Gregor Gysi im Zentrum
Der Bühnentechniker richtet schon mal das Licht ein: Rot auf rotem Vorhang.
Rot – so könnte man auch das Lebensprogramm des Gregor Gysi bezeichnen, würde sich nicht mit der Farbe eine Assoziation verbinden, die von der bürgerlichen Mitte längst zum ideologischen Alteisen gepackt wurde. Kommunismus, Sozialismus, das sind so Begriffe, mit denen man immer noch die Massen – zurecht – erschrecken kann. Doch sind all die Besucher, die den Europasaal im Bayreuther Zentrum bei Auf ein Wort, Gregor Gysi! bis zum letzten Platz füllen, Sympathisanten des einmal existiert habenden, existierenden oder erträumten „Realsozialismus“? Sicher nicht. Und hört man genau zu, bemerkt man schon schnell, dass all das, was Gysi auf der Bühne, zusammensitzend mit dem Journalisten und Stichwortgeber Hans-Dieter Schütt, am Abend proklamiert, nichts weiter ist als die altehrwürdige Forderung nach menschenwürdigen Verhältnissen, die nur noch in den immer reaktionärer werdenden USA als „kommunistisch“ gelten. Kein Wunder, dass es beim Thema Mietpreisbremse Szenenapplaus gibt, kein Wunder auch, dass Gysis Kritik am juristischen und parlamentarischen Fachjargon, der sich von der „normalen“ Sprache abgekoppelt und nicht unwesentlich zur Politiker- und Demokratischeparteiverdrossenheit beigetragen hat, verstanden wird. Dass die Linke im Bundestag auf der Oppositionsbank sitzt und dort, wo es um die bloße Mehrheit geht („… weil es um Mehrheiten und nicht um Wahrheiten geht“: so heißt ein Buch Gregor Gysis), um ihre Existenzberechtigung kämpft, muss selbst dem ins Gedächtnis gerufen werden, der ansonsten die CDU wählt: denn ohne die Linke im Parlament, so Gysi, würde sie auch aus der Gesellschaft verschwinden, damit auch jene Positionen, die so radikal ausschließlich von der Linken bearbeitet werden wie die skandalöse Forderung nach einem Wohnen, das sich jeder Mensch leisten kann, wie die Frage nach Vergesellschaftungen von existenz- und weltvernichtenden Monopolbetrieben. „Christlich“-demokratisch? Gysi würde, sagt der politische Eulenspiegel, aus der CDU hinausgeworfen werden, wenn er mit der Bergpredigt in der Hand daherkäme.
Natürlich kommt man in erster Linie ins Zentrum, um eine politische Berühmtheit zu sehen, von der man aus Funk und Fernsehen weiß, dass sie eminent unterhält und 90 Minuten wie im Flug vergehen. Gysi hüpft von Thema zu Thema, von Assoziation und Assoziation – und hält sie mit dem Willen zum großen Ganzen zusammen. Er geht sofort in die Gegenwart der politischen Weltlage hinein und widmet sich nach der Pause den Gesetztexten der DDR und seiner Familie. Alles hängt mit Allem zusammen: der Generationenvertrag und die Aufrüstung, die unbedingte und theoretisch jederzeit möglich sein sollende Wahrung von Minderheitenrechten und -meinungen, eine irre Finanzpolitik und Willy Brandts Ostversöhnung, das Institut des Anwalts und die Arbeit in der Opposition. Gysi, um keine Pointe verlegen, unterhält sein Publikum auf jenem Niveau, auf dem es ihm folgen kann, ohne für blöd verkauft zu werden. Chapeau!
Im Übrigen ist Rot eine sehr schöne Farbe.
Frank Piontek
Foto (c) privat
