, gelangten nach der Vertreibung aus Italien in die Heimat der Ehefrau. Als Ersatz für das italienische Vizekönigtum verlieh man Eugène den Titel eines Fürsten von Eichstätt, wo 1817 eine Verwaltungsherrschaft für ihn eingerichtet wurde. Zwar bestand diese Herrschaft nur bis 1833, doch die letzten Leuchtenbergischen Besitzungen, die das Fürstentum seit 1817 geprägt haben, gingen erst 1855 in bayerischen Besitz über – da war Eichstätt schon lange fränkisch. Somit waren es drei Fürsten, die Eichstätt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Stempel aufgedrückt haben: Eugène und seine beiden Söhne August (1810 – 1835) und Maximilian von Leuchtenberg (1817 – 1855).
Wer heute die Residenz besucht, mag nicht mehr viel vom einstigen höfischen Glanz erkennen. Tatsächlich ist die bislang in der Literatur zu findende Auskunft, dass es mit den Leuchtenberg in Eichstätt sowohl in wirtschaftlicher wie kultureller Hinsicht nicht weit her war, stark korrekturbedürftig. Es bedurfte eines Studientages zum 200. Todestag Eugène de Beuaharnais’ im Jahre 2024 und einer mit höchst detaillierten Beiträgen und 143 erstklassigen Farbabbildungen ausgestatteten Bandes, um das Bild der Leuchtenberg in Eichstätt gerade zu rücken. Die sechs Beiträger konzentrieren sich auf die Person des ersten Leuchtenberg, also des Napoleon-Stiefsohns, und auf die ehemaligen Raumausstattungen der Residenz, die heute als Landratsamt genutzt wird, in dem nur wenige Räume öffentlich zugänglich sind und das Meiste der einstigen, hoch kostbaren Ausstattung nicht mehr am Ort oder verschollen ist.
Was blieb, ist beeindruckend genug, ja: wohl nicht allein für die Tapetenwissenschaftlerinnen Sabine Thümmler und Elisabeth Caude, einzigartig. Der Begriff begegnet überhaupt öfters im Band: die Tapeten und der Draperie-Dekor bilden, so der Herausgeber und Beiträger Jörg Ebeling, „ein ebenso kostbares wie kunst- und kulturhistorisch bedeutendes Ensemble, das der Fachöffentlichkeit bislang zu Teilen unbekannt war.“ Die beiden Kennerinnen der äußerst hochwertigen zeitgenössischen Tapetenkunst, die von Frankreich ins spätere Franken importiert wurde, rücken damit die Eichstätter Residenz „mit Fug und Recht in die erste Liga der wichtigsten Residenzen mit Tapetendekor“. O-Ton Caude: „Das Eichstätter Gästezimmer der Leuchtenberg, in dem die ‚Tontisse‘-Technik für eine große Wandfläche verwendet wurde, ist ein außergewöhnliches und seltenes Beispiel für diese Mode.“
Eichstätt spiegelt, schreibt Hans Ottomeyer, „in diesem Welttheater seine Rolle als Refugium und Spiegel der Mentalitäten“. Zur Mentalität der Leuchtenberg gehörte, neben einem auserlesenen Geschmack für schönste Stoffe, Raumkompositionen und Dekorationen, ein Interesse an den Naturwissenschaften, das sich nicht auf das Sammeln von Fossilien, Mineralien und zoologischen Präparaten beschränkte. Alle drei Herzöge haben sich als Kenner der Materie erwiesen, Eugène und Maximilian wurden aufgrund ihrer Arbeiten sogar, und gewiss nicht aus Standesgründen, zu Ehrenmitgliedern der Akademie der Wissenschaften in München ernannt. Dass schon 1831 mit der offensichtlich erstklassigen Präsentation der erstklassigen Sammlungen auch die Ansätze zu einem öffentlichen Museum geschaffen wurden, versteht sich fast von selbst. Sylvia Krauss-Meyl macht zuletzt auf die hochbedeutende, selbst die Münchner Bestände übertrumpfenden „Schatzkammern der Naturgeschichte“ (Franz von Kobell 1843) der Leuchtenberg aufmerksam, die nach dem Tod Herzog Maximilians v.A. nach München transferiert wurden und im zweiten Weltkrieg empfindlichste Verluste erlitten. „Eine der berühmtesten Naturaliensammlungen in Europa“ ist somit nur noch in freilich bedeutenden Restbeständen erhalten wie die Raumausstattung der Eichstätter Residenz, die von der Baiern- zur Frankenzeit alles andere als provinziell war. Diesen Schatz erstmals in Form einer in jedem Sinne farbigen, aus den tiefsten Quellen schöpfenden Überlieferung in Erinnerung gerufen, ansatzweise rekonstruiert und in prächtigen Fotos präsentiert zu haben ist eine Leistung, die angesichts der bisherigen Literatur über das Fürstentum Eichstätt und seine Residenz kaum überschätzt werden kann.
Jörg Ebeling (Hrsg.): Die Eichstätter Residenz der Herzöge von Leuchtenberg. Franz Schiermeier Verlag, München 2025. 152 Seiten, 143 farbige Abb., 19 Euro.
Frank Piontek
